https://www.faz.net/-gxh-8dn6k

Amerikas Westen : Die Auferstehung der Route 66

Eine Straße, die Geschichte schreibt: Die Route 66 ist als „Historic Route 66“ zur Touristenattraktion geworden. Bild: Freddy Langer

Die Geschäfte gingen schlecht, die Bewohner zogen weg, der Ort drohte zu einer Geisterstadt zu werden. Da hatte Angel Delgadillo eine großartige Idee: Lasst uns die Route 66 zurückbringen.

          Autsch!“, sage ich. Und Angel sagt: „Upps!“ Und dass er mir, „Entschuldigung“, gerade eine Blutprobe entnommen habe. „A blood sample“, wie er es nennt. Und dann fügt er kichernd an, dass ihm das noch nie passiert sei. Was ich ihm natürlich nicht glaube. Dafür kam die Antwort mit der Blutprobe viel zu schnell. Und dafür ist er schon viel zu lange Barbier. Seit immerhin fast siebzig Jahren. So ist es der Urkunde zu entnehmen, die ihm das American Pacific Barber College in Pasadena am 5. Dezember 1947 ausgestellt hat und die im mächtigen Rahmen unübersehbar in seinem Friseurladen hängt, schwungvoll unterschrieben von L. Sherman Trusly oder Trusky oder Trudy, so genau ist das nicht zu entziffern, jedenfalls dem Präsidenten der Schule. Angel Delgadillo hatte den Kursus „Barber Science“ belegt. Er war damals zwanzig Jahre alt.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Heute ist Angel Delgadillo womöglich der berühmteste Barbier in ganz Amerika. Wenn auch nicht seiner Haarschneidekunst wegen. Er kichert immer noch über den vermeintlich gelungenen Scherz und tupft mir, dort, wo das Blut fließt, mit etwas Hartem am Hals herum, einem Alaunstein vermutlich, sieh an, so etwas gibt es also noch bei einem richtigen Barbier. Dann legt er mir zur Entspannung ein heißes Tuch über das Gesicht, weshalb ich die Gruppe von Touristen nicht sehen kann, die in dem Moment den Laden betritt, „Hei, hei“ ruft und augenblicklich ihre Kameras zum Glühen bringt. Klick, klick, klick, klacken von überall her die Verschlüsse ihrer Fotoapparate, und ich bin froh, dass Angel Delgadillo sich eine Pause gönnt, während er höflich grüßt, statt mit seinem Messer weiter an meinem Hals herumzukratzen. „Die Japaner sind da“, flüstert er mir ins Ohr. Und kichert schon wieder. Sie sind seinetwegen hier. In Japan sei er ein Star. Fünfzehn Mal war er dort im Fernsehen zu sehen. Jetzt hält jeden Vormittag ein Bus voller Japaner direkt vor seiner Tür, bevor die Tour weitergeht zum Grand Canyon.

          Amerikas berühmtester Barbier: Angel Delgadillo in seinem Friseursalon

          Angel Delgadillo hat das Geschäft von seinem Vater übernommen. Fast wenigstens. Denn sein Vater, der eine Billardhalle besaß, in deren einer Ecke er Kunden rasierte und ihnen die Haare schnitt, ging mit seinem Geschäft 1935 pleite, also lange bevor Angel in dessen Fußtapfen treten konnte. Aber den Friseurstuhl, ein Trumm von einem Möbel und allemal dem Sessel von Captain Kirk in Raumschiff Enterprise ebenbürtig, nur dass sich dieses Teil sogar nach hinten umklappen lässt, weshalb man während der Rasur mit dem Kopf gleichsam in Angel Delgadillos Schoß liegt, diesen Friseurstuhl also hat er vom Vater übernommen. Der hatte dafür in den zwanziger Jahren hundertvierundneunzig Dollar bezahlt, viel Geld in jenen Tagen. Die Rechnung gibt es noch, sie ist eines von Dutzenden Ausstellungsstücken im Friseursalon. Die Billardhalle lag im Zentrum des Orts direkt an der Hauptstraße, der Route 66, doch Anfang der dreißiger Jahre konnte die Straße die vielen Autos nicht mehr aufnehmen. Man verlegte den Verkehr um einen Block nach Norden. Und niemand kam mehr in den Laden.

          Weitere Themen

          Massentourismus am Weltwunder Petra Video-Seite öffnen

          Jordanien : Massentourismus am Weltwunder Petra

          Die Felsenstadt Petra in Jordanien leidet unter den jährlich wachsenden Besucherzahlen. Wie viel Massentourismus verträgt ein Weltwunder? F.A.Z.-Redakteurin Elena Witzeck hat sich vor Ort umgesehen.

          Topmeldungen

          Unser Sprinter-Autor: Thomas Holl

          FAZ.NET-Sprinter : Sorge vor neuem rechtsextremem Terror

          Wie real ist die Gefahr eines neuen rechtsextremen Terrornetzwerks nach dem Mordfall Lübcke? Wer profitiert vom geplanten Abbau des Solidaritätszuschlags? Und warum lohnt sich das Sammeln antiker Münzen? Der FAZ.NET Sprinter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.