https://www.faz.net/-gxh-7pri2

Mönchsrepublik Athos : Der Herr erbarme sich unser

  • -Aktualisiert am

Tanzende Zitronenfalter, überwältigende Friedlichkeit

Mit alternativloser Tapferkeit wandern wir die Küste entlang nach Norden, wo die Landschaft wieder freundlicher wird. Der schmale Pfad führt auf und ab durch Olivenhaine, immer wieder öffnet sich der Blick auf die spiegelglatte Ägäis. Zitronenfalter tanzen um unsere Rucksäcke. Am späten Nachmittag erreichen wir das Kloster Xenofontos. Dort gilt die erste Frage unserer Konfession. Als wir die Wahrheit sagen, werden wir mit Blicken voll freundlicher Enttäuschung bedacht. Trotzdem führt man uns zu einem wunderschönen Gästezimmer mit Blick auf die untergehende Sonne. Auf dem hölzernen Balkon neben unserem Fenster stehen zehn russische Pilger und rauchen Kette.

Das Kloster liegt direkt am Meer, doch der Klosterhof ist eine Landschaft, die sich selbst genügt. Dunkle Balkone schauen auf eine sorgfältig arrangierte Welt aus Brunnen, Treppen, Obst- und Olivenbäumen. Vereinzelte Mönche gehen gemächlich über den gefegten Pflasterboden wie Statisten durch ein Filmset. In der Mitte des Hofes steht eine kleine, scharlachrot verputzte Kirche. Alles strahlt eine überwältigende Friedlichkeit aus, am liebsten würden wir hier einschlafen.

Schwarze Gestalten wie aus El-Greco-Bildern

Beim Gottesdienst eilen die russischen Pilger zielgerichtet wie Staffelläufer zu den Ikonen und Reliquien, küssen sie und bekreuzigen sich rasch. Die Wallfahrer sind, wie überall auf Athos, bemerkenswert schlecht angezogen. Unser Sitznachbar im Chorgestühl ist ein fetter, freundlicher Mann mit grünen Crocs und weißer Bomberjacke, auf der himmelblau das Wort „Patriot“ eingestickt ist. Im krassen Kontrast dazu die buchstäblich zeitlose Eleganz der Mönche. Schlanke, schwarze Gestalten, wie frisch aus einem El-Greco-Bild gesprungen, wechseln sich beim schnellen Sprechgesang ab. Eine komplexe Choreographie entwickelt sich vor unseren Augen, Mönche treten auf und wieder ab, hastig bekreuzigt man sich, dann werden die Ikonen geküsst. Dazu immer wieder: Herr, erbarme dich, kyrie eleison, kyrie eleison, kyrie eleison. Die Messe dauert Stunden. Die Kerzen flackern, die Augen fokussieren längst nichts mehr. Ist das noch Müdigkeit oder schon Unio mystica?

Klöster wie Trutzburgen: Hier spürt man sofort, dass die Mönche mit allem Irdischen nichts zu tun haben wollen.
Klöster wie Trutzburgen: Hier spürt man sofort, dass die Mönche mit allem Irdischen nichts zu tun haben wollen. : Bild: Jan Grossarth

Nach dem Gottesdienst wird im Refektorium gegessen. In Windeseile verschlingen die dreißig Mönche ihre fade Linsensuppe. Nach dreieinhalb Minuten lernen wir den Grund für die Eile kennen: Der Abt hat aufgegessen. Alle stehen sofort auf und verlassen den Raum. Sehnsüchtig werfen wir einen letzten Blick auf den unangetasteten Nachtisch aus weißem Glibber. Die Mönche ziehen sich für einen kurzen Schlaf zurück, um für die Nachtmesse fit zu sein. Mit Händen und mit Füßen plaudern wir mit den Russen über Berlin, Gott und die Ukraine.

Touristen werden nur für eine Nacht geduldet

Über Jahrhunderte gab es auf dem Berg zwei verschiedene klösterliche Lebensformen: einerseits das Koinobitentum, das den Mönchen einen gemeinsamen Stundenplan vorschreibt, andererseits die Idiorrhythmie, die eine relativ freie Zeiteinteilung und Privatbesitz erlaubte. Der französische Zeichentheoretiker Roland Barthes, der fast sein gesamtes Leben eine Wohnung mit seiner Mutter teilte, war so fasziniert vom Konzept der Idiorrhythmie auf Athos, dass er ihr eine seiner letzten Vorlesungen am Collège de France widmete. Roland Barthes wurde schließlich nach einem Mittagessen mit dem französischen Präsidenten Mitterrand von einem Wäschelaster überfahren, und die Klöster auf Berg Athos kehrten alle zum Koinobitentum zurück: acht Stunden Schlaf, acht Stunden Arbeit, acht Stunden Gebet für alle. Wir würden gerne länger bleiben und dieses Leben für eine Weile teilen, doch als profane Touristen werden wir im Kloster nur für eine Nacht geduldet.

Weitere Themen

Topmeldungen

Wo geht es lang? Wegweiser zu einer kommunalen Zulassungsstelle

Warten aufs Nummernschild : Chaos in der Zulassungsstelle

Wer sein Auto zulassen will, muss wegen der Corona-Einschränkungen teils wochenlang auf einen Termin beim Amt warten. Bürger verzweifeln, Händler und Industrie toben. Was läuft da schief? Ein Ortstermin.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.