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Zeitreise in Kolumbien : Die drei Leben der Perle vom heiligen Kreuz

Viele Jahrzehnte lang hat Mompox in seiner eigenen Zeit gelebt und lässt sich jetzt viel Zeit damit, in die Gegenwart zurückzukehren. Bild: Fetze Weerstra / VWPics

Wie vergänglich Ruhm und Reichtum sind, musste die kolumbianische Kolonialstadt Mompox am eigenen Leib erfahren. Ihre stille Schönheit aber kennt kein Verfallsdatum, sondern nur die Melancholie der Zeitlosigkeit.

          10 Min.

          Der Tarzan von Mompox ist auf einer Reise ohne Anfang und Ende. Jeden Tag springt der junge Bursche mit der Johnny-Weissmüller-Figur am oberen Ende der Uferpromenade kopfüber in den Río Magdalena, krault drei, vier Kilometer flussabwärts, schwimmt dabei mit Leguanen und Kaimanen um die Wette, steigt danach aus dem Wasser und läuft seine Schwimmstrecke auf der Promenade zurück, um danach abermals in den Fluss zu springen und seine Übung zu wiederholen, dreimal, viermal, fünfmal, endlose Male hintereinander, als sei er in einer Zeitschleife gefangen. Niemand weiß, warum der kolumbianische Tarzan so unermüdlich den Río Magdalena entlangschwimmt und sich vor den Augen aller zum Narren eines menschlichen Perpetuum mobiles macht. Und wahrscheinlich ahnt er nicht, dass niemand anderes als er selbst der beste Botschafter der so schön in sich selbst verlorenen Stadt Mompox ist, die sich vor langer Zeit in ihre eigene Zeit jenseits der unseren verabschiedet hat und nun ganz langsam, ganz behutsam, schüchtern fast in die Gegenwart zurückkehrt.

          Jakob Strobel y Serra
          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Drei Leben hat Mompox, diese stolze, fromme, heldenmütige Stadt in der kolumbianischen Provinz Bolívar, und alle drei verschränken sich zu einer Dreifaltigkeit, wie man sie in Südamerika kein zweites Mal findet. Am 3. Mai 1537 wurde sie vom Konquistador Alfonso de Heredia als eine der ersten spanischen Siedlungen des Halbkontinents gegründet und auf den erstaunlichen Namen Santa Cruz de Mompox getauft: Das heilige weiße Kreuz auf rotem Grund erkoren die Eroberer zum Stadtwappen, das genauso aussieht wie die Schweizer Flagge und heute ein verwirrender Anblick für Mitteleuropäer ausgerechnet in dieser brettflachen, brüllend heißen Gegend ist. Und dem Häuptling der lokalen Ureinwohner gewährten sie die Ehre des Namenspatronats, weil dieser Cacique Mompoj vom Volk der Malibúes ein tapferer Krieger war, der den Spaniern heldenhaft Widerstand leistete – eine noble Geste, die aber keinen einzigen der Malibúes vor der Niedertracht bewahrte, versklavt zu werden.

          Die Gier des Freibeuters John Hawkins

          „Tierra de Dios“ nannten die Konquistadoren diese Gegend, weil sie ihnen wie das Gelobte Land erschien: eine fruchtbare Zwitterlandschaft aus Wasser und Erde voller Flüsse, Seen, Lagunen, Felder, Wälder und Weiden, voller Fische, Krebse, Garnelen, Mais, Maniok und tropischer Früchte so bunt wie ein Regenbogen. Der Río Magdalena floss als Haupt- und Lebensader durch diese „depresión momposina“, die maritime Tiefebene inmitten des kolumbianischen Hinterlandes, und schenkte Mompox seine strategische Bedeutung. Denn er machte die Stadt zum Scharnier zwischen den Goldminen im Bergland der Anden und Cartagena de Indias an der Karibikküste, dem Startpunkt der spanischen Flottenverbände ins Mutterland, jener Armadas aus Galeonen, die schwer beladen mit den Schätzen der Inkas nach Sevilla segelten, immer auf der Hut und oft auf der Flucht vor den Korsaren Englands, Frankreichs und Hollands.

          Charme mit Patina, aber kein komatöser Dornröschenschlaf mehr: Die Zeit nagt an Mompox, ohne es zu zerfressen.
          Charme mit Patina, aber kein komatöser Dornröschenschlaf mehr: Die Zeit nagt an Mompox, ohne es zu zerfressen. : Bild: Picture-Alliance

          So wuchs Mompox zu einer prosperierenden Perle im Vizekönigreich von Neu-Granada heran, reich und schön und friedvoll, berühmt in der Neuen wie in der Alten Welt für ihre feinen Schmiedearbeiten aus Gold und Silber. „Filigrana de Mompox“ wird diese Kunst bis heute genannt, weil der Schmuck so filigran ist, als sei er aus haardünnen Fäden gewirkt, und weil er sich so zart wie Seide um die Hälse und Handgelenke der Momposinas schmiegt, deren Schönheit in Kolumbien tausendfach besungen und beschrieben worden ist. Einmal aber war der Frieden in höchster Gefahr. Denn selbst seine Lage dreihundert Kilometer hinter der Karibikküste schützte Mompox nicht vor der Gier des Freibeuters John Hawkins. Er segelte den Río Magdalena hinunter, um die Schatztruhe Neu-Granadas zu plündern, doch Gott stand seinem Land bei, so dass der englische Schurke keinen nennenswerten Schaden anrichten konnte – „Terra de Dios“, die Konquistadoren hatten recht.

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