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Wellness in Schkopau : Ein Schloss blüht in den Ruinen

Gut, das Kraftwerk stört optisch. Aber die Flussauen von Saale und Elster sind wirklich ganz zauberhaft. Bild: dpa

Die Weltlage ändert viele Reisepläne. Was wird dann aus einer Ägyptenreise? Ein Besuch in einer vernachlässigten Gegend.

          6 Min.

          Die Stimme reißt mich aus meinen Träumen. „Entspannen Sie sich.“ Ich hebe den Kopf vom Massagestuhl. Der Raum ringsum ist nicht viel größer als ein Badezimmer, aber er enthält alles, was zum Dekor asiatischer Wohlfühl-Ästhetik gehört. Exotische Vasen, Blütenschalen, Bastmatten, gurrende Musik vom Band. Wasser, das über Steine rinnt. Einen Buddha auf seinem Sockel. Auf einem flachen Holzbord schillern Plastikfläschchen mit vielfarbigen Essenzen. Aus einer Kanne schwillt matter Duft von Kräutertee. Nur dass wir nicht in Surabaya oder Ko Samui sind, sondern in Sachsen-Anhalt. Dreißig Kilometer weiter östlich starten die Frachtmaschinen vom Leipziger Flughafen. Keine zwei Kilometer Richtung Westen recken die einstigen Buna-Werke ihre Schlote in den Himmel. Aber hier ist es still.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          „Entspannen Sie sich.“ Eigentlich wollten wir nach Ägypten fahren, ein Kulturtrip zu den Pharaonengräbern am Nil. Aber dann ist ein russisches Touristenflugzeug über dem Sinai explodiert, und wir haben lieber Wellness gebucht. Ein Wochenende in Schkopau, of all places. „Plaste und Elaste aus Schkopau“, das war ein Slogan, den in der DDR jeder kannte, als die Schlote noch rauchten, als der Osten noch grau und werktätig war. Doch auf der Website eines Discount-Anbieters haben wir ein Foto des Schlosshotels gesehen, das aus den Schkopauer Ruinen erblüht ist, und ohne langes Bedenken die Kreditkartennummer eingetippt.

          Der Ostwind trägt die Gase Richtung Harz

          Wellnesswochenenden sind heute ungefähr das, was zu Rotbarts Zeiten die Pilgerfahrt zu den Knochen der Heiligen in ihren goldenen Tabernakeln war: Wen irgendetwas plagt, wer ein Reißen in der Schulter, einen Zwist im Büro oder auch nur keine Lust hat, vor der Hagia Sophia einem Selbstmordattentäter in die Arme zu laufen, packt freitagnachmittags die Reisetasche und fährt los, um sich erholen zu lassen. Man gönnt sich ja sonst nichts – außer allem anderen.

          Und es wirkt. Aber nicht, weil die Masseurin jetzt ihre taktile Erkundung vorhandener und nicht vorhandener Rückenmuskeln beginnt oder weil mit dem Herren-Anti-Stress-Spezial, das ich bestellt habe, außer einem Creme-Fußbad mit anschließendem Kräuterpeeling auch noch ein Gesichtswellnesspaket mit Schaumreinigung, Pflegemaske und Antifaltenmassage über mich hereinbricht. Sondern weil die Luft in Schkopau, allem Bangen des Großstädters zum Hohn, exzellent ist. Der Ostwind trägt die Gase der Dow Olefinverbund GmbH, wie die Bunawerke heute heißen, Richtung Harz. Und direkt am Ausgang des Schlossparks liegt eins der größten Naherholungsgebiete Ostdeutschlands, die Saale-Elster-Aue, die sich von Halle bis hinunter nach Merseburg und hinüber nach Leipzig zieht. Die Weiße Elster, durch eine eiszeitliche Endmoräne nach Westen abgelenkt, verzweigt sich hier in Dutzende von Wasserarmen. Wildvögel kreisen über versunkenen Braunkohletagebauen. Blattfußkrebse siedeln in windstillen Buchten. Man wünschte, man könnte sie sehen. Aber an diesem Tag krabbeln sie nur auf Wikipedia.

          Klubhaus aus sozialistischen Boomzeiten

          Die Geschichte des Schlosshotels und des Chemiewerks sind miteinander verflochten. Seit dem fünfzehnten Jahrhundert diente das Schloss als Herrensitz der sächsischen Adelsfamilie von Trotha, die ihren Namen von einem heutigen Stadtteil von Halle hat. Als in den dreißiger Jahren der Bau der weltweit ersten Synthetisierungsanlage für Kautschuk geplant wurde, setzte Adolf von Trotha, ein ehemaliger Admiral der kaiserlichen Marine, den Standort Schkopau durch und sanierte so die Familienkasse. Ab Frühjahr 1943, als die amerikanische Luftwaffe mit ihren Tagangriffen begann, wurden die Bunawerke und die weiter südlich liegende Raffinerie von Leuna schwer bombardiert, auch Halle und Merseburg sanken großflächig in Asche.

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