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Winterkost (1) : Süßer die Stollen nie kleben

Im Gegensatz zu dem restlichen magenverklebenden, kopfschmerzinduzierenden Angebot auf dem Weihnachtsmarkt mutet der Schokoapfel fast noch gesund an. Schließlich ist ein echter Apfel drin. Bild: Esra Klein

Auf dem Frankfurter Weihnachtsmarkt gibt es alles mit Zimt, den schlechtesten Wein der Welt und Lametta aus Würsten. Ein Rundgang mit Kostproben.

          Fünf Minuten Weihnachtsmarkt, und ich habe schon wieder Puls. Was stehen die da, was gucken die da, was kaufen die da, was schaufeln die da alle in sich hinein? Was soll diese Vollverbudung, die Vollverdudelung einer an sich eher mittelbeschaulichen Innenstadt, warum machen die das? Warum diese riesige Tanne, der in diesem Jahr auch noch die Spitze abgebrochen ist? Weihnachtsmärkte sind mir ein Rätsel, sie sind voll, sie nerven, sie legen Stadtkerne still, und ich nehme meinen Alkohol auch nur ungern ambulant im Stehen und mit kalten Füßen zu mir, denn ich bin ein komfortbetonter Trinker.

          Aber ich muss hier durch, ich bin verabredet und mir der Verantwortung einer Verabredung bewusst. Die Fotografin steht vor dem Eingang der Schirn, in den zu diesem frühen Zeitpunkt noch kein Landbrötchen seinen Magen hineinentleert hat, und ist angenehmerweise schlechtester Laune. Sie fotografiert seit Tagen Weihnachtsmärkte und kann den Mist nicht mehr sehen. Ich bin versöhnt, und zusammen gehen wir erst mal was trinken.

          Glühwein, das weiß jeder, ist ganz, ganz schlimme Plörre und spielt sich auf ähnlichem Geschmacks- und Kopfschmerzlevel ab wie Sangria-Supermarktbückware in Anderthalbliterflaschen. Deshalb sollte man auf Weihnachtsmärkten keinen Glühwein trinken. Leider hält sich niemand daran, und am nächsten Tag jammern alle. Ich trinke deshalb lieber heißen Apfelwein an einem Stand direkt vor der Nikolaikirche, den man hessisch als „Haaßen“ bestellen kann. Leider arbeiten an diesem Stand ausschließlich Nichthessen und außerdem ziemlich ahnungslose Leute. Welcher Provenienz dieser Apfelwein ist, weiß keiner zu sagen.

          Es dudelt und dreht und dudelt und dreht

          Egal, selbst der schlimmste Apfelwein spielt einem nicht so übel mit wie schlimmer Glühwein. „Haaßer“ ist grundsätzlich eine gute Sache, denn das Apfelaroma wird mit Nelken, etwas Zimt, Zucker und Zitrone abgerundet und schmeckt dann ein bisschen wie Bratapfel zum Trinken. Der Apfelwein wird in einem großen Steinkrug gereicht, damit man nicht sofort nachfüllen muss. Direkt neben dem Stand dreht sich das Nostalgie-Karussell mit den aufgespießten Pferden. Es ist voller Asiaten mit Selfie-Stöcken, die auf den Pferderücken herumrutschen und Bilder nach Asien senden, sobald das nächste W-Lan in Funkweite ist. Es dudelt und dreht und dudelt und dreht, und mir schwummert ein bisschen. Ich glaube, das Karussell steht extra deswegen hier, damit man nicht so viel trinkt.

          Bei Weihnachten denkt man ja eher nicht an Deiche und Fischkutter, aber die Fischkate verkauft eifrig ihren Weihnachtsmatjes.

          Wer trinkt, braucht eine solide Basis. Gleich ums Eck steht die Hamburger Fischkate, und mir ist nach Matjesbrötchen. Seltsamerweise verbindet man Weihnachten ja eher mit dem Alpenraum als mit der Küste, obwohl natürlich auch im Norden ein ordentliches Weihnachtsfest mit Baum und Kerzen und allem gefeiert wird. Aber Weihnachten ist eher ein Fest der Berge und Bäume und geduckten Hütten als ein Fest der Tiefebenen, Deiche und Fischkutter. Die ganze Weihnachtsikonographie samt Kalenderbildchen und Schaufensterwerbematerial lehnt sich an katholische Landstriche an, wohl weil man den Katholiken immer noch mehr Feiertagsinbrunst zutraut und viel mehr Mut zum Kitsch.

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