https://www.faz.net/-gxh-7rdqe

Deutsche Farbenlehre (2): Weismain : Hallo, guten Abend, wo ist denn hier was los?

Edler Ritter, beschütze unsere Stadt: In Weismain hat der „Gerüstete Roland“ seit 1570 seine Arbeit ordentlich gemacht, und so strahlt der der Ort bis heute mit seiner Fachwerkpracht. Bild: Lisowski, Philip

Das Leben am Oberlauf des Mains ist ein langer, ruhiger Fluss: In Weismain kann man lernen, dass zu dieser Einsicht Hausmannskost und Fußball beitragen, ebenso die kurzen Öffnungszeiten des Museums, des Fremdenverkehrsamts und des Einzelhandels.

          8 Min.

          Wenn Städter aufs Land fahren, bemerken sie eine Veränderung der Landschaft. Sie wird immer leerer, je weiter die Metropole zurückliegt. Leer nicht nur in Bezug auf Menschen, auch auf Häuser, Strommasten, Schilder. Viele Straßen sind nicht einmal so breit wie anderswo die Radwege. Die Wiesen sind gemäht, die Kulturlandschaft wirkt wie frisch frisiert, und dennoch wird man das Gefühl nicht los, hier stimme etwas nicht.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Dann erkennt man, dass man selbst seinen Gemütszustand zu ändern beginnt, die Unruhe ablegt, der Digitalitis entkommt. Man ist in der Provinz, ein Begriff, der leider zu diskreditiert ist, als dass man ihn leichthin verwenden sollte. Sagen wir Hinterland? Auch unzutreffend, denn wohinter soll das denn liegen? Hinter Mönchkröttendorf oder nicht doch vor Prügel, über Mährenhüll hinaus, durch Köttel durch, aber auf alle Fälle vor Modschiedel links. Und Pfaffendorf gibt es nicht nur einmal. Das Navi bleibt aus, das wäre ja noch schöner.

          Ein Lärm von eigener Art

          So nähert man sich auf verschlungenen Pfaden dem im Oberfränkischen gelegenen Städtchen Weismain mit seinen knapp fünftausend Einwohnern. Es ist der Mittelpunkt der Welt, Heimat, jedenfalls für einen kurzen Aufenthalt. Eine stille Heimat. Den einzigen Lärm machen Autos, der örtliche Berufsknatterer auf seiner frisierten Spielzeug-Enduro und - da wir auf dem Land sind - wummernd rasselnde Traktoren. Als die späte Dämmerung einsetzt, sind die Bürgersteige nicht hochgeklappt, aber menschenleer. Wie überhaupt die Gegend seltsam entvölkert zu sein scheint. Kein Weidevieh, ab und an ein Reitpferd. Auf den Feldwegen keine Spaziergänger, keine Hundebesitzer beim Gassigehen, in den Dörfern und Weilern kein Mensch auf der Straße.

          Dabei ist Weismain ausgebucht an diesem Brückentag nach Fronleichnam. Es war der Wirt des Hotels Post, der ins Telefon geknarzt hatte: „Alles voll!“ Und auf ungläubige Nachfrage: „Ja, voll, der ganze Ort.“ Warum? „Gruppen.“ Also ausgewichen ins benachbarte Altenkunstadt, auch dort jede Menge Gruppen. Aber nicht in Busladungsgröße, sondern Cliquen, Stammtische, Glaubensgemeinschaften. Aus Nordrhein-Westfalen, Belgien, Hessen, Oberbayern. Wer nicht LIF für Lichtenfels auf dem Autokennzeichen hat, fällt aus dem Stadtbildrahmen und wird mit einer Mischung aus Neugier und Skepsis beäugt.

          Die Gäste sind Generation 50 plus, sie tun, wozu die Gegend einlädt: Rad fahren, wandern, essen. Gleich fünf Wanderwege laufen durch den Ort, der Frankenweg, ein Naturlehrpfad der Kommune, der Lehrpfad Kalkberg, der Bärentrail und der Bärental-Rundweg. Aber wir wollen herausfinden, wie es ist, zu bleiben, und nicht, wie es sich anfühlt, vorbeizugehen - im fränkischen Kernland, das Bierland ist, nicht Weinfranken. Weismain hat sich in Sachen Vermarktung mit Altenkunstadt und Burgkunstadt zusammengetan unter dem Motto „Wo Franken noch Franken ist“. Das klingt wie eine Kampfansage an den Rest Frankens.

          Zweiundzwanzig Mal Klappern am Bach

          Ihren Namen bezieht die Stadt von der Weismain, einem Flüsschen, das nicht zu verwechseln ist mit dem Weißen Main, aber mit diesem einmal den Namen geteilt haben soll. Die Weismain produziert auf ihrem knapp fünfzehn Kilometer langen Weg vom Fränkischen Jura in den Main soviel Schub, dass einst zweiundzwanzig Mühlen an ihrem Ufer klapperten. In vielen Reiseführern taucht der Ort dennoch nicht auf, der zwanzig Jahre alte DuMont-Kunstführer erwähnt das „romantische Städtchen“ mit „seinen weitgehend erhaltenen Stadtmauern“ immerhin kurz.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Angriff in Iran : Attentat nach dem Kalender

          Bis Biden kommt, will Israel die Fähigkeiten Irans soweit es geht schwächen – und die angekündigten Verhandlungen über ein wiederaufgelegtes Atomabkommen verderben.
          Kritisierte Meuthens Rede als „spalterisch“: der Vorsitzende der Bundestagsfraktion und AfD-Ehrenvorsitzende Alexander Gauland

          AfD-Parteitag : Gauland schlägt zurück

          Für seine Kampfansage an die Radikalen muss der AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen heftige Kritik einstecken. Fraktionschef Alexander Gauland rügt Meuthens Rede als „Verbeugung vor dem Verfassungsschutz“ – dabei müsse die AfD gegen diesen „kämpfen“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.