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„F.A.Z.-Leser helfen“ : Blinde Passagiere und laufende Zuckerwatte

Leseabenteuer: Gespannte Zuhörer in der Bad Homburger Buchhandlung Supp bei den „Sonntagsgeschichten“ Bild: Rainer Wohlfahrt

Wenn Barbara van den Speulhof erzählt, dann werden ihre Weihnachtswichtel lebendig, und die Vorfreude auf den Advent wächst mit jedem Kapitel ein wenig mehr.

          Vorlesen ist die beste Vorbereitung auf das Lesen überhaupt. Diese Botschaft ist in den vergangenen Wochen angesichts des Vorlesetags immer wieder zu hören gewesen. So könnte man meinen, wenn eine Autorin eine Geschichte vorliest, die sie selbst geschrieben hat, dann ist das der perfekte Einstieg, damit junge Zuhörer unbedingt dieses Buch haben möchten, um zu erfahren, wie es ausgeht. Als ein kleines Mädchen am Ende von Barbara van den Speulhofs Lesung des Buchs „13 wilde Weihnachtskerle“ gefragt wird, ob sie denn das Buch haben möchte, schüttelt sie jedoch den Kopf.

          Patricia Andreae

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Warum, das sagt sie nicht. Vielleicht glaubt sie, dass niemand die Geschichte so lebendig vortragen kann wie die Autorin. Der hatten zuvor die Kindern voller Aufmerksamkeit zugehört. Viele hatten es gar nicht erwarten können. „Noch eine Minute“, sagte ein Junge kurz vor Beginn der Lesung der „Sonntagsgeschichten“ zugunsten der Aktion F.A.Z.-Leser helfen. Dann zählten die Kinder, die es sich auf einer kuscheligen Decke auf dem Boden von Supps Buchhandlung in Bad Homburg gemütlich gemacht hatten, gemeinsam bis 60.

          Um klarzumachen, wer diese merkwürdigen Kerle eigentlich sind, stellte die Autorin jeden einzeln vor und das mit solcher Verve, dass die etwa aktenordnergroßen Männlein zu lebendigen Charakteren zu werden schienen. Um zu illustrieren, woher sie stammten, war auf der Leinwand hinter ihr ein großer Berg mit schneebedeckter Spitze und rotgoldenen Bäumen am Fuße zu sehen – ein Berg in Island, jenem Land, das eine ganz besondere Beziehung zu Feen, Trollen und anderen märchenhaften Gestalten hat.

          Vielleicht auch nur eine alte Kartoffel

          Dort gibt es tatsächlich 13 Weihnachtsmänner, es sind die Söhne der jahrhundertealte Trollfrau Grýla. Und die lässt ihre 13 Söhne so gut wie nie aus ihrer Höhle. Außer im Dezember, wenn es draußen richtig kalt ist, Schnee fällt und kaum hell wird, denn bei Sonnenlicht erstarren Trolle zu Stein, so lautet die Sage. Die Kinder in Island legen in der Weihnachtszeit an 13 Abenden ihre Schuhe auf den Fenstersims und hoffen, dass ihnen eines der Weihnachtsmänner etwas mitbringt. Allerdings: War man nicht wirklich artig, kann es sein, dass man in seinem Schuh nur eine alte Kartoffel findet.

          Lesekünstlerin: Barbara van den Speulhof entführt in die Welt der Wichtel.

          Barbara van den Speulhof hat in ihrem Buch die isländische Sage mit hiesigen Gepflogenheiten verbunden. Das bedeutet, dass ihr Buch 24 Kapitel hat, also bestens in die Weihnachtszeit passt. So können die Kinder mit Smilla und Snorre mitfiebern und hoffen, dass sie tatsächlich einen Weihnachtsbaum bekommen, den sie sich so sehnlich wünschen.

          Den gibt es in Island normalerweise nämlich nicht, wie sie erfahren. Und man kann dort auch nicht einfach in den Wald gehen und eine Tanne besorgen. Das liege wohl an den Wikingern, die so viel Holz für ihre Boote gebraucht hätten. Manchem der erwachsenen Zuhörer kam die Idee, das Holz sei vielleicht für die Sterne und Herzen aus unbehandelten Baumscheiben verwendet worden, die sich in der Buchhandlung türmten.

          Allerhand Unglaubliches

          Sie erfahren aber auch, wie es kommt, dass eine Hamburger Vereinigung jedes Jahr einen Tannenbaum stiftet, der in der isländischen Hauptstadt vor dem Rathaus aufgestellt wird. Es sei ein Dank an die isländischen Fischer, die den Hamburgern im Krieg geholfen hätten, erzählte Speulhof und fügte einen Buchtipp hinzu, „Frauen, Fische, Fjorde“ über deutsche Einwanderinnen in Island nach dem Krieg. Über den Hamburger Weihnachtsbaum in Reykjavík stellt sie auch die Verbindung her, die ihre 13 Weihnachtswichtel in die Hansestadt bringt, in einer abenteuerlichen Schiffsfahrt als Blinde Passagiere und dann mit einem Orangenlaster auf den Weihnachtsmarkt.

          Dort geschieht allerhand Unglaubliches, schließlich laufen 13 Berge Zuckerwatte herum. Denn eigentlich sind die Wichtel unsichtbar, außer für Kinder oder wie einer von ihnen sagt: „Sehen können uns nur die, die glauben, dass Geschichten wahr sind.“ Das wünschen sich am Schluss manche der Kinder, und die meisten wollen wissen, wie es ausgeht, und lassen sich von Barbara van den Speulhof, die für die Benefiz-Lesung auf Honorar verzichtet, ihr Buch signieren, während draußen eine Bimmelbahn durch die dämmrige Louisenstraße fährt und Weihnachtbeleuchtung aus den Schaufenstern scheint.

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