https://www.faz.net/-gxh-84vml

Zwischen Alaska und Russland : Vier Kilometer, dreiundzwanzig Stunden

  • -Aktualisiert am

So klein ist sie auch wieder nicht: die Insel Little Diomede, das Ende der bewohnten Welt. Bild: Sven Weniger

Die Insel Little Diomede ist der letzte Vorposten der Vereinigten Staaten in der Bering-Straße. Dahinter beginnt Russland. Und rundherum ist nichts als allergrößte Einsamkeit.

          3 Min.

          Es gehört zu den Absurditäten der menschlichen Existenz, dass sie den Planeten hübsch segmentiert und aufgeteilt hat. Politisch. Das gehört mir, das dir. So werden Grenzen gezogen. Ordnung muss sein - auch wenn dabei bizarre Ergebnisse herauskamen, die bis heute zu Mord- und Todschlag führen.

          Little Diomede ist einer der wenigen Orte, die von Grenzziehungen profitieren. Denn niemand würde von der sieben Quadratkilometer kleinen Insel Notiz nehmen, läge sie nicht - mitten in der Beringstraße. Wer vom Ufer vier Kilometer nach Westen blickt, sieht Big Diomede. Das ist etwas größer, genauso felsig und vegetationslos und genaugenommen genauso unbedeutend. Aber zwischen den beiden Eilanden verläuft die Grenze zwischen Amerika und Russland, zwischen Alaska und Sibirien. Hier gut, dort böse - auf diesen einfachen Nenner hat es mal die Polit-Sirene Sarah Palin gebracht, als sie Little Diomede für ihr simples Weltbild einspannte.

          Überall liegen Eisbärenschädel herum

          Die Russen nennen beide Inseln natürlich ganz anders. Und die einzigen Bewohner, Inuit, haben wieder eigene Namen. Zwischen Little Diomede und Big Diomede verläuft auch die Datumsgrenze. „Wir sind die Einzigen, die in die Zukunft schauen können“, sagt deshalb Robert Soolook und zeigt nach Sibirien, „dort drüben liegt morgen.“ Dreiundzwanzig Stunden beträgt der Zeitunterschied. Doch die Distanz ist noch viel größer. Auf beiden Seiten wohnen Verwandte derselben Familien. Um sie besuchen zu können, müssen die Bewohner Little Diomedes zum Festland fliegen und eine Erlaubnis beantragen, nicht bei den Russen, sondern beim State Department. Wenn das geregelt ist, können sie hinüberfahren, im Winter, wenn alles vereist ist. Telefonate, Briefe, alles geht nur mit Kontrolle der Behörden.

          „Sechsmal war ich drüben“, sagt Robert Soolook, „1989, als der Eiserne Vorhang fiel, ging das auf einmal ganz einfach. Heute ist es wieder sehr kompliziert.“ Die Inuit beider Seiten lancierten damals eine Kampagne, um den Kontakt miteinander dauerhaft zu vereinfachen. Viel gebracht hat es nicht. Robert Soolook, achtundvierzig Jahre alt, ist der Präsident des Stammesrats und einer von gut achtzig Bewohnern auf Little Diomede. Über allzu viel gibt es nicht zu entscheiden. Ein Dutzend Familien bewohnt vier Dutzend Häuser, die sich, waghalsig auf Stelzen und steinernen Pfosten gebaut, den überaus steilen Osthang der Insel hinaufstapeln. Es gibt keine Autos, keine Straßen. Auf abenteuerlich glatten Stegen, wie wir sie aus Hochwassergebieten kennen, laufen die Menschen durch ihre Siedlung. Es regnet viel hier in den vier Sommermonaten. Im Winter, dem Rest des Jahres, schneit es. Dann friert das Meer, das zwischen den Inseln stellenweise nur drei Meter tief ist, zu. Statt der Seevögel, die dort unermüdlich fischen, kommen nun Eisbären, und die Menschen gehen auf die Jagd. Überall liegen Eisbärenschädel herum. Im Winter wird die winzige Insel zu einer Art Basislager für Reisen hinaus in eine riesige Welt. Mit ihren Motorschlitten können die Inuit nun nahezu unendlich weit nach Norden über den Polarkreis hinausfahren oder nach Osten, Richtung Alaska. „Nach Westen“, sagt Robert Soolook, „fährt man besser nicht. Sonst landest du schnell in einem russischen Knast. Auf Big Diomede gibt etwa hundert Soldaten, von ihren Wachtposten spähen sie den ganzen Tag herüber, man sieht die Reflexe der Ferngläser.“ Die Vereinigten Staaten machen das mit Radar oben auf dem Bergrücken von Little Diomede, vollautomatisch.

          Das Meer ernährt uns noch heute

          Die Bewohner von Little Diomede leben traditionell. Fischen, jagen. „Das Meer ernährt uns noch heute“, sagt Robert Soolook stolz. Aber auch aus Washington bekommen die Bewohner Little Diomedes Geld. Außerdem führen sie gern Besucher in ihr Leben ein. Den Thermosbecher mit Kaffee in der Hand, stapfen sie über die Stege und zeigen Schule, Postamt, Friedhof, die katholische Kirche. Die letzte Trauung gab es vor zehn Jahren.

          Vom Helipad aus fliegt man in einer Dreiviertelstunde zum Festland. Zweimal pro Woche kommt der Hubschrauber, zweimal im Jahr ein Versorgungsschiff. Fernsehen hat Little Diomede nicht. Auch keinen Polizeiposten, kein fließend Wasser. Hat es eine Zukunft? „Ich habe hier schon Besucher aus Mexiko, Frankreich, England begrüßt. Zwei Kreuzfahrtschiffe machen im Jahr bei uns Halt“, erklärt Robert Soolook zufrieden. Seit sich das Polareis immer weiter zurückzieht und die Nordwestpassage zwischen Grönland und der Beringstraße befahrbar wird, zeigt der Tourismus erstes Interesse an Little Diomede. Robert Soolook und seinen Leuten ist es recht.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.