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Wiedereröffnung Nationalmuseum : Ritt auf Rubens’ Kamelen

Von außen klassisch: Die Fassade des KMSKA in neuem Glanz. Bild: Karin Borghouts/KMSKA

Nach elf langen Jahren der Renovierung kann seit vorigem Wochenende das Königliche Museum der Schönen Künste Antwerpen wieder besucht werden. Nichts wie hin.

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          Was nur hat da elf Jahre Renovierungszeit beim Königlichen Museum der Schönen Künste in Antwerpen, kurz: KMSKA, benötigt? Von außen sieht man nur, dass die einst dunkelgrau verwitterte Fassade des 1890 eröffneten neoklassizistischen Riesengebäudes nun wieder hell erstrahlt – das aber dauert wohl nicht derart lange. Im Inneren klärt sich die lange Phase des Entzugs, in dem man das größte Museum Belgiens und eines der wichtigsten der Welt missen musste, schnell auf. Ebenerdig kann man eine ausführliche Dokumentation der Geschichte des Baus und des Umbaus des KMSKA erleben. In einem Videofilm führt die leitende Architektin Dikkie Scipio des Büros KAAN durch die vier neuen Kuben, die sie in die Innenhöfe gesetzt hat: eine nach außen unsichtbare Erweiterung auf die sagenhafte Fläche von mehr als einundzwanzigtausend Quadratmetern, die sich durch die grellweißen Böden und Lichtdecken von den sorgfältig restaurierten alten Sälen merklich unterscheidet. Dazu mussten zunächst unter anderem bei der Beseitigung eines Atomschutzbunkers im Keller unglaubliche dreizehnhundert Tonnen Beton und einundachtzig Tonnen Stahlarmierung aus dem Bauch des Riesenhauses beseitigt werden, was einen nicht geringen Teil der hundert Millionen Euro Baukosten verschlang.

          Schon im fünfzehnten Jahrhundert in den französischen Farben Weiß-Rot-Blau? Jean Fouquets „Madonna umgeben von Engeln“ von 1452 ist eines der drei ikonischen Werke des KMSKA.
          Schon im fünfzehnten Jahrhundert in den französischen Farben Weiß-Rot-Blau? Jean Fouquets „Madonna umgeben von Engeln“ von 1452 ist eines der drei ikonischen Werke des KMSKA. : Bild: KMSKA
          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          Die neu erfundene Schatzkammer der flämischen Kunst besitzt mit ihren vierunddreißig Gemälden sowie sechshundert Zeichnungen und Grafiken von Rubens und noch weit mehr Bildern vom zweiten Hausheiligen, James Ensor, von beiden Künstlern jeweils die weltgrößte Sammlung. Um das Museum in den langen elf Jahren dennoch im Gespräch zu halten, lieh das KMSKA aus dieser Sammlung so exzessiv aus wie kein anderes Haus dieser Größe: Nahezu jedes Hauptwerk war in den vergangenen Jahren einmal in einem Weltmuseum zu Gast. Die Direktion des Hauses hat zusammengerechnet. Auf ihren Touren in Deutschland, Europa, Amerika und der Welt sahen insgesamt elf Millionen Besucher die Rubens, Bruegels und Jordaens, Magrittes und Ensors, van Dycks und van Eycks, Massys und Modiglianis, Fouquets und Fauves sowie all die belgischen Expressionisten und mit Jules Schmalzigaug den einen einsamen Futuristen, den das Land hervorbrachte, der sich in Fortsetzung von Ensors berühmten Maskenbildern den Fasching vornahm und seine futuristisch-wirbelnde Komposition „Entwicklung eines Themas in Rot: Karneval“ nannte. Das ist zugleich – jenseits der teils überdehnt klingenden Themen wie „Himmel“ oder „Impotenz“ in den Sälen – der rote Faden durch die sechshundertvierzig zu sehenden Werke des KMSKA, die nach Restaurierungen in den vergangenen Jahren fast in ihrer alten, ursprünglichen Farbigkeit erstrahlen. Bestes Beispiel ist „Die Austernesserin“ von James Ensor, das erste impressionistische Bild Belgiens, das man aber jahrelang kaum als solches zu bezeichnen gewagt hätte. Denn unter der stark vergilbten Schicht Firnis war kaum mehr zu erkennen, wie subtil Ensor die unvermischten Farben in Flächen nebeneinandersetzte, um im Auge den Eindruck flirrender Opulenz zu erzeugen: Die Frau sitzt an einem mit glitzernden Kristallgläsern, kostbarem Geschirr und eben Austern überreich gedeckten Tisch, der direkt flämische Stillleben des merkantilen Überflusses in den impressionistischen Stil des vie moderne übersetzt. Ensor wäre allerdings nicht der abgründige Maler der Moderne, würde er die Austernesserin nicht mit ihrem weißen Obergewand nahtlos in den Stoff der Tischdecke übergehen und zugleich den auffälligen Buchstapel direkt hinter ihr im Regal aus ihrem Kopf herauswachsen lassen.

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