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Luxushotel in der Toskana : Zuflucht bei Zikaden und Leoparden

Luxus ohne Prunk: Die Hotelgäste sollen nie vergessen, wo sie sind. Bild: Belmond

So schön kann der Schein sein: Hoch auf einem Hügel mitten in der Toskana liegt das Castello di Casole, das sich von einer Bauernherrschaft in ein Luxushotel verwandelt hat, ohne seine Vergangenheit zu verleugnen.

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          Zypressenalleen haben keine Zugbrücken. Wäre es anders, zögen wir sie jetzt hinter uns hoch und verabschiedeten uns vom Lärm und Wahn der Welt, um in unserem Bergdorf dort oben am Ende der Allee unsere Ruhe zu finden. Wie eine Vorankündigung des himmlischen Friedens thront das Castello di Casole auf einem Hügel im Herzen der Toskana, gut versteckt vor den Fährnissen des Lebens zwischen Siena und Volterra, umgeben von einer Traumlandschaft wie aus dem Sehnsuchtskatalog der gleichnamigen Fraktion. Unser Blick wandert über eine wogende Landschaft aus Wein und Weizen und Wäldern voller Wildschweine und Trüffel, gespickt mit Dutzenden von Hügeln, auf denen weitere Wehrdörfer residieren, alle stolz auf Augenhöhe mit dem unseren, aber keines so schön wie unseres. Nur der Wind in den Pinien und Zypressen ist zu hören, nur die Zikaden geben während der heißen Tagesstunden nimmermüde ihr Konzert, um sich in den Dämmerungen von den Vögeln ablösen zu lassen. Sonst herrscht eine Stille im Castello di Casole, die in diesen hysterischen Tagen wie eine Heilkraft wirkt.

          Jakob Strobel y Serra
          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Seit mehr als tausend Jahren leben Menschen auf diesem Hügel. Im Jahr 998 erbauten sie einen Wehrturm, der die Pilger auf der Via Francigena vor Wegelagerern schützen sollte, diesem Netz aus Wallfahrtswegen, die sich wie die Adern des Glaubens von Canterbury bis nach Rom durch den ganzen Kontinent zogen. Aus dem Turm erwuchs ein Dorf und aus dem Dorf eine Herrschaft mit großer Landwirtschaft ringsum, der Stammsitz des Hauses Bargagli. Das fromme Geschlecht, das mehrere Päpste in seiner Ahnengalerie hat, bewohnte ein stattliches, fein verputztes Herrenhaus im toskanischen Stil, während sich die Untertanen mit Gebäuden aus Bruchstein und Backstein zufriedengeben mussten, die uns standesunbewussten Laien fast schöner erscheinen als der Palazzo.

          Fünfhundert Menschen lebten zu den besten Zeiten im Castello di Casole, das einige Male seine aristokratischen Besitzer wechselte, bevor es in den fünfziger Jahren von Edoardo Visconti di Modrone, Graf von Lonate Pozzolo, gekauft wurde, dem älteren Bruder des Filmregisseurs Luchino Visconti – und eine zweite Karriere als diskrete Trutzburg des italienischen Jetsets begann, in der rauschende Partys ganz ohne Paparazzi gefeiert wurden und sich Superstars wie Sofia Loren oder Anna Magnani die Klinke in die Hand gaben.

          Gottesfürchtiger Tribut an Gottes Stellvertreter

          Die dritte und demokratischste Karriere des Castello di Casone begann 2012: Es öffnete seine Tore für alle Menschen, die nun weder Ruhm noch Stand als Eintrittskarte mitbringen mussten, sondern nur noch ein gut gefülltes Portemonnaie, um sich in die fürsorglichen Hände des Luxusreiseunternehmens Belmond zu begeben. Seit neun Jahren besitzt und betreibt es ein sehr komfortables Hotel auf dem Hügel, eines der emblematischsten Objekte dieser Firma feinster Adressen, die ihrerseits zum riesigen Kosmos des Luxuskonzerns LVMH gehört und in ihrem Portfolio neben den Nostalgiezügen Venice Simplon-Orient-Express, Royal Scotsman, Eastern & Oriental Express berühmte Häuser wie das Cipriani in Venedig, das Splendido in Portofino oder das Reid’s auf Madeira versammelt.

          Bruchstein statt Marmor: Auch die Häuser der einstigen Dorfbewohner sind jetzt Teil des Hotels – allerdings ausgestattet mit allem Komfort.
          Bruchstein statt Marmor: Auch die Häuser der einstigen Dorfbewohner sind jetzt Teil des Hotels – allerdings ausgestattet mit allem Komfort. : Bild: Belmond

          Die äußere Anmutung des Bergdorfs wurde nicht angetastet, das hätte der italienische Denkmalschutz auch gar nicht geduldet. Das Herrenhaus ist immer noch im typischen Ockergelb der Toskana gestrichen, im alten Ofen aus dem siebzehnten Jahrhundert werden bis heute Pizzen gebacken, und die Dorfstraße mit Schule und Ställen, Kirche und Pfarrei, Weinkeller und der Orangerie für die Zi­tronenbäume sieht so original aus, dass man sich unwillkürlich fragt, wo die ganzen Kühe und die spielenden Kinder geblieben sind. Doch all das ist nichts als schöner Schein, weil sämtliche Winkel des Wehrdorfes inzwischen in luxuriöse Suiten und Apartments verwandelt worden sind, während im ehemaligen Fasskeller das Spa Unterschlupf gefunden hat – nicht mehr Feudalherren mit ihren Untertanen wohnen hier, sondern Gäste, die von Angestellten mit Tariflohn umsorgt werden, so macht gesellschaftlicher Fortschritt Spaß. Nur die Privatkapelle der Bargagli verweigert sich der Metamorphose und ist immer noch im Besitz der Familie, verschlossen, unzugänglich, abweisend, vielleicht ein gottesfürchtiger Tribut an die Stellvertreter Gottes im Stammbaum.

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