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Entlang des Hadrianswalls : Vergesst den Jakobsweg!

Ein schmales Tor, dicke Mauern, dahinter ein überraschend leergefegter Hof und trotz der Dämmerung keine Spur von den Geistern, über die ich gelesen hatte: dem Rechtsanwalt, der sich hier zwei Bekannten in derselben Stunde schemenhaft zeigte, in der er sich andernorts die Kehle durchschnitt, oder der juwelenbehängten Dame, die einem wachhabenden Soldaten erschien, der sie aufhalten wollte und mit seinem Bajonett nur den Nebel teilte - der Ärmste erlitt dabei einen Schock, den er nicht überlebte.

Ob es sich dabei um Schottlands Königin Mary handelte, die hier 1568 ein paar Monate lang gefangen gehalten wurde, ist unklar. Auch in der Kathedrale soll es spuken, und wer den hinreißenden Bau mit dem dunklen Gestühl und der nachthimmelblauen und sternübersäten hohen Decke besucht, wird jedes Gespenst verstehen, das hier umgeht. Berichtet wird, dass sich eine Zeitlang ein schemenhafter Bischof in der Kathedrale sehen ließ, der nach einer umfassenden Renovierung der Krypta sein Grab nicht mehr fand. Erst durch den Rückbau hörte der Spuk auf.

Kommt nur her, ihr Pikten!

An diesem Nachmittag probte der Domchor irgendwo im Gebäude, und der Gesang drang leise ins Schiff. Vor der Kirchentür versammelte sich ein Schwarm Rabenvögel auf einem Baum und übertönte mit seinem Gekrächz alles weit und breit.

Carlisle geht auf ein Römer-Fort zurück, erfuhr ich nebenan im feinen Tullie House Museum, und dass sich in der Stadt keine Spur des Hadrianswalls mehr finde. Dafür war der begehbare Nachbau der Mauer im Obergeschoss des Museums sehr eindrucksvoll - kommt nur her, ihr Pikten, möchte man rufen, wenn man oben auf der Mauerkrone hinter der Brüstung steht, kommt her, wenn ihr euch eine blutige Nase holen wollt!

Diese Mauer reißt nicht einmal eine Volksabstimmung ein: Die Römer errichteten am Hadrianswall zahlreiche Festungsanlagen wie das Meilenkastell 39, dessen Überreste noch erhalten sind.

Im Keller des Museums sah ich dann, wie so etwas enden kann: Zwischen römerzeitlichen Öllampen, Münzen, Reliefs und Statuetten mit Götterbildern war auch ein männliches Skelett ausgestellt, das man in einem Brunnen gefunden hatte, überschüttet mit Abfall, offensichtlich als Mordopfer heimlich verscharrt.

„Du Scheusal! Du Scheusal!“

In einer Geschichte des Sherlock-Holmes-Erfinders Sir Arthur Conan Doyle besucht ein Ehepaar zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts die Ausgrabungsstätte eines Römer-Forts in der Nähe des Hadrianswalls. Er ist groß und blond, seine Frau klein und dunkel, und als sie zum Fundort eines Skeletts geführt werden, das dem von Carlisle ähnelt, wissen beide intuitiv, wie der Betreffende einst zu Tode kam.

Später berichtet der Ehemann seiner Frau von einem Traum, in dem er als wilder Krieger dieses Fort stürmte und dabei einer Römerin begegnete, die seiner Frau glich. Er habe sie geraubt und ihren römischen Geliebten ermordet. Seine Frau, die offenbar diesen Traum nur zu gut kennt, verliert die Fassung und schreit ihn an: „Du Scheusal! Du Scheusal!“ Die Erzählung heißt „Durch den Vorhang“.

Überall hier im Grenzgebiet kann man sich solche Geschichten vorstellen, überall standen Römer-Forts, und überall werden sich die Invasoren und die Einheimischen im Krieg, vielleicht auch in Liebe begegnet sein, oder wenigstens im Tauschhandel. Als ich am nächsten Tag von Carlisle nach Osten fuhr, um ein intaktes Stück des Hadrianswalls zu sehen, wuchsen die Birken aus den aufgegebenen Gleisen der Nebenstrecken, der Regen fiel sacht, und der Boden wurde weich.

Keine Zivilisation – nur Greifvögel und Wolken

Ob das dem Fundament der Mauer schaden würde, überlegte ich, und ob ich vor oder hinter den Steinen laufen sollte, schließlich war das Gras an beiden Seiten heruntergetreten. Ich lief und lief, der Blick war weit in beide Richtungen, nur dass der schottische Süden rauher und leerer war als der britische Norden. Bauwerke aber sah ich außer der Mauer so gut wie keine, nur die Zäune zwischen den Weiden tief unten im Tal erzählten von der Zivilisation.

Wolkenbänke, die einander über den Himmel jagten, kein Handyempfang, aber Greifvögel, die über mir ihre Kreise zogen und mir Dinge zuriefen, die ich nicht verstand. Ich stieg über Felsbrocken auf den Wegen dicht an der Mauer, innen wie außen, über Pilze und Schafsköttel, so lange, bis es dämmerte. Beim Abstieg zur Straße war ich immer noch allein. Und fand, das dürfe jetzt noch eine Weile so bleiben.

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