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Wetter lernen : Wo weht der Idealzyklon?

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Im Ostfriesennerz trotzt man Wind und Wetter. Und wenn es zu unbehaglich wird, kann man immer noch in die Schiffsmesse flüchten. Bild: Nils Thies

Auf einem alten Segelschiff ist Wetterkunde noch Handarbeit. Bei einem Seminar lernt man alles über Wind, Wolken und Wasser - und kann dann mit sich selbst wetten, ob es in zwei Tagen wohl schön oder stürmisch wird.

          Zwei Masten ragen in den Himmel, als stützten sie ihn, abgespannt mit dicken Seilen. Am Horizont türmen sich Wolken auf, warme und kalte Luft kondensieren und erzeugen Windböen, die das Großsegel flattern lassen. Rücklings liege ich auf dem warmen Schiffsstahl, die Hände in den Hosentaschen, und blicke nach oben. Immer höher zieht der riesige weiße Blumenkohl aus Wasserdampf. Schnell kommt er näher, um schließlich die ersten Tropfen fallen zu lassen. „Kommt erst Wind und dann der Regen, Skipper kann sich schlafen legen“ - so lautet eine Wetterweisheit. Es ist Zeit, unter Deck zu gehen und zu lernen, ob es stimmt.

          Die anderen sitzen schon mit gespitzten Bleistiften und Papier in der gemütlichen Schiffsmesse. Auf alten Segelschiffen bedeutet Wetterkunde noch Handarbeit. Wir zeichnen, radieren und verbinden Punkte mit Linien. Einige zeigen ein Tiefdruckgebiet an. „Hoch 1039 Russland, wenig ändernd. Keil 1020 Südfinnland - das war der Seewetterbericht für Nord- und Ostsee vom Deutschen Wetterdienst“, verkündet eine monotone Radiostimme.

          Das Plattbodenschiff Verandering liegt auf dem Grund der Weser im Wattenmeer vor Bremerhaven Bilderstrecke

          Das müssen Männer mit Bärten sein!

          Ich frage mich, ob es eine gute Idee ist, sich inmitten von Hochs und Tiefs auf einem Schiff zu befinden, das älter ist als hundert Jahre, aber mit seiner Größe auf der Karte nicht einmal einen winzigen Punkt abgibt. Wenn ein Sturm kommt, sind wir weit weg vom Festland und den Böen ausgeliefert. Wir müssen daher wissen, wie sich das Wetter verändert, um gar nicht erst in die Gefahr zu kommen, den Sturm umfahren zu müssen oder im Hafen abzuwarten. Dazu puzzeln wir die Bestandteile zusammen, aus denen das Gesamtbild besteht. Ein Wert hier, eine Linie dort. Aber das Wetter bewegt sich und verschwimmt, um sich an anderer Stelle umso deutlicher zu manifestieren. Nichts steht still, so dass nur die Veränderung Bestand hat. Und als wolle es der Zufall, heißt unser Schiff genau so. „Verandering“ steht in weithin sichtbaren Buchstaben auf dem groben Stoff, der das Großsegel abdeckt. Das klingt wie ein stilles Versprechen dieses ehemals holländischen Plattbodenschiffs.

          Und schon mit dem ersten Schritt auf den Traditionssegler verändert sich die Welt. Der Boden schwankt, eine Dusche fehlt, und der Betrieb der Pumpe für die Toilettenspülung ist Handarbeit. Wasserhahn aufdrehen, zehnmal hoch unter runter pumpen, Wasserhahn wieder zudrehen. Zur See fahren ist nichts für Leichtmatrosen. Und als hätte er es gehört, fängt der Bootsmann an, auf seinem Akkordeon zu spielen: „Denn alle, die mit uns auf Kaperfahrt fahren, das müssen Männer mit Bärten sein!“, so schallt es aus der Messe.

          Nur Schäfchenwolken an der Front

          Die Mannschaft steht bereit, alle duzen sich in unserer kleinen Schiffsgemeinschaft. Zwei Handvoll Hobbysegler fahren mit, die diesen Kurs für die nächste Stufe eines Segelscheins brauchen. Außerdem die Bootsleute Uwe, Wiebke, Ralf und Jule. Dazu noch Smutje Michael, Skipper Jürgen und Kai, der Meteorologe. Dann machen wir uns auch schon an die erste Aufgabe: Helmuth wirft ein schweres Thermometer an einem langen Seil ins Wasser. Hans-Georg dreht den Handaspirations-Schleuder-Psychrometer zur Messung der Luftfeuchtigkeit locker aus dem Handgelenk. Werner liest den Barographen ab, der Luftdruckwerte auf eine Papierrolle zeichnet, und Marian überprüft das Windmessgerät. „Das da oben sind Cirruswolken“, sagt Kai. Nach Bjerknes Modell vom Idealzyklon erwarte er eine Warmfront.

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