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Mönchsrepublik Athos : Der Herr erbarme sich unser

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Ein Tor nicht hinaus in die Welt, sondern eher hinauf in den Himmel: Im Kloster Megisti Lavra auf Athos Bild: Alessandro Saffo/SIME/Schapowa

Es ist eine Welt wie jenseits der Welt und doch auch unser aller Zuhause: Was passiert mit einem Ungläubigen, wenn er die Mönchsrepublik Athos im Norden Griechenlands besucht?

          6 Min.

          Es gibt Hunderte Sorten von Cola, aber nur eine wahre Cola, nämlich Coca-Cola. Nur Coca-Cola ist im Besitz der Originalrezeptur. Pepsi und all die anderen sind nur erbärmliche Imitate, schwächlicher Abklatsch.“ So erklärt uns der Mönch den Unterschied zwischen orthodoxer Kirche und den übrigen christlichen Konfessionen. Wir nicken zaghaft, nippen am Begrüßungsschnaps und nehmen uns von der klebrigen Loukomi-Süßspeise. Der Mönch erinnert mit seinen dunkel blitzenden Augen und dem struppigen Bart an Rasputin. Hinter ihm geben große Fenster den Blick auf ein schmales, sonnendurchflutetes Tal frei. Zypressen und riesige Fenchelpflanzen neigen sich mit dem Wind in Richtung der nahen Ägäis.

          Wir kommen aus Berlin, der gottlosesten Stadt der Welt. Die Gottlosigkeit unserer Stadt hat kulturgeschichtliche, aber wohl auch städtebauliche Ursachen. Das alte Kreationistenargument, nur ein intelligenter Schöpfer könne Urheber eines derart raffinierten und harmonischen Universums sein, läuft in Berlin ins Leere. Die Welt zwischen Tempelhofer Feld und Potsdamer Platz ist derart gezeichnet von Fahrlässigkeit, dass der Glaube an irgendein ordnendes Prinzip absurd erscheint. Das finden wir meistens gut so. Auf den Brachflächen dieser Stadt können wir ungestört an unseren Identitäten basteln, beobachtet nur von den gutmütigen Augen unserer Wahlverwandtschaft. Doch manchmal, wenn der Hedonismus sich schal anfühlt und unsere Liebes- oder Erwerbsbiographie einmal mehr im märkischen Sand festgefahren ist, fragen wir uns, wie eigentlich die anderen leben. Wie es sich anfühlt, eine Welt jenseits von Selbstverwirklichung und ökonomischem Sachzwang zu bewohnen. Wie es etwa sein mag, sein Leben und seinen Alltag diesem Gott zu widmen.

          Ein asketischer Sehnsuchtsort

          So stehen wir an einem Sommermorgen am Hafen von Ouranopoli im Norden Griechenlands und warten auf die Fähre, die uns zur autonomen Mönchsrepublik Athos bringen wird. Die Aussicht bestätigt unsere Überlegungen: Glaube ist nicht nur eine Frage von Einkehr und Offenbarung, sondern auch von Geographie. Der zweitausend Meter hohe Gipfel des Berges Athos ragt aus der Ägäis wie ein transzendentaler Blitzableiter und deutet auf den Himmel, von dem wir kaum glauben mögen, dass er auch hier ein kopernikanischer ist. Wir sind nicht die ersten Betörten. In ihrer tausendjährigen Geschichte hat die Mönchsrepublik immer wieder als asketischer Sehnsuchtsort herhalten müssen. Schon Lord Byron träumte mit seinem Childe Harold von einem Leben als Eremit auf dem Berg. In den zwanziger Jahren kam ein entfernter Verwandter, Robert Byron, für einen Sommer hierher und schrieb ein lesenswertes Buch darüber: „The Station“. Das fiel dem jungen Patrick Leigh Fermor in die Hände, der daraufhin seine berühmte Europa-Wanderung von Hoek van Holland bis zum heiligen Berg unternahm. Leigh Fermor sollte später die Asche des früh verstorbenen Bruce Chatwin in den griechischen Wind streuen. Dieser war kurz vor seinem Tod und nach einem Besuch auf Athos zum orthodoxen Glauben konvertiert.

          Selbst Gottesdiener brauchen manchmal eine Pause: Drei Mönche blicken aufs Wasser der Ägäis.
          Selbst Gottesdiener brauchen manchmal eine Pause: Drei Mönche blicken aufs Wasser der Ägäis. : Bild: Jan Grossarth

          Und nun wir. Die Fähre bringt uns nach Dafni, dem Haupthafen der Halbinsel, einem winzigen Ort, der nur einmal am Tag von der Fähre aus seinem tiefen Schlaf gerissen wird. Gruppen kichernder Mönche begrüßen und verabschieden sich, ein paar Pilger posieren fürs Gruppenfoto, Waren werden verladen. Dann legt die Fähre wieder ab, Pick-ups brausen davon, und in dem kleinen Café sitzen nur noch die drei Jungs von der Hafenpolizei. Wir sind nervös. Um den heiligen Berggipfel haben sich mittlerweile dunkle Wolken gelegt, es donnert in der Ferne. Wir fühlen uns plötzlich wie hilflose Hobbits, die man in Mordor ausgesetzt hat. Wird man uns und unsere gottlose Neugier hier überhaupt dulden?

          Tanzende Zitronenfalter, überwältigende Friedlichkeit

          Mit alternativloser Tapferkeit wandern wir die Küste entlang nach Norden, wo die Landschaft wieder freundlicher wird. Der schmale Pfad führt auf und ab durch Olivenhaine, immer wieder öffnet sich der Blick auf die spiegelglatte Ägäis. Zitronenfalter tanzen um unsere Rucksäcke. Am späten Nachmittag erreichen wir das Kloster Xenofontos. Dort gilt die erste Frage unserer Konfession. Als wir die Wahrheit sagen, werden wir mit Blicken voll freundlicher Enttäuschung bedacht. Trotzdem führt man uns zu einem wunderschönen Gästezimmer mit Blick auf die untergehende Sonne. Auf dem hölzernen Balkon neben unserem Fenster stehen zehn russische Pilger und rauchen Kette.

          Das Kloster liegt direkt am Meer, doch der Klosterhof ist eine Landschaft, die sich selbst genügt. Dunkle Balkone schauen auf eine sorgfältig arrangierte Welt aus Brunnen, Treppen, Obst- und Olivenbäumen. Vereinzelte Mönche gehen gemächlich über den gefegten Pflasterboden wie Statisten durch ein Filmset. In der Mitte des Hofes steht eine kleine, scharlachrot verputzte Kirche. Alles strahlt eine überwältigende Friedlichkeit aus, am liebsten würden wir hier einschlafen.

          Schwarze Gestalten wie aus El-Greco-Bildern

          Beim Gottesdienst eilen die russischen Pilger zielgerichtet wie Staffelläufer zu den Ikonen und Reliquien, küssen sie und bekreuzigen sich rasch. Die Wallfahrer sind, wie überall auf Athos, bemerkenswert schlecht angezogen. Unser Sitznachbar im Chorgestühl ist ein fetter, freundlicher Mann mit grünen Crocs und weißer Bomberjacke, auf der himmelblau das Wort „Patriot“ eingestickt ist. Im krassen Kontrast dazu die buchstäblich zeitlose Eleganz der Mönche. Schlanke, schwarze Gestalten, wie frisch aus einem El-Greco-Bild gesprungen, wechseln sich beim schnellen Sprechgesang ab. Eine komplexe Choreographie entwickelt sich vor unseren Augen, Mönche treten auf und wieder ab, hastig bekreuzigt man sich, dann werden die Ikonen geküsst. Dazu immer wieder: Herr, erbarme dich, kyrie eleison, kyrie eleison, kyrie eleison. Die Messe dauert Stunden. Die Kerzen flackern, die Augen fokussieren längst nichts mehr. Ist das noch Müdigkeit oder schon Unio mystica?

          Klöster wie Trutzburgen: Hier spürt man sofort, dass die Mönche mit allem Irdischen nichts zu tun haben wollen.
          Klöster wie Trutzburgen: Hier spürt man sofort, dass die Mönche mit allem Irdischen nichts zu tun haben wollen. : Bild: Jan Grossarth

          Nach dem Gottesdienst wird im Refektorium gegessen. In Windeseile verschlingen die dreißig Mönche ihre fade Linsensuppe. Nach dreieinhalb Minuten lernen wir den Grund für die Eile kennen: Der Abt hat aufgegessen. Alle stehen sofort auf und verlassen den Raum. Sehnsüchtig werfen wir einen letzten Blick auf den unangetasteten Nachtisch aus weißem Glibber. Die Mönche ziehen sich für einen kurzen Schlaf zurück, um für die Nachtmesse fit zu sein. Mit Händen und mit Füßen plaudern wir mit den Russen über Berlin, Gott und die Ukraine.

          Touristen werden nur für eine Nacht geduldet

          Über Jahrhunderte gab es auf dem Berg zwei verschiedene klösterliche Lebensformen: einerseits das Koinobitentum, das den Mönchen einen gemeinsamen Stundenplan vorschreibt, andererseits die Idiorrhythmie, die eine relativ freie Zeiteinteilung und Privatbesitz erlaubte. Der französische Zeichentheoretiker Roland Barthes, der fast sein gesamtes Leben eine Wohnung mit seiner Mutter teilte, war so fasziniert vom Konzept der Idiorrhythmie auf Athos, dass er ihr eine seiner letzten Vorlesungen am Collège de France widmete. Roland Barthes wurde schließlich nach einem Mittagessen mit dem französischen Präsidenten Mitterrand von einem Wäschelaster überfahren, und die Klöster auf Berg Athos kehrten alle zum Koinobitentum zurück: acht Stunden Schlaf, acht Stunden Arbeit, acht Stunden Gebet für alle. Wir würden gerne länger bleiben und dieses Leben für eine Weile teilen, doch als profane Touristen werden wir im Kloster nur für eine Nacht geduldet.

          Am nächsten Tag wandern wir landeinwärts. Die gepflasterten Wege, die sich dem Auf und Ab der Landschaft mit schmalen Stufen anpassen, um den Maultieren Halt zu geben, sind vielerorts verfallen und enden immer wieder im Dickicht. Die Karte, die wir in Ouranopoli gekauft haben, ist vollkommen unbrauchbar. Wir könnten sie genauso gut verkehrt herum drehen oder uns im Stil der situationistischen Internationale mit Hilfe eines Stadtplans von Paris orientieren. So kommen wir, uns im Kreis bewegend, nur wenige Kilometer weit ins Kloster Konstamonitu. Es liegt in einem breiten Hochtal an einem ausgetrockneten Bach. In der offiziellen Hierarchie der zwanzig Athos-Klöster nimmt es Platz zwanzig ein. Man begrüßt uns Wanderer schon von weitem mit herzlichen Willkommensrufen von den morschen Balkonen. Dankbar für so viel Freundlichkeit machen wir dem ersten Mönch wortreiche Komplimente für die Schönheit des Klosters. Nein, schön sei es nicht und außerdem rieche es überall nach Fäkalien, antwortet er uns aufgeräumt und in perfektem Englisch. Er ist nur zu Besuch und gehört eigentlich zu einem reichen Kloster im Süden. Bevor er Mönch wurde, war er Glaser mit eigener Firma in Athen. Die Fenster hier sind alle von ihm eingebaut worden.

          Gedämpfter Gesang wie ein kosmisches Hintergrundrauschen

          Als Ungläubige dürfen wir diesmal nicht am Gottesdienst teilnehmen. Man schenkt uns zum Trost eine Handvoll Orangen, und wir lauschen wie neugierige Kinder dem Gesang hinter den dicken Steinmauern. Es scheint, als ob die Mauer uns den Mönchen paradoxerweise näherbringt. Hier im Hof hat der Sternhimmel die komplexe orthodoxe Semantik ersetzt, und wir sind von der Angst befreit, mit unserer touristischen Tolpatschigkeit die Messe zu stören. Die Sterne sind natürlich dieselben wie über dem Tempelhofer Feld, aber auf Athos wirkt der gedämpfte Gesang wie ein verstärktes kosmisches Hintergrundrauschen, das uns die Furcht vor der fleckigen, schrecklichen Riesenhaftigkeit der Milchstraße nimmt und uns mir ihr versöhnt.Im Gästehaus gibt es keinen elektrischen Strom. Im Licht von Öllampen gehen wir nachts über grobe Dielen durch die weiten Flure. Unter den Ikonen sitzen schwarze Katzen mit blitzenden Augen. Der Abschied fällt uns schwer.

          Der Himmel auf Erden, oder zumindest ein Vorgeschmack davon: Deckenmalerei auf Athos
          Der Himmel auf Erden, oder zumindest ein Vorgeschmack davon: Deckenmalerei auf Athos : Bild: Jan Grossarth

          Unsere letzte Nacht verbringen wir in Zografou. Es ist das einzige bulgarische Kloster der Halbinsel. Als wir nach langer, verirrter Wanderung aus dem Dickicht treten und es unverhofft unter uns liegen sehen, verschlägt es uns den Atem. Mit dioramenhafter Eleganz schmiegt sich das Kloster zwischen Zypressen in das schmale Tal. Hier werden wir den kruden Orthodoxie-Fabeln des Rasputin-Mönches ausgesetzt. Angeheizt vom Erfolg seiner Coca-Cola-Parabel, erzählt er uns die wahre Geschichte eines Geistes, der in einem kanadischen Krankenhaus während der Operation an einem katholischen Patienten aus der Wand stieg und die Geräte abschaltete. Wir nicken weiter nervös und lassen uns noch einmal vom Schnaps nachschenken.

          Linsensuppe mit Selbsterkenntnis

          Früh am nächsten Morgen wandern wir durch den Tau zur Anlegestelle. Der Sprung auf die Fähre ist wie ein Sprung über die Jahrhunderte. An der Bordbar gibt es Dosenbier und Pepsi-Cola. Vom Deck aus sehen wir noch einmal das großartige Panorama der Halbinsel und den heiligen Berg über den Wolken. Es fällt uns schwer, die disparaten Erlebnisse der vergangenen Tage zu resümieren. In ein paar Stunden schon geht unser Flug zurück nach Berlin, und wir sind froh, in eine Welt zurückzukehren, in der es Tageszeitungen, Gewerkschaften und Gender Trouble gibt. Doch beim Blick zurück fühlen wir eine diffuse, irrationale Dankbarkeit. Wir wollen unser Leben nicht eintauschen. Doch es ist beruhigend zu wissen, dass dort, unter dem blauen Himmel auf den gelben Felsspitzen und zwischen den grünen Hügeln, quasi unabsichtlich stellvertretend, zweitausend Männer beten, singen und Linsen essen.

          Bei den Mönchen von Athos

          Anreise: Am besten fliegt man nach Thessaloniki, von dort aus mit dem Bus oder Mietwagen nach Ouranopoli. Zwischen Ouranopoli und Dafni, dem Haupthafen von Athos, verkehrt ein- bis zweimal täglich eine Fähre. Die Überfahrt dauert etwa zwei Stunden und kostet sechs Euro.

          Einreise: Der Besuch der Mönchsrepublik ist nur Männern erlaubt. Diese dürfen maximal drei Nächte auf Athos verbringen. Dafür bedarf es eines Visums, des sogenannten Diamonitirion, das man telefonisch unter der Nummer 0030/2310/252578 im Voraus beantragen muss. Wenn die Einreise genehmigt wird, kann man das Visum am Tag der Einreise in Ouranopoli gegen eine Gebühr von 30 Euro abholen. Die Übernachtung in den Klöstern ist kostenfrei. Es wird jedoch geraten, sich jeweils im Voraus anzumelden. Genauere Informationen bietet das Merkblatt des deutschen Generalkonsulats in Thessaloniki, zu finden unter www.griechenland.diplo.de/Vertretung/griechenland/de/Generalkonsulat__Thessaloniki/Deutsches__Generalkonsulat__Thessaloniki.html.

          Literatur: Einen knappen, gut lesbaren Überblick über die Geschichte der Mönchsrepublik bietet das Buch „Berg Athos“ von Andreas Müller, erschienen bei C. H. Beck. Die Aufzeichnungen von Patrick Leigh Fermor zu Athos finden sich im dritten, postum veröffentlichten Band seiner Reisebeschreibung: „Die unterbrochene Reise“, erschienen bei Dörlemann. Robert Byrons Buch „The Station“ ist bis heute nicht übersetzt. Die letzte englische Ausgabe erschien bei I. B. Tauris. Roland Barthes’ Vorlesung „Wie zusammen leben“, die sich mit dem mönchischen Leben auf Berg Athos auseinandersetzt, ist in der Edition Suhrkamp erschienen.

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