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Wildcampen in Schweden : Stell dich nicht so hin

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Manchmal ist es gar nicht leicht zu erkennen, wo privater Grund endet und öffentlicher anfängt. Daher gilt das Prinzip: außer Sichtweite von Häusern. Bild: plainpicture/Briljans

In Schweden darf jeder wild campen. Wer vom „Allemansrätten“ Gebrauch macht, lernt viel über Skandinavien und dass es eigentlich ganz einfach ist, sich in der Wildnis ordentlich zu benehmen.

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          Kurz kommt Unruhe auf. Schon wieder fährt ein Auto vorbei, die Scheinwerfer waren von weitem zu sehen, man hatte gehofft, der Wagen würde abbiegen. Doch er kommt näher. Wird er sogar langsamer? Kommt doch jemand von der Gemeinde? Ein Polizist, ein verärgerter Anwohner? Doch der dunkelblaue Kombi fährt weiter. Die Unruhe bleibt kurz, bis der Blick wieder zum Horizont schweift. Es ist früher Abend, die Sonne sinkt langsam, das Meer, die Wellen sind leise zu hören. Wie schön – und das, obwohl dieser erste Urlaubstag auf einem Parkplatz endet. Doch da tönt ein Knattern von hinten. Doch noch jemand, den man stört?

          Nord-Öland im Sommer. Auf der Ostseeinsel machen die Schweden Ferien, sogar die Königsfamilie verbringt hier die langen Sommertage, und so gibt es einen für Schweden sehr ungewöhnlichen Zustand: Es ist voll. Wo man sonst Stunden durch Wälder spaziert, ohne jemanden zu treffen, und Unterkünfte nahezu nie reservieren muss, gibt es plötzlich andere Menschen. Ob Hotel, Ferienwohnung oder Campingplatz, auf der Ostseeinsel ist im Juli und Anfang August, wenn die Schweden frei haben, nahezu alles ausgebucht. Und so hatte keine zwei Stunden zuvor die Frau in der Touristeninformation an der Brücke, die vom Festland auf die Insel führt, mitleidig geschaut: ein Stellplatz, um die Jahreszeit, am späten Nachmittag? Sie hatte mit den Schultern gezuckt, telefoniert. Dann hatte sie zwei Kreuze auf der Übersichtskarte über die gerade mal 137 Kilometer lange Insel gezeichnet. Ganz im Süden wären zwei Stellplätze frei. Die Enttäuschung war groß: Es sollte doch erst gen Norden gehen, und überhaupt, eine Stunde Fahrt noch, dann einkaufen, im Dunkeln kochen? So gar nicht urlaubshaft.

          Der Komfort eines Autos: beim Campen gelten andere Maßstäbe.

          Ein wenig Auslegungssache

          Zwar steigt die Zahl der Touristen auch in Schweden immer weiter an. Waren 2005 nur rund 22,5 Millionen Menschen zu Besuch, kamen 2016 schon knapp 30 Millionen Touristen. Und allein im Jahr 2017 kamen zwei Prozent mehr Deutsche als im Vorjahr. Vor allem die Städte, besonders Stockholm und Göteborg, sind beliebt. Trotzdem: Vergleichbar mit Italien oder Spanien, wo im Jahr 2016 knapp 300 Millionen Übernachtungen ausländischer Gäste gezählt wurden, ist das Land noch lange nicht. In der Hochsaison gibt es zwar Orte, die gelegentlich überfüllt sind. Aber zum einen ist mancher Parkplatz schöner als ein durchschnittlicher Fünf-Sterne-Campingplatz in Italien. Und zum anderen gibt es das Allemansrätten, übersetzt Jedermannsrecht.

          Und so steht wenig später der VW-Bus im Nordwesten Ölands, knapp eineinhalb Kilometer hinter einem Dorf, auf dem letzten Parkplatz vor einem Naturschutzgebiet, das an der Küste verläuft. Die Heckklappe ist gen Meer geöffnet. Die Abendsonne sinkt langsam herab. Zwischen der Steilküste und dem Kiesparkplatz liegt eine Wiese mit gelben Blümchen und ein paar Büschen. Dazwischen: kein Klohäuschen, keine Gemeinschaftskochecke, und erst recht kein Minimarkt, aber eben auch: keine Zäune, keine Nachbarn, keine Kosten. Einziger Haken: Zwischendurch kleine Momente der Nervosität, denn wer wann wo laut Allemansrätten übernachten darf, ist immer auch ein wenig Auslegungssache. Und alle Viertelstunde fahren Autos mit lauter Musik gen Parkplatz, biegen dann aber kurz vorher rechts ab; Jugendliche, offenbar auf dem Weg zu einer nahen Party, aber bestimmt nicht gekommen, um Touristen zu kontrollieren.

          Zusätzliche Regeln für Feuermachen

          Das Allemansrätten gilt in Schweden, aber auch in den anderen skandinavischen Ländern, Dänemark bildet eine Ausnahme. Die Tradition geht auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts zurück. Seit 1994 ist sie in Schweden im Grundgesetz verankert. „Alle sollen laut dem Jedermannsrecht Zugang zur Natur haben“, so steht es im schwedischen Umweltgesetz. Praktisch heißt das: Man darf auf Grund, der nicht bewirtschaftet wird, eine Nacht übernachten, mit Zelt, ohne Spuren zu hinterlassen, niemand darf gestört werden, deshalb gilt es, großen Abstand zu Wohnhäusern zu halten. Außerdem darf man Blumen, Beeren und Pilze für den Eigenbedarf sammeln und abgestorbene, herumliegende Äste und Reisig für Feuer sammeln.

          Für das Feuermachen in der Wildnis gelten besondere Regeln.

          Für das Feuermachen gelten entsprechend dem Grundsatz „nicht stören und nichts zerstören“ zusätzliche Regeln: Es ist untersagt, wenn die örtlichen Behörden wegen Waldbrandgefahr Verbote ausgesprochen haben. Auch wenn man nichts von einem Verbot weiß, aber die Umgebung sehr trocken ist, sollte man es unterlassen, schließlich sind erst diesen Sommer Zehntausende Hektar schwedischer Wald bei Bränden zerstört worden. Der Gast muss außerdem Abstand zu Privatgrund halten, das Recht gilt nicht für Gruppen. Übernachten im Auto ist erlaubt, aber nur auf Rast- oder Parkplätzen.

          Ungläubigkeit über all die Freiheit

          Wie jenem im Nordwesten der Insel, keine halbe Stunde von der Ölandbrücke. Der Himmel hat sich mittlerweile in spektakuläres Orange verfärbt, da kommt wieder ein Auto. Doch noch jemand, der kontrollieren will?

          Ganz geht sie nicht weg, die Unruhe. Doch aus dem Kleinwagen steigt ein schwedisches Paar mit drei spanischen Gästen. Sie haben keine Kontrollformulare dabei, sondern Wein, Gläser, Knabberzeug. Ob sie der Bus trotzdem stört? Offenbar nicht. Sie nicken, lächeln, gehen auf der Wiese gen Meer und stoßen an, leise tuschelnd. Sie genießen die Natur, genau wie es das Allemansrätten vorsieht: zurückhaltend, als Gast.

          Für Besucher hat diese Tradition viele Vorteile. Dass man Geld für Übernachtungen spart, ist nur einer. Es entspannt, abends nicht dringend einen freien Campingplatz finden zu müssen. Es ist herrlich, einfach da bleiben zu können, wo es schön, der Hunger am größten oder der Fahrer müde ist, wo die Blaubeeren besonders lecker sind – oder einfach da, wo sonst niemand ist. Doch gerade als Deutscher scheint das jenseits der Vorstellungskraft: kein Eintritt, keine Zäune, Regeln, die nicht überall auf Schilder geschrieben sind? Niemand, der kontrolliert, weil es seine Aufgabe ist? Nicht mal jemand, der kontrolliert, obwohl es nicht seine offizielle Aufgabe ist? Vertrauen statt Misstrauen als Prinzip? Klingt zu gut, um wahr zu sein, zu frei, um zu funktionieren.

          Die Sonnenuntergänge gehören eindeutig zu den Highlights.

          Oft falsch verstanden und ausgenutzt

          Doch das tut es. Am anderen Ende des Parkplatzes steht ein Wohnwagen mit norwegischem Kennzeichen. Der Besitzer hat weder die Markise draußen noch Stühle, nur ein wenig Licht fällt aus dem mittleren Fenster auf den Kies des Parkplatzes. Als er noch etwas aus dem vorderen Teil des Campers holt, schließt er die Autotür leise.

          Seen gibt es in Schweden viele zu entdecken

          Natürlich klappt das nicht immer so gut. Über die Jahre wurde der guten Tradition durch schlechtes Verhalten geschadet. Es gibt Parkplätze, wo sich Wohnwagen an Wohnwagen reiht oder längst Schilder mit durchgestrichenem Camper stehen. „Fragt man einen Schweden, was ihn am Verhalten ausländischer Touristen am meisten stört, so ist die Antwort häufig, dass das Allemansrätten falsch verstanden und ausgenutzt würde“, schreibt Rike, die Betreiberin des Blogs „Schweden und so“. In Campingreiseführern wird gewarnt, dass man sich unbeliebt macht oder unter Umständen verscheucht wird und dem Ruf der Camper im Allgemeinen schadet, wenn man das Recht missbraucht – und etwa die Distanz zu Privatgrund nicht achtet. Allemansrätten, der Begriff ist längst vielfältig besetzt. Er kann für anstrengende Touristen stehen, nebenbei bemerkt auch für Tiefkühllebensmittel bei einem großen schwedischen Möbelhaus. Aber eben auch für einen Urlaub, in dem man wirklich fast immer genau da bleiben kann, wo es einem am besten gefällt.

          Schöne Parkplätze

          In zweieinhalb Wochen stand der VW-Bus so an einem See, an dem der Campingplatz schon voll war, auf einem Großstadtparkplatz, der näher an der Innenstadt war als der Campingplatz, in einem Stranddorf, in dem es keinen Stellplatz, aber ein sehr gutes Restaurant gab, und in einem Fischerdorf, als die Fahrerin müde war. Wichtig war immer die Regel, die auf einer offiziellen schwedischen Website für Touristen steht: „Je größer das Risiko, jemanden zu stören, umso eher müssen Sie um Erlaubnis fragen.“ Und so schwankten die Reaktionen der vorbeikommenden Schweden zwischen Gleichgültigkeit und Neugierde zu Details des Bus-Innenausbaus. Als Deutscher lernt man in erstaunlich kurzer Zeit, dass ein Miteinander auch mit lockeren Regeln funktionieren kann.

          Die Schönheit des Neumondes

          Wenn man dem denn traut. Denn so ganz geht sie nicht weg, die Nervosität. Die schwedisch-spanische Genussgruppe ist schon zurück ins Auto gestiegen, die Sonne ist nur noch zu erahnen hinter dem Horizont. Gerade überlegt man, draußen noch den Roman aufzuschlagen oder schon in die Kissen zu sinken, in Bauchlage mit Blick aufs Meer, da nähert sich jemand. Der Puls geht nach oben. Müssen wir gleich umziehen? Das Bett im Bus ist schon ausgeklappt, die Fensterabdeckung angebracht. Nein, es ist ein anderer Camper, Schwede, aber hier im Urlaub. Er klopft kurz an den Bus, dann fragt er: „Ist das hier der letzte Parkplatz oder kommen weiter hinten noch welche, die noch schöner sind?“

          Mehr zu Allemansrätten: skandinavien.eu/pdf/allemansraetten.pdf; visitsweden.de/das-jedermannsrecht/

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