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Im Norden Sardiniens : Das Land des lebenden Granits

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Die Natur als Bildhauer: Wind, Wasser und Tektonik haben am Capo Testa ganze Arbeit geleistet, um aus dem Stein filigrane Skulpturen zu schlagen. Bild: Volker Mehnert

In der Gallura, dem steinigen Norden Sardiniens, hat sich der Tourismus an die Landschaft angepasst und lässt Raum für wildes Wuchern der Natur.

          7 Min.

          Alle schwärmen von rosa Sandstränden, türkisfarbenem Meer und der Costa Smeralda. Wir aber schauen erst einmal ins Landesinnere. Denn im Angesicht der Gallura, des wilden Nordens von Sardinien, könnte sogar ein versierter japanischer Gartenarchitekt vor Neid erblassen. Es ist, als hätte der Schöpfer und Gestalter des Mittelmeers in dessen Mitte ein Stück Land plaziert, darüber einen kosmisch großen Sack Felsbrocken ausgeschüttet und diese dann im Norden der Insel zu kunstvollen Steingärten drapiert. Geradezu monumental sind diese felsigen Kompositionen am Monte Limbara, an dem sich die Gesteinsmassen bis auf 1360 Meter Höhe hinauf stapeln. Gewaltige runde Buckel ragen aus dem Massiv heraus, seziert durch Spalten und Ritzen, durchlöchert wie ein Schweizer Käse, manchmal porös wie ein Schwamm, mal zackig abgebrochen, an anderen Stellen schon wieder erodiert und rundgewaschen. Zwischen den mächtigsten Kolossen liegen Wackersteine jeder Größe, ebenso willkürlich wie dekorativ auf dem Gelände verteilt. Überall ragen runde Felsnasen, spitze Nadeln und bizarre Türmchen hervor, in tausend verschiedenen Formen, die die Phantasie anregen und zu kuriosen Namensgebungen verleiten.

          Der Fels jedoch stellt nur das Fundament und sorgt für die Grundstruktur der Steingärten. Dazwischen und darauf wächst und blüht die mediterrane Flora: Kiefern und Pinien in der Höhe, weiter unten Wacholder und Korkeichen, die Bäume wirkungsvoll aufgestellt als Solitäre, in lichten Grüppchen oder selten in einem kleinen Wald. Das lässt Raum für die untere Etage des Pflanzenarrangements, dem dichten Busch- und Blumendickicht der Macchia: Zistrosen, Lavendel und Stechginster, Myrte, Heidekraut, Thymian, Rosmarin und Salbei, dazwischen rote Mohnblüten und andere Wildblumen. Siebzig Prozent der Gallura sind von Macchia bedeckt, und um unter der mediterranen Sonne eine Austrocknung zu vermeiden, sondern viele ihrer Pflanzen ätherische Öle ab, die sich in einer einzigartigen Duftexplosion entladen und zum ausgeprägten Macchia-Aroma vereinen.

          Die Gallura ist eine archaische Landschaft, ungestüm wie kurz nach der Erschaffung der Erde.
          Die Gallura ist eine archaische Landschaft, ungestüm wie kurz nach der Erschaffung der Erde. : Bild: Picture-Alliance

          Monte Limbara ist der gewaltigste, aber nur einer von vielen natürlichen Steingärten in der Gallura. Besonders dekorativ präsentieren sie sich rund um das Dorf Aggius. Dort sind die Felsen von Monte Croce und Monte Sozza zwar nur halb so hoch aufgeschichtet wie am Limbara, dafür jedoch noch bizarrer aufgespalten, ausgehöhlt und zerklüftet. Was im Laufe der Zeit in der Höhe abgebröckelt ist, hat sich von hier aus in einem weiten Tal verteilt, das fälschlich Valle della Luna heißt. Denn es ähnelt nicht im Geringsten einer öden Mondlandschaft, sondern ist wiederum ein grandioses Zusammenspiel von Stein und Flora, von Formen, Farben und Düften. Von einem Aussichtspunkt betrachtet man das Gesamtbild und wandert anschließend auf schmalen Pfaden mitten hinein in dieses plastische Kunstwerk der Natur.

          Existentielle Symbiose mit Granit

          Natürlich dürfen und müssen auf Sardinien auch Küste und Meer eine Rolle spielen, und sie sorgen ebenfalls für einen spektakulären Steingarten. Am Capo Testa, an dem sich die Felsen ins Meer wälzen, haben tektonische Kräfte im Zusammenspiel mit Wind und Wasser die Steinmassen aufgeschichtet, nebeneinandergelegt und zusammengeschoben, gleichzeitig jeden Stein auch ausgebohrt und zersägt, rund gewaschen, abgeschliffen und poliert. Die Gartengestaltung tritt hier freilich hinter der bloßen Kraft und Masse des Gesteins zurück, denn der Nordwind Maestrale und das stürmische Wetter an der Meerenge von Bonifacio lassen nur ein dürftiges Wachstum zu. Immer karger wird der Pflanzenteppich deshalb zum Meeressaum hin, und am Ende bleibt nur noch das schiere Gestein übrig, das sich den Wellen entgegenstemmt – mit abenteuerlich ausgewaschenen Hohlräumen und vereinzelten Restbrocken, wie vergessen abgelegt auf Kanten und Abbrüchen. Es ist eine archaische Landschaft, ungestüm wie kurz nach der Erschaffung der Erde.

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