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1968 in den Redaktionen : Mitten hinein ins wilde Getümmel

Blockade: Demonstranten wollen am 15. April 1968 die F.A.Z. stürmen. Bild: Foto AP

Reporter erinnern sich an ihre Berichterstattung über die Studentenaktionen des Jahres 1968. Während jenes wildbewegten Jahres war die publizistische Frontlage in Frankfurt klar.

          Die F.A.Z. ist der Gegner gewesen. Die „Frankfurter Neue Presse“ hat niemand gelesen. Die „Frankfurter Rundschau“ wiederum stand den Studenten nahe und bekam deshalb am meisten Kloppe. So hat eine Alt-Achtundsechzigerin aus dem Publikum bei der Veranstaltung „1968 in den Redaktionen“ am Dienstag im Historischen Museum die publizistische Frontlage in Frankfurt während jenes wildbewegten Jahres beschrieben.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Fehlt noch der Hessische Rundfunk, für den damals Bianca Riemann über Demonstrationen, Sit-ins und Besetzungen berichtete. Sie habe in ihren Beiträgen, so erinnerte sich die freie Mitarbeiterin, nicht nur über Ort und Zeit der Aktionen sowie die Vorgänge dort berichtet, sondern auch versucht, das „Warum?“ zu thematisieren. Oft sei die Nachrichtenredaktion daran aber nicht interessiert gewesen.

          Ins Schlachtgetümmel

          Für die Frankfurter Lokalredaktion der F.A.Z. schrieb 1968 häufig Thomas Kirn über die Geschehnisse während der studentischen Protestaktionen. Im Gegensatz zu den Kollegen von der „Frankfurter Rundschau“, die, weil sie den Studenten am nächsten gestanden hätten, von diesen immer am meisten kritisiert worden seien, sei er als F.A.Z.-Mann kaum angegangen worden: „Ich galt als liberal-faschistoides Arschloch, dem nicht mehr zu helfen war.“

          Alles andere als ein Achtundsechziger-Revolutionär war Michael Spreng, der sich damals für die „Frankfurter Neue Presse“ als Reporter ins Schlachtgetümmel stürzte. Als rebellische Schüler damals die Bettinaschule besetzten und deren Umbenennung in Rosa-Luxemburg-Schule verlangten, gründete er mit Gleichgesinnten die Gruppe „Positive Nihilisten“, die als neuen Namen Konrad-Adenauer-Schule vorschlug. Das sollte eine Provokation sein und war es auch für die Achtundsechziger. Weshalb Günter Amendt, einer der damaligen Wortführer der Studenten, Spreng als „Arschloch“ titulierte – worauf der spätere Chefredakteur der „Bild am Sonntag“ noch heute ein wenig stolz ist.

          Stoff für viele Artikel

          Der Vierte im Bund der ehemaligen Reporter im Jahr 1968, Wolf Gunter Brügmann, arbeitete für die „Frankfurter Rundschau“ und war der erste aus seiner Redaktion, der die Demonstrationen und Proteste an Ort und Stelle verfolgte und mitten aus dem Geschehen berichtete. Einmal, so erinnerte er sich, sagte Hans-Jürgen Krahl, der intellektuelle Anführer der Frankfurter Achtundsechziger, in einer Kneipe zu ihm, die Studenten verschafften ihm mit ihren vielen Aktionen den Stoff für viele Artikel. Er müsse deshalb seinen Verdienst mit ihnen teilen. Und Brügmann gab danach immer mal wieder eine Runde aus.

          Ob die Achtundsechziger gezielt die Medien zu nutzen versuchten, wollte der Moderator des Abends, Presseamts-Chef Stefan Jäger, von den inzwischen längst im Ruhestand lebenden Journalisten wissen. Nein, antwortete Spreng, Pressearbeit hätten die Aktivisten nie betrieben: „Die Aktionen waren ihre Öffentlichkeitsarbeit.“ Journalisten, die etwas über den Polizeibericht hinaus von den Vorkommnissen erfahren wollten, mussten zu den Demonstrationen und Besetzungen gehen, um etwas reportieren zu können. Brügmann vergleicht sein damaliges Vorgehen mit der Feldforschung der Ethnologen: „Mit dem Blick von außen aus dem Inneren berichten.“

          Freies Arbeiten trotz konservativer Haltung des Ressortleiters

          Doch konnten die damals noch sehr jungen Reporter auch in ihren Artikeln niederschreiben, was sie erlebt hatten? Wurden ihre Artikel so gedruckt, wie sie diese verfasst hatten, oder schrieben womöglich die Vorgesetzten sie um? Seine Berichte seien nie zensiert worden, erinnerte sich Kirn. Das Arbeiten in der Lokalredaktion der F.A.Z. sei ein sehr freies gewesen, wiewohl der Ressortleiter stark konservative Haltungen vertreten habe.

          Spreng bezeichnete das Klima bei der „Neuen Presse“ als ausgesprochen offen. Eingriffe in die Artikel habe es auch hier nicht gegeben. Allerdings habe über viele Aktionen der Studenten ein extrem konservativer Polizeireporter berichtet, der immer die Sicht der Polizei übernommen und die Polizeiberichte einfach nur ein wenig umgeschrieben habe. Doch insgesamt sei es damals eine Lust gewesen, Reporter zu sein.

          Haben sich die Redaktionen aufgrund der Achtundsechziger-Ereignisse verändert? Auf die Art des Zeitungsmachens in der F.A.Z. habe „68“ keine Auswirkungen gehabt, glaubt Kirn: „Wir sahen in der Lokalredaktion keinen Grund, unsere Arbeit zu verändern.“ In der „Frankfurter Rundschau“ kam in jener Zeit laut Brügmann dagegen die Forderung nach Mitbestimmung auf. Herausgeber Karl Gerold habe indes gesagt: „Bei mir gibt’s keinen Kommunismus. Ich will jederzeit jeden rausschmeißen können, wenn ich das für nötig halte.“

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