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Flugreise mit Hindernissen : Zombies im Stundenhotel

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Dafür führte direkt unter unserem Fenster eine stark frequentierte Güterbahnstrecke vorbei. Das war aber gar nicht schlimm, weil an Schlaf ohnehin nicht zu denken war. Denn unsere Unterkunft erinnerte stark an das Hotel, in dem Jack Nicholson in „Shining“ mit der Axt umgeht. Also lieber wach bleiben. Und auch sonst war es ein Ort voller Schweißgeruch und kaltem Zigarettenrauch, der jedem Albtraum zur Zierde gereichte, einer jener Orte, nach dem eigentlich nur noch der Selbstmord kommen kann.

Wir lieben das Leben und waren früh wieder am Flughafen, in der Hoffnung, mit der Morgenmaschine der Lufthansa, einer Partnergesellschaft der Air China in der Star Alliance, nach Hause fliegen zu können. Da könnten wir lange hoffen, wurde uns von einem etwas ruppigen Mitarbeiter der chinesischen Gesellschaft mitgeteilt. Denn Schuld an unserer Verspätung und dem verpassten Anschlussflug sei schließlich nicht Air China, sondern die Luftraumkontrolle, da werde prinzipiell nicht umgebucht. Wir müssten also den Flug seiner Gesellschaft nehmen, der viele Stunden später terminiert war, Ende der Durchsage.

Mischung aus Spießerpuff, Nomenklaturakantine, Transithölle

Wir lieferten uns dann ein lustiges Ruppigkeitsduell mit dem Herrn, bis seine Vorgesetzte beherzt eingriff und uns ins Stundenhotel schickte. Es stellte sich als ein fensterloses Verlies tief im Inneren des Flughafens heraus, das hoffnungslosen Fällen wie uns Asyl gewährt. „24 Hours Hotel“ heißt dieses Etablissement nicht umsonst. Es vermietet seine Zimmer stundenweise und bietet außerdem Massagen in Séparées an. Sie sahen zwar so aus, als seien sie für alle Arten von Schweinereien gemacht, zumal in jedem Kabuff eine Dame erwartungsfroh wartete. Doch der Chinese ist prüde und lässt sich dort tatsächlich nur Nacken und Fußsohle kraulen. Wir hörten keine Lustschreie, sondern nur leises, wohliges Stöhnen aus den Massagekabinen, so weit entfernt vom „Happy Ending“ wie unsere Odyssee.

Ist das nun endlich unsere Maschine oder doch wieder nicht? Lange Wartestunden am Capital Airport von Peking.

Das Stundenhotel erinnerte uns trotzdem an eine verwegene Mischung aus Spießerpuff, Nomenklaturakantine, Transithölle oder was auch immer: fleckiger Fußboden, Thronpolstermöbel mit Häkeldeckchen, kitschige Drachenmotive an den Wänden, dazu abgewetzte Schmetterlingplastikuntersetzer auf den Tischen wie im Kindergarten, braungraues Plastikbesteck darauf wie im Billigaltersheim und resolutes Personal mit stark reduzierter Freundlichkeit wie im Umerziehungslager. Wir verzichteten auf das trostlose Frühstücksomelette, das uns als Verhöhnung der Jahrtausende alten, chinesischen Kochkunst auf den Tisch geklatscht wurde - ganz im Gegensatz zu ein paar seltsamen, an die Bewohner von Gorkis Nachtasyl erinnernden Gestalten in Filzlatschen, die aus dem Nichts aufgetaucht waren und sich an den Nebentisch gesetzt hatten.

Und plötzlich schoss uns ein schrecklicher Gedanke durch den Kopf: Vielleicht war dieses Stundenhotel gar keine Kurzzeitunterkunft für gestrandete Fluggäste. Vielleicht lebten in seinen Zimmern Menschen, die irgendwann vor vielen Jahren verlorengegangen waren und seither hier ihr Untotendasein führen. Vielleicht war das die Endstation allen Reisens und Lebens. Vorsichtshalber verließen wir das Verlies im Eilschritt und verbrachten die letzten sieben Stunden bis zu unserem Abflug lieber draußen auf einer harten Bank. Mit dem Rückflug klappte übrigens alles bestens, bis auf eine Stunde Wartezeit an der Startbahn wegen „Air Traffic Congestion“, was sonst, ein Klacks, die Maschine des FC Bayern München stand hier neulich dreieinhalb Stunden im Stau. Wir warteten geduldig mit einem Lächeln auf den Lippen, dachten an Zombies, freuten uns des Lebens und fühlten uns wie glücklich Gerettete.

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