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Westjordanland : Ferien mit Schuss

  • -Aktualisiert am

Touristen treffen auf Terroristen: Wer beim Schießtraining im Westjordanland das Ziel ist, steht allerdings außer Frage. Bis zu 700 Touristen nehmen jeden Monat an diesen Übungen teil. Bild: Rico Grimm

Im Westjordanland bieten israelische Soldaten ein Anti-Terror-Training an, Schießübungen inklusive. Ein Grenzfall des Tourismus im Selbstversuch.

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          Ich ziehe heute in den Krieg. Er kostet 110 Dollar und ist nur mit dem Auto zu erreichen; vorbei an Olivenhainen und trockener Hügellandschaft; vorbei am Checkpoint, an der Siedlung Efrat; dann eine Abzweigung ins Nirgendwo. Ein Tor, das sich öffnet; dann sind es nur noch wenige hundert Meter. Ich bin im Westjordanland, einem von Israel besetzten Gebiet, und eigentlich ist hier immer irgendwie Krieg. Wir halten am Ende der asphaltierten Straße. Hier beginnt mein Einsatz.

          Dieser Komplex, abseits gelegen wie militärisches Sperrgebiet, nennt sich „Caliber 3“. Was wie ein Computerspiel klingt, ist eine Mischung aus Freizeitpark und Krisengebiet. Israelische Soldaten bringen den Besuchern hier etwas bei, das man wohl in keinem anderen Staat besser lernen kann: die Jagd auf Terroristen. Genauer gesagt: den richtigen Schusswechsel mit einem Terroristen. Das ist das Standardprogramm. Wie man Geiseln befreit und sich im Häuserkampf verhält, kostet extra.

          Frauen mit Flipflops, Männer mit ergrautem Haar

          Ich habe noch nie eine Waffe in Händen gehalten. Und abgesehen von Attrappen in Actionfilmen habe ich auch noch keine Waffe gesehen. Bis ich in Israel landete. Hier sind Gewehre im Stadtbild so präsent wie die Landesflagge: Sie sind überall. Jeder jüdische Schulabgänger, ob männlich oder weiblich, muss zum Militär. Ausnahmen gibt es nur wenige. Wer streng religiös ist, darf zwar verweigern, aber auch das soll sich bald ändern.

          Israel und Westjordanland

          Waffen machen mir Angst. Doch in Wahrheit fürchte ich mich genauso vor mir selbst. Was, wenn mir das Schießen am Ende sogar Spaß macht? Ich werde zu meiner Einheit geführt, einer Touristengruppe aus Kanada und England. Vorbei an Schießständen, an denen Männer stehen, die aussehen wie die nahöstliche Version von Bruce Willis. Plötzlich knallt es neben mir, ich zucke zusammen. Dann noch einmal. Ich würde mich am liebsten ducken. „Du wirst dich dran gewöhnen“, sagt einer der Soldaten zu mir. „Es ist wie Fallschirmspringen. Nach dem ersten Sprung wirst du es immer wieder tun wollen.“

          Mein Ausbilder heißt Steve. Er braucht 3,5 Sekunden, um sich die Schuhe anzuziehen, und zwei Sekunden, um ein Magazin zu wechseln. Er weiß das so genau, weil „jede Sekunde ein Menschenleben kosten kann“. Steve kommt eigentlich aus Südafrika und ist Mitglied einer israelischen Anti-Terror-Einheit. Nebenbei trainiert er Menschen wie mich. Und knapp zwei Dutzend Kanadier und Briten: Frauen mit Flipflops und pinkfarbenem Lippenstift, Männer mit ergrautem Haar und Wohlstandsbauch. Einige machen nervöse Witze - „den Terroristen werden wir es zeigen“ -, andere hängen an Steves Lippen. Wie Kinder, die gleich etwas Verbotenes tun werden und ihre Angst mit Coolness überspielen.

          Bei jedem Treffer johlt das Team

          Doch bevor wir eine Waffe berühren dürfen, müssen wir noch viel lernen. Zum Beispiel die richtige Körperspannung. In Viererreihen stellen wir uns auf. „Body!“, schreit Steve, und fünfzehn Mann hüpfen in die Position, die er uns kurz zuvor gezeigt hat. Ein Ausfallschritt, die Knie gebeugt, den Rücken durchgedrückt. Die Arme erhoben, als würden wir mit einem Gewehr zielen. Und natürlich müssen wir dabei ebenfalls brüllen.

          Wir sollen ausatmen, vier Sekunden lang, und wenn keine Luft mehr in unseren Lungen ist, sei das der richtige Moment zum Schießen. „Weil ihr dann statisch seid“, erklärt Steve. „Weil ihr ruhig werdet, so ruhig, dass ihr euren Herzschlag hört.“

          Was vom Nahkampf übrig bleibt: Patronenhülsen

          Die Touristengruppe lässt sich bereitwillig drillen. Auf Steves Kommando rennen und dribbeln sie, verharren in der „Body“-Position und schreien, was die leeren Lungen hergeben. Zum letzten Mal habe ich in der zwölften Klasse beim Sportunterricht Befehle empfangen. Ich fühle mich nicht wie ein Elitekämpfer, sondern wie ein Hampelmann. Unten im Tal ruft der Muezzin.

          Dann, endlich, geht es ans Schießen. Die Gruppe reiht sich ein, kaum zehn Meter entfernt hängen Zielscheiben. Der Erste in der Schlange bekommt eine M16 in die Hand gedrückt; Steve steht direkt daneben und überwacht, dass der Lauf nur auf den imaginären Terroristen vor uns gerichtet ist. „Mach ihn kalt!“, ruft Steve. Dann der Schuss. Er klingt wie ein Knallfrosch, aber ich spüre ihn in der Magengegend. Später wird die Gruppe geteilt und muss gegeneinander schießen; dieses Mal auf bunte Ballons. Wer zuerst mit dem Gewehr alle Luftballons zerschossen hat, gewinnt. Bei jedem Treffer johlt das Team. Einer macht Handyfotos.

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