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Entlang des Hadrianswalls : Vergesst den Jakobsweg!

Immer an der Wand lang: Das steinerne Band des Hadrianswalls zog sich zu Zeiten der Römer über die britische Insel. Die Christen sorgten dann dafür, dass Carlisle auch Kirchenmauern bekam. Bild: britainonview/ Rod Edwards

Der Hadrianswall sicherte einst das Römerreich nach Norden. Wer heute an der Grenze zwischen England und Schottland unterwegs ist, erlebt Geschichte - und Geschichten.

          Ein Paar, ein Pudel, mehr war mir auf dem Weg nach oben nicht begegnet. Das Paar grüßte freundlich, der Pudel sah hochmütig an mir vorbei, als ich vom Parkplatz aus am Teich entlang und schließlich den Waldweg hinauf lief.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Ein Schild warnte mich davor, über Zäune zu klettern, in Tümpeln zu schwimmen oder Kinder unbeaufsichtigt zu lassen. Mit all dem konnte ich leben: Die Kinder waren zu Hause geblieben, zum Schwimmen war es zu frisch, und über Zäune muss ich nicht, solange es Wege gibt. Während ich noch stieg, immer weiter über eine feuchte Wiese, die allmählich vom satten Grün ins Fahle wechselte, wurde der grauviolettfarbene Himmel größer und der Abgrund an meiner linken Seite steiler.

          Was ins Tal gehörte, blieb auch im Tal, kein Auto ließ sich hören, kein Vogel, keines der Schafe von den Weiden beiderseits der Straße. Nur der Wind zog laut über die Wiese mit den krummgewehten Bäumen, über die Findlinge und die aufgeschichtete Steinmauer, die spektakulär auf der Kuppe des Bergs von West nach Ost verläuft, in Senken verschwindet und wieder auftaucht, manchmal majestätisch, manchmal geradezu diskret. Ein Band aus akkurat behauenen Steinen, das sich so sanft an den Berg schmiegt, als sei es schon immer da gewesen.

          Die Mauer, die Albträume fern hält

          Oder schon sehr lange. Den Hadrianswall errichteten die Römer in den Jahren 122 bis 128 nach Christus, um das nördliche Ende ihres Reichs zu sichern. Heute verläuft ungefähr hier die Grenze zwischen England und Schottland, und wenn im September die Abstimmung zur schottischen Unabhängigkeit anders ausgegangen wäre, dann träfe man vielleicht inzwischen Patrouillen auf dem Wall. Oder jemand würde die mächtigen Tore wieder aufbauen, mit denen früher der Weg zwischen Nord und Süd kontrolliert wurde.

          Dass ich nun hier war, hängt mit einem dieser Tore zusammen. Zu den stärksten Eindrücken meiner Lektüre von „Prinz Eisenherz“ gehört eine Szene, in der Eisenherz, im wilden Norden unterwegs und verfolgt von den blau angemalten Pikten, erschöpft und blutend am Wall ankommt. Eigentlich sollte hier niemand mehr sein, schließlich waren die Römer zu Eisenherz’ Zeiten schon aus England verschwunden, inzwischen herrschte hier König Artus.

          Aber irgendjemand, so jedenfalls erinnere ich mich an die Szene aus dem Comic, nimmt Eisenherz am Schlafittchen, zerrt ihn durch das Tor und schlägt es hinter ihm zu. Die Erleichterung des Prinzen über die fabelhaft dicke Mauer, die all die Albträume aus dem Norden fernhält, übertrug sich damals sofort auf mich.

          Die Stadt die auf Camelot steht

          Wer von London aus mit dem Zug zum einst 113 Kilometer langen Hadrianswall kommen will, kann beispielsweise nach Newcastle fahren, kurz vor der Mündung des Flusses Tyne in die Nordsee, und dann quer durchs Land nach Westen. Es gibt eine Straße südlich des Walls, die schon von den Römern benutzt wurde, und es gibt eine Eisenbahnlinie, die parallel dazu verläuft, einige Kilometer vom Hadrianswall entfernt.

          Ich nahm die andere Richtung und steuerte Carlisle an der englischen Westküste an, schon weil die Stadt im Verdacht steht, eigentlich auf den Trümmern von König Artus’ Burg Camelot erbaut zu sein - Eisenherz’ Arbeitsplatz. Der Schnellzug von London nach Glasgow braucht bis Carlisle etwa dreieinhalb Stunden. Die Strecke führt direkt nach Norden, und im November bedeutet das: Der Tag altert noch schneller als sowieso schon.

          Städte aus der Geschichte – nur in echt

          Der Zug fuhr ins Graue, der feine Regen begleitete uns knapp zwei Stunden lang, und so lange hielten wir an keinem Bahnhof. Dann tauchte am Himmel ein orangefarbener Streifen auf. Die Häuser wurden weniger, die Wiesen und Weiden mehr, abgegrenzt zunächst durch sorgfältig geschnittene niedrige Hecken und später durch gepflegte Steinmauern, die angeblich aus den Überresten römischer Kastelle und Villen erbaut wurden.

          Der Domchor im Innern, die Raben vor der Tür: Die Kathedrale in Carlisle.

          Nur die Schafe, die starr der Eisenbahn nachsahen, blieben sich gleich. Wir hielten in Lancaster, das es also wirklich gibt, nicht nur in den Rosenkriegen, aber York gibt es schließlich auch, dachte ich. Die Irische See blitzte links auf und verschwand wieder, es ging durch Hügel und Heide, und dann war plötzlich Carlisle da.

          Bischof und Königin Mary – Geisterstunde

          Dass die Stadt lange ein Außenposten der Briten war, sieht man ihr an: Am Bahnhof versperrt ein klobiger Zitadellenturm den Weg ins Zentrum, und nach ein paar Schritten ist man am anderen Ende der Innenstadt, die von einer Festung auf einem Hügel bewacht wird.

          Ein schmales Tor, dicke Mauern, dahinter ein überraschend leergefegter Hof und trotz der Dämmerung keine Spur von den Geistern, über die ich gelesen hatte: dem Rechtsanwalt, der sich hier zwei Bekannten in derselben Stunde schemenhaft zeigte, in der er sich andernorts die Kehle durchschnitt, oder der juwelenbehängten Dame, die einem wachhabenden Soldaten erschien, der sie aufhalten wollte und mit seinem Bajonett nur den Nebel teilte - der Ärmste erlitt dabei einen Schock, den er nicht überlebte.

          Ob es sich dabei um Schottlands Königin Mary handelte, die hier 1568 ein paar Monate lang gefangen gehalten wurde, ist unklar. Auch in der Kathedrale soll es spuken, und wer den hinreißenden Bau mit dem dunklen Gestühl und der nachthimmelblauen und sternübersäten hohen Decke besucht, wird jedes Gespenst verstehen, das hier umgeht. Berichtet wird, dass sich eine Zeitlang ein schemenhafter Bischof in der Kathedrale sehen ließ, der nach einer umfassenden Renovierung der Krypta sein Grab nicht mehr fand. Erst durch den Rückbau hörte der Spuk auf.

          Kommt nur her, ihr Pikten!

          An diesem Nachmittag probte der Domchor irgendwo im Gebäude, und der Gesang drang leise ins Schiff. Vor der Kirchentür versammelte sich ein Schwarm Rabenvögel auf einem Baum und übertönte mit seinem Gekrächz alles weit und breit.

          Carlisle geht auf ein Römer-Fort zurück, erfuhr ich nebenan im feinen Tullie House Museum, und dass sich in der Stadt keine Spur des Hadrianswalls mehr finde. Dafür war der begehbare Nachbau der Mauer im Obergeschoss des Museums sehr eindrucksvoll - kommt nur her, ihr Pikten, möchte man rufen, wenn man oben auf der Mauerkrone hinter der Brüstung steht, kommt her, wenn ihr euch eine blutige Nase holen wollt!

          Diese Mauer reißt nicht einmal eine Volksabstimmung ein: Die Römer errichteten am Hadrianswall zahlreiche Festungsanlagen wie das Meilenkastell 39, dessen Überreste noch erhalten sind.

          Im Keller des Museums sah ich dann, wie so etwas enden kann: Zwischen römerzeitlichen Öllampen, Münzen, Reliefs und Statuetten mit Götterbildern war auch ein männliches Skelett ausgestellt, das man in einem Brunnen gefunden hatte, überschüttet mit Abfall, offensichtlich als Mordopfer heimlich verscharrt.

          „Du Scheusal! Du Scheusal!“

          In einer Geschichte des Sherlock-Holmes-Erfinders Sir Arthur Conan Doyle besucht ein Ehepaar zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts die Ausgrabungsstätte eines Römer-Forts in der Nähe des Hadrianswalls. Er ist groß und blond, seine Frau klein und dunkel, und als sie zum Fundort eines Skeletts geführt werden, das dem von Carlisle ähnelt, wissen beide intuitiv, wie der Betreffende einst zu Tode kam.

          Später berichtet der Ehemann seiner Frau von einem Traum, in dem er als wilder Krieger dieses Fort stürmte und dabei einer Römerin begegnete, die seiner Frau glich. Er habe sie geraubt und ihren römischen Geliebten ermordet. Seine Frau, die offenbar diesen Traum nur zu gut kennt, verliert die Fassung und schreit ihn an: „Du Scheusal! Du Scheusal!“ Die Erzählung heißt „Durch den Vorhang“.

          Überall hier im Grenzgebiet kann man sich solche Geschichten vorstellen, überall standen Römer-Forts, und überall werden sich die Invasoren und die Einheimischen im Krieg, vielleicht auch in Liebe begegnet sein, oder wenigstens im Tauschhandel. Als ich am nächsten Tag von Carlisle nach Osten fuhr, um ein intaktes Stück des Hadrianswalls zu sehen, wuchsen die Birken aus den aufgegebenen Gleisen der Nebenstrecken, der Regen fiel sacht, und der Boden wurde weich.

          Keine Zivilisation – nur Greifvögel und Wolken

          Ob das dem Fundament der Mauer schaden würde, überlegte ich, und ob ich vor oder hinter den Steinen laufen sollte, schließlich war das Gras an beiden Seiten heruntergetreten. Ich lief und lief, der Blick war weit in beide Richtungen, nur dass der schottische Süden rauher und leerer war als der britische Norden. Bauwerke aber sah ich außer der Mauer so gut wie keine, nur die Zäune zwischen den Weiden tief unten im Tal erzählten von der Zivilisation.

          Wolkenbänke, die einander über den Himmel jagten, kein Handyempfang, aber Greifvögel, die über mir ihre Kreise zogen und mir Dinge zuriefen, die ich nicht verstand. Ich stieg über Felsbrocken auf den Wegen dicht an der Mauer, innen wie außen, über Pilze und Schafsköttel, so lange, bis es dämmerte. Beim Abstieg zur Straße war ich immer noch allein. Und fand, das dürfe jetzt noch eine Weile so bleiben.

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