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Die Geiß ist heiß

Von OLIVER MARIA SCHMITT, Fotos von FABIAN GATTLEN

16.09.2019 · Oliver Maria Schmitt übt den Sonnengruß beim Ziegenyoga im Oberengadin

V erbogen knie ich auf dem Boden, mache Abwehrbewegungen, doch mit Fleiß geht die Geiß mir auf den Senkel, oder besser: an denselben. Vor und hinter mir wachsen schneebedeckte Berge in den blau-weiß gescheckten Himmel, das Gras ist noch feucht von einem Gewitterregen, der so plötzlich auftauchte wie er wieder in Richtung Malojapass verschwunden ist. In Champfèr dampft die Wiese. Ich stehe auf einer grünen Alm, einem „Kraftort“ irgendwo im Oberengadin, nur einen Bocksprung von St. Moritz entfernt, und fühle mich irgendwie komisch.

Ich solle nur in die Brust atmen, sagt Diana, „bis ins Schlüsselbein“. Diese Yoga-Atmung würde mir helfen, meinen Lymphfluss „mit einer Flow-Bewegung“ zu verbinden und zu stimulieren. „Euer Atem wird euch leiten“, verspricht unsere Lehrerin, doch das mit dem Schlüsselbein ist gar nicht so einfach, wenn um einen herum lauter Glöckchen klingeln und komisch müffelnde Typen versuchen, einem das Ohr abzukauen.

  • Yoga mit Ziegen ist ...
  • ... ideal für Einsteiger, denn ...
  • ... die Ziegen bringen Spaß und Abwechslung ...
  • ... in die anstrengende Yogastunde ...
  • ... und das auf 1825 Metern über Meereshöhe.

Warum ich hier bin? Weil ich mich seit geraumer Zeit verkrampft und unentspannt fühle, verknittert und schief. Ich habe leichten Rücken und schwere Prokrastinationsschübe. Da helfe nur noch Yoga, sagte eine Freundin. Yoga ist freilich schon lange ein Teil meines Lebens. Allerdings ein eher unbeachteter und ignorierter Teil, denn die Technik des kunstvollen und konzentrierten Extremitätenverbiegens steht in eklatantem Gegensatz zu meiner körpereigenen Torsionssteifigkeit. Immer wieder wollte ich mit Yoga anfangen, aber dann dachte ich jedes Mal, da kann ich ja genauso gut zu Hause auf dem Boden liegen beziehungsweise auf dem Sofa. Meine beliebteste Yogaübung ist die Couchkartoffel, die habe ich bis zum Wundliegen perfektioniert. Ich habe mir sogar schon mal eine Yoga-App runtergeladen und dann das Handy mit den Übungen laufen lassen, während ich weiter an der Perfektionierung der Kartoffelposition arbeitete.

Nun aber musste es sein. Die Freundin riet mir, ins Engadin zu reisen, dort könne man Yoga mit Ziegen machen, das sei ideal für Einsteiger, denn die Ziegen brächten Spaß und Abwechslung in die anstrengende Yogastunde. So verließ ich mein Bundesland, um einen Kanton aufzusuchen, der auf 1825 Metern über Meereshöhe dem Himmel und der Erlösung näher ist

Ziegen können Stimmungen und Emotionen erkennen.


Am Ortsrand des Dörfchens Champfèr begrüßt uns Nicole Buess, sie bietet „Mini Geiss – Dini Geiss“, „meine und deine Ziegen“ an, um gemeinsam zu wandern oder Yogaübungen zu machen. In den Vereinigten Staaten hat sich goat yoga längst etabliert und ist in manchen Bundesstaaten sogar schon wieder verboten, weil gierige Geschäftsleute es artwidrig in Städten und Fabrikhallen anboten. Doch hier, in ihrem natürlichen Habitat, fühle eine Geiß sich wohl. „Ziegen sind toll“, sagt Nicole und strahlt selig ihre Böcke an. „Die sind einerseits total entspannt und andererseits total lustig. Wenn sie Lust haben, nehmen sie Kontakt mit euch auf, aber zu ihren Bedingungen. Lasst sie einfach machen“, rät sie unserer kleinen Gruppe Yogainteressierter, „ärgert sie nicht und packt sie bitte nie, nie, niemals bei den Hörnern.“


„Ziegen sind toll. Wenn sie Lust haben, nehmen sie Kontakt mit euch auf.“
NICOLE BUESS

„Sie sind bewegliche, lebendige, unruhige, kluge und neckische Tiere“, wusste schon Tiervater Brehm. Neben den Schafen sind sie unsere ältesten Haustiere, und sie lieben lächelnde Menschen: Wissenschaftler der Queen-Mary-Universität in London haben gerade nachgewiesen, dass Ziegen nicht nur ein gutes Gedächtnis haben, etwa wenn es darum geht, sich Tricks zu merken, wie man an Futter kommt; sie können darüber hinaus Stimmungen und Emotionen erkennen: Die Versuchstiere interagierten auffällig häufiger mit Fotos, die lächelnde Menschen zeigten, als mit Abbildungen griesgrämig dreinschauender Gesellen.

Also lächle auch ich, denn die Ziege, sie ist sympathisch bescheiden: Sie spielt sich nicht als Sternzeichen auf, liefert nichts an die Pelzindustrie und produziert einen einzigartigen Käse. Bis vor wenigen Minuten wusste ich noch gar nichts über Ziegen. Außer dass sie stinken und ständig meckern.

Ziegen sind bewegliche, lebendige, unruhige, kluge und neckische Tiere.
Geißen ernähren sich anscheinend hauptsächlich von Schnürsenkeln.

Doch die Geißengang ist kastriert und stinkt nicht, hat nur so ein ganz leichtes Odeur. Und gemeckert wird auch nicht. Geißen ernähren sich anscheinend hauptsächlich von Reißverschlüssen und Schnürsenkeln, aber auch Haare, Kragen und Knöpfe stehen wohl auf ihrem Speiseplan. Sie sind unifarben gekleidet oder schick gescheckt, haben coole Hörner und geheimnisvolle Augen mit quer liegenden, rechteckigen Pupillen. Die sehen total krass aus, vor allem, wenn man sich gerade dem Sonnengruß zuwendet.

Wir bekommen jeder eine Schale Edelweiß-Tee, dann rührt Yogalehrerin Diana in der Klangschale herum. „Namaste!“, sagt sie und lächelt sanft in sich hinein. Bevor es losgehe, sollen wir aber erst mal unsere Atmung regulieren. „Atmet so lange ein, wie ihr ausatmet.“ Während ich ein- und aus- und ein- und ausatme, spüre ich plötzlich ein heißes Schnaufen im Nacken. Eine Ziege steht hinter mir, untersucht den Kragen meines Polohemdes und atmet mit. „Wir beginnen mit dem Sonnengruß“, sagt Diana, hebt sich aus der Bauchlage und reckt den Oberkörper hoch, um erste tiefsitzende Chakrenverknotungen zu lockern. Die Geißen ignorieren den Sonnengruß jedoch und klappern lieber mit der Klangschale. Auch ich ziehe beim Sonnengruß nicht mit, denn ich kann das laute Knirschgeräusch in meinem Körper nicht ertragen, wenn ich so was mache. Außerdem steht eine Ziege über mir und tut so, als sei das schon seit Jahren ihr Stammplatz.

Die jungen Böckchen Beni Buess, Sämi, Murmel Paolino, Gibo und Zottel genießen ihre Freiheit.

„Keine Angst, das ist nur Zottel. Der will schauen“, beruhigt mich Nicole, die stets ein Auge auf ihre Schützlinge hat. Die Geißen sind ihr Herzensprojekt. Zum fünfzigsten Geburtstag, die Scheidung lag gerade hinter ihr, wünschte sie sie sich von Freunden keine Geschenke, sondern „das Metzgergeld“ für diese fünf jungen Zicklein, an deren Weide sie beim Spaziergang in ihrem Heimatdorf jeden Tag vorbeigekommen war. Sie wollte ihnen das Leben retten, denn die Geißen waren männlich, auf sie wartete die Schlachtbank. Nur den weiblichen Ziegen ist ein Weiterleben als Milchvieh und Nachwuchserzeugerinnen vergönnt. Also löste sie Beni Buess, Sämi, Murmel Paolino, Gibo und Zottel nach und nach aus, pachtete eine Weide und überlegte, was sie mit den jungen Böckchen anstellen könnte.

Ich frage mich hingegen, was die mit mir anstellen. Mein Hemd scheint eindeutig das Schmackhafteste zu sein, denn nachdem Sämi angefangen hat, auf dem Saum herumzukauen, will auch Murmel Paolino eine Portion abhaben. Dann kommt auch noch Zottel angezottelt. Leider trage ich ausgerechnet heute – und ich schwöre, das ist das letzte Mal! – eine dieser albernen Zipperhosen, die ausschließlich aus Reißverschlüssen bestehen. Modisch ohnehin ein Ärgernis, sind sie ziegenernährungstechnisch leider ein Schlaraffenland. Die Geiß ist heiß auf meine Reißverschlüsse. Die anderen Kursdamen tragen alle zipperlose Trainingshosen und sind sicher. Bis auf die Schnürsenkel.

Auch ein kleines Böckchen braucht einmal eine Pause.

Nun machen wir den Baum, um die körperliche Festigkeit und den Gleichgewichtssinn zu stärken. Offenbar mache ich einen sehr guten Baum, denn Sämi und Zottel reiben sich wohlig an meinem einen Stammbein. Ich hoffe inständig, dass jetzt keiner der beiden gleichfalls ein Bein hebt und an mir den Hund macht. Und während wir unsere innere und äußere Balance stärken, wird mir klar, dass nicht die Geißen uns beim Yoga unterstützen, sondern dass wir uns hier abmühen, um die Viecher zu unterhalten. Wir bespaßen und füttern sie mit den leckersten Reißverschlüssen und Schnürsenkeln – eigentlich müssten die doch uns dafür bezahlen!

Dann machen wir den Krieger. „Damit bringen wir Dynamik ins Atmen“, weiß Diana. „Macht es wie der Schmetterling: Atmet auf und ab! Und jetzt ... und jetzt macht sie mir den Schnürsenkel auf“, lacht die Lehrerin, denn Beni Buess macht nicht den Schmetterling, sondern die Knabbergeiß. Es wird überhaupt sehr viel gelacht, und ich spüre, wie ich immer entspannter werde. War ich vor meiner ersten Yogastunde noch nervös und befangen, so bin ich jetzt gelöst, ja fast schon getröstet, weil sich Gibo gerade so herzhaft an meinem Rücken reibt. Ich spüre seine Wärme. Nennt mich einfach Geißen-Olli! Nach der Yogastunde werde ich Gibo fragen, was er heute Abend noch so vorhat. Dann gehen wir vielleicht zusammen rüber nach St. Moritz, machen die Stadt unsicher und meckern in der Fuzo die reichen Ziegen an.

Dem Metzger noch mal entkommen und im Arbeitsalltag angekommen: Beni Buess, Sämi, Murmel Paolino, Gibo und Zottel heißen die Geißböcke, die hier während einer Yogaübung unseren verspannten Autor (im Bild) und andere Teilnehmer locker machen.


Doch zuvor soll ich das Krokodil machen. „Makarasana“, sagt Diana, das habe einen sehr relaxten Effekt, wirke stark entgiftend auf den Verdauungstrakt und löse Stress. Plötzlich fällt es mir ganz leicht, mich zu verschrauben. Ich verwechsle dabei zwar noch die Beine, aber Gibo hilft mir dabei, sie wieder zu sortieren. Zur Endentspannung liege ich erschöpft auf der Matte. Um zwei Schnürsenkel ärmer und fünf gute Erfahrungen reicher. Und meine vorher noch so hässliche Zipperhose hat jetzt den angesagten Destroyed-Look. Ich beschließe, sofort die nächste Ziegenyogastunde zu buchen. Aber ohne Lehrerin Diana. Und ohne die anderen Kursteilnehmerinnen. Nur mit Beni Buess, Sämi, Murmel Paolino und natürlich Gibo. Und meinetwegen auch Zottel, wenn er Bock hat.

Als wir fertig sind, die Weide wieder räumen und die Yogamatten zusammenrollen, strullert Sämi protestierend auf eine Matte, Zottel und Gibo meckern vernehmlich. Zum ersten Mal überhaupt.

Eine Geißenyogastunde (bis zu zehn Teilnehmer) kostet 360 Franken minigeiss-dinigeiss.ch/geissenerlebnisse.

Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 16.09.2019 20:14 Uhr