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Mönchsrepublik Athos : Der Herr erbarme sich unser

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Am nächsten Tag wandern wir landeinwärts. Die gepflasterten Wege, die sich dem Auf und Ab der Landschaft mit schmalen Stufen anpassen, um den Maultieren Halt zu geben, sind vielerorts verfallen und enden immer wieder im Dickicht. Die Karte, die wir in Ouranopoli gekauft haben, ist vollkommen unbrauchbar. Wir könnten sie genauso gut verkehrt herum drehen oder uns im Stil der situationistischen Internationale mit Hilfe eines Stadtplans von Paris orientieren. So kommen wir, uns im Kreis bewegend, nur wenige Kilometer weit ins Kloster Konstamonitu. Es liegt in einem breiten Hochtal an einem ausgetrockneten Bach. In der offiziellen Hierarchie der zwanzig Athos-Klöster nimmt es Platz zwanzig ein. Man begrüßt uns Wanderer schon von weitem mit herzlichen Willkommensrufen von den morschen Balkonen. Dankbar für so viel Freundlichkeit machen wir dem ersten Mönch wortreiche Komplimente für die Schönheit des Klosters. Nein, schön sei es nicht und außerdem rieche es überall nach Fäkalien, antwortet er uns aufgeräumt und in perfektem Englisch. Er ist nur zu Besuch und gehört eigentlich zu einem reichen Kloster im Süden. Bevor er Mönch wurde, war er Glaser mit eigener Firma in Athen. Die Fenster hier sind alle von ihm eingebaut worden.

Gedämpfter Gesang wie ein kosmisches Hintergrundrauschen

Als Ungläubige dürfen wir diesmal nicht am Gottesdienst teilnehmen. Man schenkt uns zum Trost eine Handvoll Orangen, und wir lauschen wie neugierige Kinder dem Gesang hinter den dicken Steinmauern. Es scheint, als ob die Mauer uns den Mönchen paradoxerweise näherbringt. Hier im Hof hat der Sternhimmel die komplexe orthodoxe Semantik ersetzt, und wir sind von der Angst befreit, mit unserer touristischen Tolpatschigkeit die Messe zu stören. Die Sterne sind natürlich dieselben wie über dem Tempelhofer Feld, aber auf Athos wirkt der gedämpfte Gesang wie ein verstärktes kosmisches Hintergrundrauschen, das uns die Furcht vor der fleckigen, schrecklichen Riesenhaftigkeit der Milchstraße nimmt und uns mir ihr versöhnt.Im Gästehaus gibt es keinen elektrischen Strom. Im Licht von Öllampen gehen wir nachts über grobe Dielen durch die weiten Flure. Unter den Ikonen sitzen schwarze Katzen mit blitzenden Augen. Der Abschied fällt uns schwer.

Der Himmel auf Erden, oder zumindest ein Vorgeschmack davon: Deckenmalerei auf Athos
Der Himmel auf Erden, oder zumindest ein Vorgeschmack davon: Deckenmalerei auf Athos : Bild: Jan Grossarth

Unsere letzte Nacht verbringen wir in Zografou. Es ist das einzige bulgarische Kloster der Halbinsel. Als wir nach langer, verirrter Wanderung aus dem Dickicht treten und es unverhofft unter uns liegen sehen, verschlägt es uns den Atem. Mit dioramenhafter Eleganz schmiegt sich das Kloster zwischen Zypressen in das schmale Tal. Hier werden wir den kruden Orthodoxie-Fabeln des Rasputin-Mönches ausgesetzt. Angeheizt vom Erfolg seiner Coca-Cola-Parabel, erzählt er uns die wahre Geschichte eines Geistes, der in einem kanadischen Krankenhaus während der Operation an einem katholischen Patienten aus der Wand stieg und die Geräte abschaltete. Wir nicken weiter nervös und lassen uns noch einmal vom Schnaps nachschenken.

Linsensuppe mit Selbsterkenntnis

Früh am nächsten Morgen wandern wir durch den Tau zur Anlegestelle. Der Sprung auf die Fähre ist wie ein Sprung über die Jahrhunderte. An der Bordbar gibt es Dosenbier und Pepsi-Cola. Vom Deck aus sehen wir noch einmal das großartige Panorama der Halbinsel und den heiligen Berg über den Wolken. Es fällt uns schwer, die disparaten Erlebnisse der vergangenen Tage zu resümieren. In ein paar Stunden schon geht unser Flug zurück nach Berlin, und wir sind froh, in eine Welt zurückzukehren, in der es Tageszeitungen, Gewerkschaften und Gender Trouble gibt. Doch beim Blick zurück fühlen wir eine diffuse, irrationale Dankbarkeit. Wir wollen unser Leben nicht eintauschen. Doch es ist beruhigend zu wissen, dass dort, unter dem blauen Himmel auf den gelben Felsspitzen und zwischen den grünen Hügeln, quasi unabsichtlich stellvertretend, zweitausend Männer beten, singen und Linsen essen.

Bei den Mönchen von Athos

Anreise: Am besten fliegt man nach Thessaloniki, von dort aus mit dem Bus oder Mietwagen nach Ouranopoli. Zwischen Ouranopoli und Dafni, dem Haupthafen von Athos, verkehrt ein- bis zweimal täglich eine Fähre. Die Überfahrt dauert etwa zwei Stunden und kostet sechs Euro.

Einreise: Der Besuch der Mönchsrepublik ist nur Männern erlaubt. Diese dürfen maximal drei Nächte auf Athos verbringen. Dafür bedarf es eines Visums, des sogenannten Diamonitirion, das man telefonisch unter der Nummer 0030/2310/252578 im Voraus beantragen muss. Wenn die Einreise genehmigt wird, kann man das Visum am Tag der Einreise in Ouranopoli gegen eine Gebühr von 30 Euro abholen. Die Übernachtung in den Klöstern ist kostenfrei. Es wird jedoch geraten, sich jeweils im Voraus anzumelden. Genauere Informationen bietet das Merkblatt des deutschen Generalkonsulats in Thessaloniki, zu finden unter www.griechenland.diplo.de/Vertretung/griechenland/de/Generalkonsulat__Thessaloniki/Deutsches__Generalkonsulat__Thessaloniki.html.

Literatur: Einen knappen, gut lesbaren Überblick über die Geschichte der Mönchsrepublik bietet das Buch „Berg Athos“ von Andreas Müller, erschienen bei C. H. Beck. Die Aufzeichnungen von Patrick Leigh Fermor zu Athos finden sich im dritten, postum veröffentlichten Band seiner Reisebeschreibung: „Die unterbrochene Reise“, erschienen bei Dörlemann. Robert Byrons Buch „The Station“ ist bis heute nicht übersetzt. Die letzte englische Ausgabe erschien bei I. B. Tauris. Roland Barthes’ Vorlesung „Wie zusammen leben“, die sich mit dem mönchischen Leben auf Berg Athos auseinandersetzt, ist in der Edition Suhrkamp erschienen.

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