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Australien : Der späte Frieden des Kriegers Yagan

Ein neues Wahrzeichen: Die geschwungene Brücke am Elizabeth Quay. Bild: Picture-Alliance

Schwerreich und sterbenslangweilig: Das war Perth wegen seiner Bodenschätze und seiner Isolation über Jahrzehnte hinweg. Jetzt ist die Hauptstadt von Western Australia aus ihrer Agonie aufgewacht – mit spektakulären Folgen.

          Keine halbe Stunde dauerte es, den Prozess zu eröffnen, die Schuld festzustellen, das Urteil zu vollstrecken. Dann war Midgegooroo, Anführer des Aborigine-Volkes der Noongar, ein toter Mann, erschossen nicht viel anders als ein räudiger Hund am 22. Mai 1833 von den Soldaten der vier Jahre zuvor gegründeten, englischen Kolonie Perth, weil er es nicht hinnehmen wollte, dass die Fremden das Land der Einheimischen stahlen. Keine zwei Monate dauerte es, bis auch Midgegooroos Sohn Yagan den Tod fand, nach Gewalttaten gegen die Siedler heimtückisch ermordet von dem jungen James Keates, dann enthauptet, gehäutet, verscharrt und geschändet. Yagans Kopf wurde über Eukalyptusfeuer geräuchert, als Trophäe fürs Kuriositätenkabinett des wilden Mannes nach England geschafft und mit den besten Empfehlungen der Liverpool Royal Institution übergeben. Fast zweihundert Jahre sollte es dauern, bis Yagan Gerechtigkeit widerfuhr und man sich in Perth zu einer gebührenden Ehrung entschloss: mit einem zentralen Platz, der im März dieses Jahres eröffnet wurde und Yagan als Symbolfigur für den Widerstand der Aborigines gegen die englischen Besatzer würdigt – und der als einziger öffentlicher Ort von Bedeutung in Australien den Namen eines Ureinwohners trägt.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Alles scheint im Wandel zu sein in Perth, nicht nur der Umgang der Stadt mit ihrer blutjungen, dennoch schmerzhaften und bis auf die anfänglichen Scharmützel erschütternd ereignislosen Geschichte, die sie fast ausschließlich mutterseelenallein in der Isolation der tyrannischen Weite Westaustraliens verbracht hat. Im Jahr 1829 kamen die ersten Siedler, nicht mehr als ein paar hundert von blumigen Versprechungen verführte Seelen, fanden statt Milch und Honig nur Hitze und Hunger und mussten sich auch noch von Karl Marx verhöhnen lassen, der in seinem „Kapital“ Perth als Musterbeispiel einer gescheiterten Kolonisation verspottete. Die Siedler blieben bis zum großen Goldrausch von Kalgoorlie in den neunziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts weitgehend unter sich, bekamen nur sporadisch Besuch von einem Versorgungsschiff und konnten sich erst in den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts auf die erste asphaltierte Straßenverbindung zum Rest Australiens freuen.

          Am liebsten Barbecue im Vorort

          So schmorte Perth Jahrzehnt um Jahrzehnt im eigenen Saft aus einsamer Langeweile und langweiliger Einsamkeit, schwamm aber zugleich in einem Ozean aus Geld, weil sich die meisten Bodenschätze Australiens im westlichen Teil des Kontinents konzentrieren. Gold und Diamanten, Nickel und Zinn, Uran und Eisen liegen wie im Garten des Midas unter der roten Erde des Outback und dazu fast drei Millionen Tonnen Lithium, so dass der Reichtum auch mit der digitalen Revolution des einundzwanzigsten Jahrhunderts nicht versiegen wird.

          Weihnachtlich geschmücktes Perth: Die Innenstadt ist viel zu schön, um immer nur in die Vororte zu fliehen.

          Fünfzig Meter lange „Road Trains“, Lastwagenungetüme mit drei, vier Anhängern, schaffen die Schätze der Erde aus dem Hinterland an die Küste, im Auftrag von BHP Billiton und Rio Tinto, den beiden größten Bergbaukonzernen der Welt, und von Gina Rinehart, der beinharten, zweiundzwanzig Milliarden Dollar schweren Eisenerzmagnatin, die es nicht nur zur reichsten Frau von Perth, sondern der ganzen Welt gebracht hat. Mit ihren Wolkenkratzern beherrschen die Minengiganten bis heute die Silhouette von Perth. Doch Leben konnten sie der Welthauptstadt der Rohstoffe noch nie einhauchen, deren Bewohner – so lautete das ungeschriebene Gesetz der Stadt – am liebsten in den Vororten beim Barbecue ihre Freizeit totschlugen und dabei das Zentrum ihrer Stadt veröden ließen.

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