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Wittgenstein in Norwegen : Leidendes Genie in stiller Ernsthaftigkeit

  • -Aktualisiert am

Stabkirche am Sognefjord Bild: Picture-Alliance

Ludwig Wittgenstein hat in der Einsamkeit Norwegens die Philosophie des zwanzigsten Jahrhunderts revolutioniert. Seine Hütte ist wiederaufgebaut worden, und ein Ruderboot wie seines ist jetzt auf der Frankfurter Buchmesse zu sehen.

          10 Min.

          Herrliches Wetter. Die Birken schon belaubt. Gestern nacht sah ich das erste große Nordlicht. Ich habe es ungefähr 3 Stunden lang angesehen, ein unbeschreibliches Schauspiel.“ Das schrieb Ludwig Wittgenstein am 26. April 1937 in seinem Waldhaus am Eidsvatnet-See in eines seiner „Geheimen Tagebücher“. Von seinem Altan aus führte sein Blick ins Offene. Kein Mensch weit und breit, rundherum nur Felsgestein, Wälder, Berge, Himmel. Weit hinten und unten das Dorf Skjolden am äußersten Ende des Sognefjords.

          Mit mehr als zweihundert Kilometer Länge ist er der längste Fjord Norwegens und damit Kontinentaleuropas. In diese weit abgelegene Gegend zog sich der österreichische Sprachphilosoph bereits 1913 zurück, weil er seinen Geist nicht länger in Cambridge „prostituieren“ wolle, wie er seinem Mentor Bertrand Russell bekundete. Der Mathematiker und Logiker Russell befürchtete, dass sein vierundzwanzigjähriger Zögling, der damals in Cambridge als Jung-Genie und später gar als „Gott“ gefeiert wurde, in der Dunkelheit des norwegischen Winters verrückt werde. Tatsächlich musste Wittgenstein im Winter der Jahre 1936 und 1937 lange auf Helligkeit warten. Erst am 22. März konnte er von seinem Waldhaus aus die Sonne für eine Stunde beobachten. In Geheimschrift ist weiter in seinem Tagebuch zu entziffern: „Es ist niemand hier: Aber es ist eine herrliche Sonne hier, & ein schlechter Mensch.“

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