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150 Jahre IHK Wiesbaden : Sekt, Zement und Wirtschaftspolitik

Bescheidener als heutzutage: Das alte Gebäude der IHK an der Wiesbadener Adelheidstraße wurde im Zweiten Weltkrieg beschädigt. Nach dem Krieg wurde es der Kammer dort bald zu eng. Bild: IHK Wiesbaden

1865 stehen in Wiesbaden die Zeichen auf Wachstum: Die Industrie- und Handelskammer gründet sich. Zu Beginn standen Sekt und Wein im Mittelpunkt, später handfestere Erzeugnisse. An diesem Mittwoch feiert die Kammer ihr Gründungsjubiläum.

          2 Min.

          Man schreibt das Jahr 1865. Fjodor Dostojewski bringt in der Wiesbadener Spielbank 3000 Rubel durch. Die Weltkurstadt befindet sich in einem langanhaltenden Aufschwung. Und von dem profitiert auch die dort ansässige Wirtschaft ganz erheblich.

          Ewald Hetrodt
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Die Zeichen stehen auf Wachstum, und eine Reihe von Unternehmern erkennen die Gunst der Stunde und die Chance, sie zu nutzen. „Ein fruchtbares Feld liegt vor uns“, konstatiert der Rüdesheimer Weinhändler Theodor Dilthey. Er verfasst gern Gedichte zum Lobe des Weines und hat auf Geschäftsreisen nach England und Russland eine gewisse Weltläufigkeit erworben. Außerdem gilt er als guter Redner.

          So wird er am 11. Februar 1865 in der ersten Sitzung der Handelskammer zum Präsidenten gewählt. „Der Anfang und die Tätigkeit fallen in eine höchst bedeutungsvolle Periode der deutschen Handelsgeschichte“, führt er damals aus.

          Glanzvoller Auftritt: Das Erbprinzenpalais an der Wilhelmstraße ist seit 1968 im Besitz der IHK Wiesbaden.
          Glanzvoller Auftritt: Das Erbprinzenpalais an der Wilhelmstraße ist seit 1968 im Besitz der IHK Wiesbaden. : Bild: Cornelia Sick

          Viele Mitglieder der Kammer hätten Verbindungen zur Revolution des Jahres 1848 aufzuweisen gehabt, schreibt der Wirtschaftshistoriker Ulrich Eisenbach. So gesehen, war sie von Anfang an auch eine politische Organisation. Aber in erster Linie ging es um Geschäfte – zunächst vor allem um Wein und Sekt.

          Im Jahr 1883 versammelte die Handelskammer die Vertreter aller deutschen Weinanbaugebiete in Wiesbaden, um die geplante Reichsweinsteuer zu Fall zu bringen.

          Ebenso erfolgreich trat die Kammer auch für den Schutz der Wiesbadener Marken ein. Hugo Asbach, der Erfinder der Weinbrandpralinen aus Rüdesheim, war ebenso jahrelang Präsident der Kammer wie Karl Henkell, der Inhaber der gleichnamigen Sektkellerei. Er starb 1944 bei einem Bombenangriff auf sein Werk.

          Besuch aus Bayern: 1972 schaute der damalige CSU-Chef Franz Josef Strauß in der Wiesbadener Kammer vorbei. Der Hauptgeschäftsführer der Kammer, Werner Artelt, begrüßte den Gast.
          Besuch aus Bayern: 1972 schaute der damalige CSU-Chef Franz Josef Strauß in der Wiesbadener Kammer vorbei. Der Hauptgeschäftsführer der Kammer, Werner Artelt, begrüßte den Gast. : Bild: IHK

          Auch das Haus der Kammer an der Adelheidstraße wurde schwer beschädigt. Zwar konnte es wiederhergestellt werden. Doch die Umwandlung der Organisation in eine Körperschaft des öffentlichen Rechts und immer mehr Aufgaben ließen das Domizil zu klein werden. So erwarb man 1968 das Erbprinzenpalais an der Wilhelmstraße. Die Sanierung nahm drei Jahre in Anspruch. Inzwischen ist nach den Vorgaben des Denkmalschutzes auch die Fassade restauriert worden – und ein Aushängeschild der Wiesbadener Wirtschaft.

          Dass sie nicht nur durch den Handel geprägt wurde, sondern auch bedeutende Industrielle in ihren Reihen hatte, belegt schon der Name der Familie Dyckerhoff. Weil sie zu den Zeiten des Herzogs von Nassau in Hattenheim keine Genehmigung für den Bau eines Zementwerkes bekam, siedelte sie sich mit ihrem Unternehmen im heutigen Wiesbadener Stadtteil Amöneburg an – und schrieb dort Stadtgeschichte. Hans Dyckerhoff setzte sich als Präsident der Kammer nicht nur erfolgreich für den Bau der Rhein-Main-Hallen ein. Gemeinsam mit anderen Unternehmern beteiligte er sich sogar an der Finanzierung des Gebäudes. Inzwischen sind alle Anteile in die Hände der Stadt übergegangen.

          Gerade wird das in die Jahre gekommene Kongresszentrum abgerissen. Der Neubau soll rund 195 Millionen Euro kosten. Er sei lebenswichtig für die Wirtschaft, sagen die Kommunalpolitiker. Aber im Unterschied zu den längst vergangenen Zeiten finanziert die Kommune das Projekt allein, also mit den Banken.

          Bis zum April des vergangenen Jahres stand der Unternehmer Gerd Eckelmann an der Spitze der Wiesbadener IHK. Im Laufe seiner zwei Jahrzehnte langen Amtszeit wurde der Pflichtbeitrag der Mitglieder achtmal gesenkt. Gleichzeitig hat die Kammer ihre Rolle neu definiert. Neben ihrer gesellschaftlichen Rolle als Interessenvertretung versteht sie sich mehr und mehr auch als serviceorientierter Dienstleister der Unternehmen.

          Eckelmanns Nachfolger, der Steuerberater und Wirtschaftsprüfer Christian Gastl, ist mit seinen 41 Jahren der jüngste Präsident aller 80 Industrie- und Handelskammern in Deutschland. Der morgige Empfang zum Jubiläum ist der erste in seiner Amtszeit.

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