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100 Jahre Deutsche Nationalbibliothek : Doppelt sammeln hält besser

Diese Reproduktion von Arnold Riegel " Tagebuch von der Saharafahrt 1933 " ist eines der mehr als zehn Millionen Medien im Bestand der  Bibliothek.
          4 Min.

          Nun feiert das vereinte Haus an beiden Standorten.

          Florian Balke
          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Bücher bleiben am frischesten bei 18 Grad. Auf dieser Temperatur werden die drei Kellergeschosse der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt gehalten, rund um die Uhr, bei 50 Prozent Luftfeuchtigkeit. Mehr als zehn Millionen Medien lagern in den unterirdischen Magazinen des Bibliotheksgebäudes an der Adickesallee, weitere knapp 17 Millionen sind es am zweiten Standort, in Leipzig, wo die Bibliothek vor 100 Jahren gegründet wurde. Damals hieß sie noch Deutsche Bücherei und stand in einer Stadt, die das Zentrum des deutschen Buchmarkts war.

          Nach dem Zweiten Weltkrieg verlor Leipzig diese Rolle, in Westdeutschland konzentrierten sich die Wiederaufbau-Bemühungen der Buchbranche auf Frankfurt. Dort gab es bald einen neugegründeten Verband der Verleger und Buchhändler, den Börsenverein des Deutschen Buchhandels, 1949 fand die erste von ihm veranstaltete Frankfurter Buchmesse statt.

          Der Eintrag im Einigungsvertrag besiegelte ihre Wichtigkeit

          Schon drei Jahre zuvor, Ende 1946, hatte, als Ersatz für die Deutsche Bücherei, die Deutsche Bibliothek ihre Arbeit aufgenommen, im Rothschildpalais am Untermainkai und seinem Nachbargebäude, dem Manskopfschen Haus. Heute ist im Rothschildpalais das Jüdische Museum untergebracht, nach dem Krieg war dort die ausgebombte Universitätsbibliothek untergekommen. Im Palais hatte die Frankfurter Konkurrenzgründung zum weiterhin bestehenden Leipziger Haus bis 1959 ihren beengten Sitz, dann zog sie in einen Neubau an der Zeppelinallee, dessen charakteristischer Magazinturm von 1965 an um zehn Geschosse aufgestockt wurde.

          Gefeiert wird der runde Geburtstag der seit 1990 vereinten Leipziger und Frankfurter Häuser in diesem Jahr an beiden Standorten der Institution, die erst seit 2006 Deutsche Nationalbibliothek heißt. Nach der Wende in der DDR war schnell zusammengewachsen, was zusammengehörte. Zunächst nahmen die Direktoren miteinander Kontakt auf, man kannte sich von internationalen Tagungen, auch wenn Ost-Berlin Wert darauf gelegt hatte, dass die beiden Häuser keinen Kontakt pflegten. Als Beispiel für Bundeseinrichtungen mit zwei Standorten schaffte es die Nationalbibliothek schließlich sogar in den Einigungsvertrag.

          Genug Platz an der Adickesallee

          Heute gilt die weitergeführte Doppelexistenz als zweifacher Vorteil. Erstens können Besucher in zwei Städten Bücher ausleihen, zweitens wäre nun auch ein verheerendes Feuer kein ganz so großes Unglück mehr, schließlich existierten bedeutende Teile des Bestands an einem anderen Ort ein zweites Mal. Trotzdem rückt in Frankfurt die Feuerwehr aus, sobald in den Magazinen ein Rauchmelder anschlägt. Sollten sich drei von ihnen gleichzeitig melden, hält die Sprinkleranlage die Stellung, bis die Feuerwehr da ist.

          Was die Nutzer sich heute von zu Hause aus per Internet bestellen, können sie ein paar Stunden später an den Buchausgaben der Frankfurter oder Leipziger Lesesäle abholen. Früher dauerte das in Frankfurt an der Zeppelinallee mehrere Tage, weil immer mehr aus den Nähten platzende Magazine über das ganze Stadtgebiet verstreut worden waren. Im 1997 bezogenen Neubau an der Adickesallee haben nun alle Bücher in den drei unterirdischen Stockwerken Platz, unter ihnen liegen im vierten Keller 70.000 Tonnen brasilianisches Eisenerz, die die Betonwanne des Gebäudes beim Bau der Bibliothek vor dem Aufschwimmen im hier sehr hoch stehenden Grundwasser schützten.

          Nahezu alle Bücher der Bundesrepublik sind hier zu finden

          Rund 360 Mitarbeiter hat die Bibliothek in Frankfurt. Seit 1969 ist sie als bundesunmittelbare Anstalt des öffentlichen Rechts organisiert, sie genießt daher im täglichen Verwaltungsgeschäft große Selbständigkeit, steht aber unter der Rechtsaufsicht des Beauftragen der Bundesregierung für Kultur und Medien, der dem Bundeskanzleramt zugeordnet ist. Den Etat der Bibliothek, im Augenblick knapp 50 Millionen Euro, verabschiedet der Bundestag jedes Jahr zusammen mit dem Haushalt des Kanzleramts. Was die Nationalbibliothek zu tun hat, gibt ihr ein Gesetz vor: Sie sammelt, was in Deutschland erscheint. Alle Verlage liefern der Bibliothek je zwei Exemplare ihrer Veröffentlichungen ab, aus den westlichen Bundesländern werden sie nach Frankfurt geschickt, aus Nordrhein-Westfalen und den ostdeutschen Ländern nach Leipzig. Ein Transport fährt einmal in der Woche zwischen Frankfurt und Leipzig hin und her und liefert neben bestellten Büchern auch die für den jeweils anderen Standort bestimmten Pflichtexemplare aus.

          In Frankfurt werden alle Titel gesammelt, die innerhalb der Bundesrepublik erscheinen, vorausgesetzt, sie sind mindestens fünf Seiten lang und haben eine Auflage von mindestens 25 Exemplaren. Leipzig sammelt den gleichen Bestand, darüber hinaus aber auch die deutschsprachige Literatur aus Österreich und der Schweiz, fremdsprachige Literatur über Deutschland und Übersetzungen deutscher Bücher in andere Sprachen. Dass die Nationalbibliothek keine Bücher aus anderen Literaturen sammelt, unterscheidet sie von Schwesterinstitutionen wie der British Library, der Bibliothèque Nationale oder der Library of Congress. Dafür kümmert sie sich neben literarischen Werken, Sachbüchern und Fachliteratur auch um Ratgeber, Kochbücher, Kioskserien wie „Jerry Cotton“ oder „Perry Rhodan“ und Zeitschriften wie „Kicker“ oder „Brigitte“.

          Die Besonderheit: das Deutsche Exilarchiv

          Eine Frankfurter Besonderheit ist das Deutsche Exilarchiv, eine Idee des ersten Direktors der Nachkriegszeit, Hanns Wilhelm Eppelsheimer. Hier liegen Kostbarkeiten wie das handschriftliche Manuskript von Joseph Roths „Beichte eines Mörders“, 1936 in Amsterdam erschienen, oder ein Brief Thomas Manns, der sich am 1. Februar 1942 in Pacific Palisades auf den Umzug an den Rodeo Drive freut: „Ueberhaupt werden wir nie schöner gewohnt haben (Futurum exactum) als nun im Elend.“

          Vier Bücher-Paternoster verbinden die verschiedenen Etagen des Frankfurter Gebäudes an allen seinen Ecken, zusammengehalten von einer Gleisanlage im ersten Magazingeschoss, auf der zwischen den Aufzügen Plastikkörbe hin und her fahren, um bestellte oder zurückgegebene Bücher dorthin zu bringen, wo sie benötigt werden.

          „Wissen wir, was eine Google-Suche uns alles nicht zeigt?

          Bestehen muss die Nationalbibliothek heute zwischen einem Unternehmen wie Google, das alles, was nicht mehr urheberrechtlich geschützt ist, digitalisiert ins Netz stellen will, und privaten Nutzern, die sich auf Smartphones und Tabletcomputern eigene Bibliotheken basteln, zugeschnitten auf ihre Bedürfnisse, legal gekauft, illegal heruntergeladen. Elisabeth Niggemann, seit 1999 Generaldirektorin der Nationalbibliothek, sieht die Funktion ihres Hauses gerade in dieser Situation in seiner Verlässlichkeit: „Wenn wir etwas haben, dann stehen wir dafür gerade, dass es das ist, was Autor und Verleger in die Welt gegeben haben.“ Außerdem lasse die Bibliothek keinen Text außen vor: „Wissen wir, was eine Google-Suche uns alles nicht zeigt?“

          Seit 2006 hat die Bibliothek den gesetzlichen Auftrag, Netzpublikationen zu sammeln. Angefangen hat es mit wissenschaftlichen Arbeiten, jetzt ist man bei E-Books, inzwischen geht es darum, wie mit Blogs und Tweets zu verfahren ist. Soll man darüber hinaus neben mehr als 50.000 Zeitschriften und den als E-Paper gesammelten Tageszeitungen auch deren Internetseiten archivieren? Wenn ja, wie oft? Nur einmal täglich? Oder doch alle paar Stunden? Sicher sei nur eines, sagt Niggemann: „Wenn wir Such-Algorithmen einsetzen, und das wird nicht anders möglich sein bei der Menge von digitalen Publikationen, die wir demnächst im Haus haben, werden wir sie offenlegen.“ Für Bücher ist in den Magazinen unterdessen noch bis 2033 Platz, danach ist die Tankstelle auf der anderen Straßenseite für Erweiterungen vorgesehen. Und das Parkhaus.

          Zum Jubiläum

          Ihren 100. Geburtstag begeht die Deutsche Nationalbibliothek in Frankfurt von Dienstag um 19 Uhr an mit einer neunteiligen Lesung von Carlos Ruiz Zafóns Roman „Der Schatten des Windes“, die alle 14 Tage an verschiedene Orte des Gebäudes führt. Am 6. Mai gibt es einen Tag der offenen Tür, vom 29. August an ist eine Ausstellung über deutsche Schriftsteller im Exil zu sehen. Weitere Informationen zum Programm gibt es im Internet unter www.dnb.de.

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