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Flugreise mit Hindernissen : Zombies im Stundenhotel

Chaos in China: Der Autor hat am Flughafen von Peking viel erleiden müssen - vor allem Zeitverlust. Bild: AP

Geduld ist eine konfuzianische Tugend. Wir haben viel davon gebraucht, als aus unserem ganz normalen Flug von Yunnan über Peking nach Frankfurt eine Odyssee im chinesischen Luftraum wurde.

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          Nachdem so ziemlich alles schiefgelaufen war, was nur schieflaufen konnte außer einem Absturz aus zehntausend Meter Höhe, lud uns unsere Fluggesellschaft allen Ernstes in ein Stundenhotel ein, als kleiner Trost für die vielen Unannehmlichkeiten, besten Dank, sehr freundlich. Ganz am Anfang hatte uns das ruhmreiche Luftfahrtunternehmen Air China turbulenzenfrei von Frankfurt nach Peking transportiert, leichte Verspätung nur, kaum der Rede wert, Stau am Himmel über der chinesischen Hauptstadt. An deren Flughafen wurde uns allerdings ein Gate im allerhintersten Winkel zugewiesen, das offensichtlich selbst dem Flughafenpersonal unbekannt war. Jedenfalls dauerte es eine Dreiviertelstunde, bis sich einer der 1,3 Milliarden Chinesen dazu bequemte, die Brücke an unsere Tür heranzuschieben.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          So wurde aus dem entspannten Spaziergang zu unserem Anschlussflug nach Kunming ein strammes Laufprogramm durch den immerhin zweitgrößten Flughafen der Welt. Und da sich scheinbar auch die Frachttür unserer Maschine nicht öffnen ließ, kamen wir deutlich früher als unser Gepäck im äußersten Südwesten Chinas an. Das kann ja mal passieren. Über unsere Erfahrungen mit der chinesischen Luftfahrt in den folgenden Tagen können wir nur Gutes berichten, außer dass ein anständiger Kaffee selbst in Provinzflughäfen teurer ist als an den Champs-Élysées und die Auswahl an alkoholischen Erfrischungsgetränken nur strenggläubigen Prohibitionisten Freude bereitet. Unser Rückflug sollte uns wieder mit Air China von der Massentouristenhochburg Lijiang über Peking nach Frankfurt zurückbringen, angenehmer Abend- mit anschließendem Nachtflug, so weit die Theorie.

          Wir erschienen pünktlich am Flughafen, im Gegensatz zu unserem Flugzeug, das sich ein paar Stunden Zeit ließ. „Air Traffic Congestion“ war die inzwischen vertraute Begründung, Pekinger Luftdauerstau, die wie eine buddhistische Litanei die Lautsprecherdurchsagen beschloss - nicht nur unsere, sondern jede zweite, was uns aber kein Trost war, denn der Frankfurt-Flug war längst perdu. Immerhin bemühte sich ein freundlicher Flughafenmitarbeiter, uns mit Rat beiseite zu stehen, kommunizierte eifrig mit einem chinesischen Kollegen in Peking und zeigte uns das Ergebnis der Unterhaltung auf dem Display seines Mobiltelefons. Es wurde von einem legasthenischen Sprachprogramm vom Mandarin in ein Phantasie-Englisch übersetzt, dem wir wenig mehr entnehmen konnten als die konfuzianische Gewissheit, dass irgendwann alles gut wird, wenngleich vielleicht nicht mehr in diesem Leben.

          Jack Nicholson geht mit der Axt um

          In Peking erlebten wir dann um zwei Uhr morgens die geballte Krisenkompetenz der glorreichen chinesischen Nation. Noch in der Transitzone wurden wir abgefangen und an einen Schalter für gestrandete Passagiere verwiesen, an dem uns zwar kein neues Flugticket, aber immerhin ein Hotelzimmer organisiert werden sollte. So geschah es auch: Gemeinsam mit einer Schar Verlorener aller Herren Länder irrten wir in einem rachitischen Autobus eine halbe Ewigkeit durch die chinesische Nacht, landeten schließlich in einer sich selbst „International Business Hotel“ bezeichnenden Absteige, die weit genug vom Flughafen entfernt lag, um nicht mehr von Fluglärm belästigt zu werden.

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          Dafür führte direkt unter unserem Fenster eine stark frequentierte Güterbahnstrecke vorbei. Das war aber gar nicht schlimm, weil an Schlaf ohnehin nicht zu denken war. Denn unsere Unterkunft erinnerte stark an das Hotel, in dem Jack Nicholson in „Shining“ mit der Axt umgeht. Also lieber wach bleiben. Und auch sonst war es ein Ort voller Schweißgeruch und kaltem Zigarettenrauch, der jedem Albtraum zur Zierde gereichte, einer jener Orte, nach dem eigentlich nur noch der Selbstmord kommen kann.

          Wir lieben das Leben und waren früh wieder am Flughafen, in der Hoffnung, mit der Morgenmaschine der Lufthansa, einer Partnergesellschaft der Air China in der Star Alliance, nach Hause fliegen zu können. Da könnten wir lange hoffen, wurde uns von einem etwas ruppigen Mitarbeiter der chinesischen Gesellschaft mitgeteilt. Denn Schuld an unserer Verspätung und dem verpassten Anschlussflug sei schließlich nicht Air China, sondern die Luftraumkontrolle, da werde prinzipiell nicht umgebucht. Wir müssten also den Flug seiner Gesellschaft nehmen, der viele Stunden später terminiert war, Ende der Durchsage.

          Mischung aus Spießerpuff, Nomenklaturakantine, Transithölle

          Wir lieferten uns dann ein lustiges Ruppigkeitsduell mit dem Herrn, bis seine Vorgesetzte beherzt eingriff und uns ins Stundenhotel schickte. Es stellte sich als ein fensterloses Verlies tief im Inneren des Flughafens heraus, das hoffnungslosen Fällen wie uns Asyl gewährt. „24 Hours Hotel“ heißt dieses Etablissement nicht umsonst. Es vermietet seine Zimmer stundenweise und bietet außerdem Massagen in Séparées an. Sie sahen zwar so aus, als seien sie für alle Arten von Schweinereien gemacht, zumal in jedem Kabuff eine Dame erwartungsfroh wartete. Doch der Chinese ist prüde und lässt sich dort tatsächlich nur Nacken und Fußsohle kraulen. Wir hörten keine Lustschreie, sondern nur leises, wohliges Stöhnen aus den Massagekabinen, so weit entfernt vom „Happy Ending“ wie unsere Odyssee.

          Ist das nun endlich unsere Maschine oder doch wieder nicht? Lange Wartestunden am Capital Airport von Peking.

          Das Stundenhotel erinnerte uns trotzdem an eine verwegene Mischung aus Spießerpuff, Nomenklaturakantine, Transithölle oder was auch immer: fleckiger Fußboden, Thronpolstermöbel mit Häkeldeckchen, kitschige Drachenmotive an den Wänden, dazu abgewetzte Schmetterlingplastikuntersetzer auf den Tischen wie im Kindergarten, braungraues Plastikbesteck darauf wie im Billigaltersheim und resolutes Personal mit stark reduzierter Freundlichkeit wie im Umerziehungslager. Wir verzichteten auf das trostlose Frühstücksomelette, das uns als Verhöhnung der Jahrtausende alten, chinesischen Kochkunst auf den Tisch geklatscht wurde - ganz im Gegensatz zu ein paar seltsamen, an die Bewohner von Gorkis Nachtasyl erinnernden Gestalten in Filzlatschen, die aus dem Nichts aufgetaucht waren und sich an den Nebentisch gesetzt hatten.

          Und plötzlich schoss uns ein schrecklicher Gedanke durch den Kopf: Vielleicht war dieses Stundenhotel gar keine Kurzzeitunterkunft für gestrandete Fluggäste. Vielleicht lebten in seinen Zimmern Menschen, die irgendwann vor vielen Jahren verlorengegangen waren und seither hier ihr Untotendasein führen. Vielleicht war das die Endstation allen Reisens und Lebens. Vorsichtshalber verließen wir das Verlies im Eilschritt und verbrachten die letzten sieben Stunden bis zu unserem Abflug lieber draußen auf einer harten Bank. Mit dem Rückflug klappte übrigens alles bestens, bis auf eine Stunde Wartezeit an der Startbahn wegen „Air Traffic Congestion“, was sonst, ein Klacks, die Maschine des FC Bayern München stand hier neulich dreieinhalb Stunden im Stau. Wir warteten geduldig mit einem Lächeln auf den Lippen, dachten an Zombies, freuten uns des Lebens und fühlten uns wie glücklich Gerettete.

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