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100 Jahre Leica-Fotografie : Die Welt zeigen, wie sie ist

Ohne die handliche kleine Kamera wäre die Geschichte des Lichtbilds eine andere: Das Fotografie Forum Frankfurt zeigt „Augen auf! – 100 Jahre Leica-Fotografie“.

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          Heinrich Kühn war schlicht entsetzt. „Inzwischen“, notierte der in Dresden geborene Pionier der Fotokunst im Jahr 1935, „inzwischen habe ich eine Leica-Ausstellung von 100 ‚Bildern‘ gesehen. Furchtbar!“ Dabei war Oskar Barnacks bahnbrechende Erfindung zu diesem Zeitpunkt schon gut und gerne 20 Jahre alt und seit zehn Jahren auf dem Markt – der Erste Weltkrieg hatte die Einführung der Leica um zehn Jahre verzögert. Das Bauhaus und namentlich László Moholy-Nagy prägten schon seit Jahren das Neue Sehen, Henri Cartier-Bresson hatte als Pionier der „Photographie humaniste“ mit „Hinter dem Bahnhof Saint-Lazare“ eine seiner bis heute als stilbildend geltenden Aufnahmen geschossen, und Robert Capa sollte in Spanien schon im Jahr darauf sein Bild des „Falling Soldier“ machen.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Aufnahmen, die es ohne die schnelle, kleine, handliche und gleichsam mitten im Geschehen einsetzbare Kleinbildkamera nicht gegeben hätte. Die Leica, daran gibt es heute keinen Zweifel mehr, leitete einen Paradigmenwechsel ein, nicht nur im frühen Bildjournalismus der zwanziger und dreißiger Jahre, sondern für die Fotografie überhaupt, Vergleichbares sollte das Medium erst mit dem Siegeszug der Digitalfotografie und dem Smartphone wieder erleben. Heinrich Kühn aber hatte als selbstredend mit der Plattenkamera arbeitender Piktoralist die neue Zeit ganz offenbar verpasst – und hat das schlicht nicht sehen wollen.

          Viele Entdeckungen zu machen

          Genau das leistet nun im Rückblick eine fulminante, aufgrund der schieren Masse der gezeigten Bilder freilich auch ein wenig unübersichtliche Ausstellung im Frankfurter Fotografie Forum. „Augen auf! – 100 Jahre Leica-Fotografie“ heißt die von dem Fotohistoriker Hans-Michael Koetzle zum Jubiläum im vorigen Jahr entwickelte Schau, die nach der Premiere in den Hamburger Deichtorhallen nun am Main zu sehen ist und anschließend weiter nach Berlin, Wien und München wandert. Sie prunkt nicht nur mit zahlreichen Ikonen der Reportagefotografie wie Nick Úts Aufnahme der vor Napalm-Bomben flüchtenden Zivilisten in Vietnam, sondern erzählt auch eine Stilgeschichte des Mediums von der Moderne bis zur postmodernen Stilvielfalt der Gegenwart, vom Neuen Sehen über die „Photographie humaniste“ bis zu Modeaufnahmen, für die Namen wie F.C.Gundlach und Frank Horvat stehen, von der subjektiven Fotografie über die Autorenfotografie bis zur Street Photography und zur künstlerischen Fotografie. Manche mit der Leica verbundene große Namen mag man vermissen, andere, wie Barbara Klemm, nicht gerade überrepräsentiert finden. Aber es ist halt alles ziemlich viel und trotzdem immer auch zu wenig.

          Das liegt sicher daran, dass die Firma Leica nicht über eine eigene, systematisch aufgebaute Fotosammlung verfügt und die aufgrund der Raumsituation notwendige Reduzierung um die Hälfte der Hamburger Exponate den einen oder anderen Kompromiss erfordert haben mag. Doch selbst bei flüchtiger, weil allmählich doch ein wenig müder Betrachtung lassen sich in der in vierzehn Kapitel unterteilten Schau zahlreiche Entdeckungen machen. Die frühen, dem Neuen Sehen zuzurechnenden Aufnahmen Anton Stankowskis etwa, die ebenfalls in den dreißiger Jahren entstandenen urbanen Frankfurter Szenen Elisabeth Hases oder die Bilder ihres Lehrmeisters Paul Wolff.

          Mehr davon!

          Die bis in die siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts verpönte Farbfotografie ist mit John Bulmers für das „Sunday Times Magazine“ entstandenen Fotos sowie mit Arbeiten Fred Herzogs aus den sechziger Jahren und Werken des im Fotografie Forum erst unlängst mit einer großartigen Schau geehrten Saul Leiter qualitativ bemerkenswert vertreten. Doch während die Protagonisten der „New Color Photography“ wie William Eggleston, Mitch Epstein und Joel Meyerowitz Kunstgeschichte geschrieben haben, war das Werk des dänischen Fotografen Keld Helmer-Petersen, das seit den vierziger Jahren, also ungleich früher entstand, lange nahezu unbekannt. Noch zu Lebzeiten des 2013 hochbetagt gestorbenen Künstlers neu abgezogen, lohnt die Handvoll nahezu abstrakter Bilder aus der Serie der „122 Color Photographs“ schon allein den Besuch der Schau. Und trotz der Fülle der gezeigten Genres, Stile und künstlerischen Positionen hat man nur noch einen Wunsch: mehr davon! Und bitte möglichst gleich.

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