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100 Jahre Deutsche Nationalbibliothek : Doppelt sammeln hält besser

Nahezu alle Bücher der Bundesrepublik sind hier zu finden

Rund 360 Mitarbeiter hat die Bibliothek in Frankfurt. Seit 1969 ist sie als bundesunmittelbare Anstalt des öffentlichen Rechts organisiert, sie genießt daher im täglichen Verwaltungsgeschäft große Selbständigkeit, steht aber unter der Rechtsaufsicht des Beauftragen der Bundesregierung für Kultur und Medien, der dem Bundeskanzleramt zugeordnet ist. Den Etat der Bibliothek, im Augenblick knapp 50 Millionen Euro, verabschiedet der Bundestag jedes Jahr zusammen mit dem Haushalt des Kanzleramts. Was die Nationalbibliothek zu tun hat, gibt ihr ein Gesetz vor: Sie sammelt, was in Deutschland erscheint. Alle Verlage liefern der Bibliothek je zwei Exemplare ihrer Veröffentlichungen ab, aus den westlichen Bundesländern werden sie nach Frankfurt geschickt, aus Nordrhein-Westfalen und den ostdeutschen Ländern nach Leipzig. Ein Transport fährt einmal in der Woche zwischen Frankfurt und Leipzig hin und her und liefert neben bestellten Büchern auch die für den jeweils anderen Standort bestimmten Pflichtexemplare aus.

In Frankfurt werden alle Titel gesammelt, die innerhalb der Bundesrepublik erscheinen, vorausgesetzt, sie sind mindestens fünf Seiten lang und haben eine Auflage von mindestens 25 Exemplaren. Leipzig sammelt den gleichen Bestand, darüber hinaus aber auch die deutschsprachige Literatur aus Österreich und der Schweiz, fremdsprachige Literatur über Deutschland und Übersetzungen deutscher Bücher in andere Sprachen. Dass die Nationalbibliothek keine Bücher aus anderen Literaturen sammelt, unterscheidet sie von Schwesterinstitutionen wie der British Library, der Bibliothèque Nationale oder der Library of Congress. Dafür kümmert sie sich neben literarischen Werken, Sachbüchern und Fachliteratur auch um Ratgeber, Kochbücher, Kioskserien wie „Jerry Cotton“ oder „Perry Rhodan“ und Zeitschriften wie „Kicker“ oder „Brigitte“.

Die Besonderheit: das Deutsche Exilarchiv

Eine Frankfurter Besonderheit ist das Deutsche Exilarchiv, eine Idee des ersten Direktors der Nachkriegszeit, Hanns Wilhelm Eppelsheimer. Hier liegen Kostbarkeiten wie das handschriftliche Manuskript von Joseph Roths „Beichte eines Mörders“, 1936 in Amsterdam erschienen, oder ein Brief Thomas Manns, der sich am 1. Februar 1942 in Pacific Palisades auf den Umzug an den Rodeo Drive freut: „Ueberhaupt werden wir nie schöner gewohnt haben (Futurum exactum) als nun im Elend.“

Vier Bücher-Paternoster verbinden die verschiedenen Etagen des Frankfurter Gebäudes an allen seinen Ecken, zusammengehalten von einer Gleisanlage im ersten Magazingeschoss, auf der zwischen den Aufzügen Plastikkörbe hin und her fahren, um bestellte oder zurückgegebene Bücher dorthin zu bringen, wo sie benötigt werden.

„Wissen wir, was eine Google-Suche uns alles nicht zeigt?

Bestehen muss die Nationalbibliothek heute zwischen einem Unternehmen wie Google, das alles, was nicht mehr urheberrechtlich geschützt ist, digitalisiert ins Netz stellen will, und privaten Nutzern, die sich auf Smartphones und Tabletcomputern eigene Bibliotheken basteln, zugeschnitten auf ihre Bedürfnisse, legal gekauft, illegal heruntergeladen. Elisabeth Niggemann, seit 1999 Generaldirektorin der Nationalbibliothek, sieht die Funktion ihres Hauses gerade in dieser Situation in seiner Verlässlichkeit: „Wenn wir etwas haben, dann stehen wir dafür gerade, dass es das ist, was Autor und Verleger in die Welt gegeben haben.“ Außerdem lasse die Bibliothek keinen Text außen vor: „Wissen wir, was eine Google-Suche uns alles nicht zeigt?“

Seit 2006 hat die Bibliothek den gesetzlichen Auftrag, Netzpublikationen zu sammeln. Angefangen hat es mit wissenschaftlichen Arbeiten, jetzt ist man bei E-Books, inzwischen geht es darum, wie mit Blogs und Tweets zu verfahren ist. Soll man darüber hinaus neben mehr als 50.000 Zeitschriften und den als E-Paper gesammelten Tageszeitungen auch deren Internetseiten archivieren? Wenn ja, wie oft? Nur einmal täglich? Oder doch alle paar Stunden? Sicher sei nur eines, sagt Niggemann: „Wenn wir Such-Algorithmen einsetzen, und das wird nicht anders möglich sein bei der Menge von digitalen Publikationen, die wir demnächst im Haus haben, werden wir sie offenlegen.“ Für Bücher ist in den Magazinen unterdessen noch bis 2033 Platz, danach ist die Tankstelle auf der anderen Straßenseite für Erweiterungen vorgesehen. Und das Parkhaus.

Zum Jubiläum

Ihren 100. Geburtstag begeht die Deutsche Nationalbibliothek in Frankfurt von Dienstag um 19 Uhr an mit einer neunteiligen Lesung von Carlos Ruiz Zafóns Roman „Der Schatten des Windes“, die alle 14 Tage an verschiedene Orte des Gebäudes führt. Am 6. Mai gibt es einen Tag der offenen Tür, vom 29. August an ist eine Ausstellung über deutsche Schriftsteller im Exil zu sehen. Weitere Informationen zum Programm gibt es im Internet unter www.dnb.de.

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