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190 Bäume im Weg : Das große Umtopfen im Europaviertel

Müssen weichen: die jungen Bäume im Frankfurter Europaviertel. Bild: Wonge Bergmann

Weil die Frankfurter Stadtbahnlinie 5 umgeplant werden muss, stehen jetzt 190 Bäume im Weg.

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          Sie sind noch recht schmächtig. In zwei langen Reihen säumen die Bäume im Frankfurter Neubaugebiet Europaviertel die sogenannte Europaallee, die ohne dieses „Straßenbegleitgrün“, so der Terminus technicus, ja keine Allee, sondern nur eine Straße wäre. Die CA Immo, ehemals Vivico, hat vor sechs Jahren 285 Spitzenahorne und Purpureschen beidseitig des Boulevards in Doppelreihen gepflanzen lassen - jetzt sind die meisten im Weg: 190 dieser Bäume müssen verpflanzt werden, weil die Stadt ihre Pläne geändert hat. Falls das noch geht, denn die Gehölze sind inzwischen schon fünf bis sieben Meter hoch.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Stadtbahnlinie 5 soll nicht mehr unterirdisch, sondern teilweise oberirdisch durch das Europaviertel laufen. Viele Millionen Euro will die Stadt dadurch sparen. Dumm nur, dass ihr das erst relativ spät einfiel. Als Vivico den östlichen Teil des Europaviertels erschloss, musste das Unternehmen der Stadt vertraglich zusichern, dass es auch für die Infrastruktur aufkommt. Es ist üblich, dass private Eigentümer für die Öffentlichkeit die Straßen und Kanäle bauen, denn immerhin verdienen sie mit der Vermarktung der Grundstücke viel Geld. Auch Parks und Pflanzen gehören zu den Aufgaben, die in städtebaulichen Verträgen geklärt sind. Vivico hat sich an die Absprache gehalten.

          Nur eine kurze Reise

          Doch dann kam das Haushaltsloch. Und die Umplanung: Damit die U-Bahn aus dem Untergrund auftauchen kann und auf dem Mittelstreifen auf der Europaallee fahren kann, muss der Querschnitt der Straße verbreitert werden. Die erste Reihe der Bäume an der Bordsteinkante steht dem im Wege. Sie muss versetzt werden. Doch bei dem Alter der Gehölze ist es keineswegs gesagt, dass sie auch am neuen Standort wieder Wurzeln schlagen. Das Verkehrsdezernat arbeite derzeit an einem Konzept, wie Kim Bartelt, der persönliche Referent des Dezernenten sagt. Aber er ist guter Hoffnung: „Die kann man problemlos umpflanzen.“

          Weit reisen sollen sie nicht: Die Bäume müssen nur einmal die Emser Brücke unterqueren, die das Europaviertel in zwei Hälften teilt, eine östliche und eine westliche. Im westlichen, stadtauswärts gelegenen Teil ist die Entwicklung noch nicht so weit voran geschritten, dort steht noch kein Baum. Und deshalb sollen die Bäume dorthin „direkt rübergepflanzt“ werden, wie Bartelt sagt. Für dieses Gebiet, in dem vor allem Wohnhäuser gebaut werden, ist das Unternehmen Aurelis zuständig. Es veräußert die Grundstücke und muss dort für die Infrastruktur sorgen. Auf dieser Seite der Emser Brücke kann Aurelis auf die geänderten Pläne der Stadt noch reagieren, allerdings braucht das seine Zeit: In diesem Jahr sollen die ersten Bäume im ersten, „Boulevard West“ genannten Abschnitt den Platz wechseln, entsprechend den Plänen für die auch dort verlaufende Stadtbahn.

          Der Parteibasis vermitteln

          Der Rest kommt später, parallel zum Baufortschritt soll es mit dem Umtopfen vorangehen: Insgesamt kann sich das bis 2016 oder 2017 hinziehen. Dann soll die neue Stadtbahn fertig sein, mit deren Bau Ende des Jahres an der unterirdischen Station Güterplatz begonnen wird. Von dort wird die verlängerte U5 dann auf einer langen Rampe nach oben geführt. Wenn alles fertig ist, sollen 465 Bäume den Boulevard schmücken, insgesamt sind im Europaviertel 1280 Gehölze geplant.

          Für die zusätzlichen Kosten kommt CA Immo allerdings nicht auf. „Wir haben unsere Schuldigkeit getan“, sagt ein Sprecher. Weil die VGF die samt Ampeln, Kanälen, Asphaltdecke und Bordsteinkante schon fertige Straße noch einmal aufreißen muss, trägt die Stadt dafür die Kosten. Das Verkehrsdezernat erstellt gerade eine Bau- und Finanzierungsvorlage, der die Stadtverordneten noch zustimmen müssen. Darin soll auch stehen, was die Umtopfaktion kostet. Der Magistrat will das Papier im Februar beschließen, Ende Januar wird das noch ausstehende Planfeststellungsverfahren eingeläutet.

          Verkehrsdezernent Stefan Majer (Die Grünen), der die Umplanung vorangetrieben hat, ist nicht zu beneiden, wenn er seiner Parteibasis vermitteln muss, dass 190 Bäume wieder ausgebuddelt werden müssen. Naheliegend, dass schon der nicht ernst gemeinte Vorschlag laut wurde, die Bäume ins Nordend zu verfrachten. Dort hat die Koalition gerade einen Proteststurm geerntet, weil sie zehn Bäume fällen ließ, die dem Bau einer Quartiersgarage an der Glauburgschule im Weg waren. Anwohner widersetzten sich energisch, aber letztlich vergeblich. Einige sprachen sogar von einem „schwarz-grünen Baummassaker“. Auf den kahlen Baumstümpfen brannten in den vergangenen Tagen kleine Ewigkeitslichter.

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