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Weinstadt Worms : Siegfrieds Wein und Kriemhilds Schuld

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Ein sensationeller erster Platz

Die jungen Wormser Winzer fühlen sich also der Tradition verhaftet, sind aber ebenso experimentierfreudig: Andreas Schreiber versucht mit seinem Portugieser Select einer Rebe, die er für unterschätzt hält, ein höheres Ansehen zu verschaffen. Christian Spohr wiederum pflanzt die in Rheinhessen kaum vertretenen Sorten Schwarzriesling und Trollinger an, während Volker Schmitt in ungewohnter Umgebung die spanische Rebsorte Albariño testet. Markus Keller kultiviert seit Jahren die Südtiroler Rebe Lagrein und hat mit seinem 2007er Lagrein beim Deutschen Rotweinpreis 2010 sensationell den ersten Platz belegt.

Besonders am Herzen liegt einigen Winzern der Wunsch, dem Wormser Wein wieder eine eigene Identität zu verschaffen. Dafür haben sich Andreas Schreiber und Markus Keller mit den Kollegen der Weingüter Schmitt und Kiefer zur Winzervereinigung Vinovation zusammengeschlossen. Sie erzeugen zwar nach wie vor ihre eigenen Weine, aber für eine gemeinsame Wormser Riesling-Cuvée steuert jeder ein Viertel bei - selbstverständlich aus seiner besten Lage.

Auch die Rotwein-Cuvée Quintessenz ist ein Gemeinschaftswerk, wobei die Winzer in diesem Fall keine starre Aufteilung bevorzugen, sondern je nach Jahrgang aus ihren besten Weinen unterschiedliche Proportionen von Cabernet Sauvignon und Merlot beitragen. Dieser vollfruchtige Wein, zwölf Monate im Barrique gereift, repräsentiert nicht nur aufs Beste das Potential der Wormser Weinberge, sondern gilt auch als hervorragendes Beispiel für die neue deutsche Rotweinkultur, die inzwischen auf internationalem Niveau mithalten kann.

Anspruchsvoller Tropfen aus Innenstadtlage

Ihren nächsten Coup haben die vier Winzer bereits vorbereitet. Mit dem Jahrgang 2015 werden sie erstmals einen Lagenwein aus dem Weinberg Luginsland erzeugen. Dieser Rebgarten ist Teil des Grüngürtels rund um die Wormser Innenstadt und liegt unmittelbar an der mittelalterlichen Stadtmauer, die als perfekter Wärmespeicher dient. In den vergangenen Jahrzehnten ist das hervorragende Traubenmaterial in namenlosen Fassweinen verschwunden, weil sich ein gesonderter Ausbau finanziell nicht lohnt; die tausend Quadratmeter Rebfläche ergeben höchstens sechshundert Flaschen Riesling.

Doch die Winzer der Vinovation wollen die einzigartige Innenstadtlage nicht nur erhalten und pflegen, sondern ihr wieder zu Ansehen verhelfen. So dürfte in diesem Jahr neben der Riesling-Cuvée und der Quintessenz ein dritter Wein entstehen, der das Zeug zum anspruchsvollen Repräsentanten des Wormser Weinbaus hat. Die Vorschusslorbeeren jedenfalls sind groß: Noch weiß niemand, wie der Wein schmecken und was er kosten wird, aber es sind bereits zahlreiche Bestellungen eingegangen.

Die Versuchsphase längst hinter sich gelassen hat ein Rotwein, der Worms als Nibelungenstadt huldigt. Für die alljährlichen Nibelungen-Festspiele hat sich Christian Spohr vor zehn Jahren seine fabelhafte Nibelungen-Cuvée aus Merlot, Cabernet Sauvignon und Spätburgunder ausgedacht. Auf dem effektvoll gestalteten Etikett prangt auf schwarzem Hintergrund nichts als das verräterische rote Kreuz, das Kriemhild ihrem Gatten Siegfried auf seine Kleidung genäht hatte, um dessen verwundbare Stelle zu markieren. Ursprünglich war der Wein nur zum Ausschank im Rahmen der Festspiele gedacht, mittlerweile ist er das ganze Jahr über erhältlich. So verbindet Christian Spohr den Ruf von Worms als Nibelungenstadt mit deren Rolle als Weinmetropole. Das lässt sich auch als Rückgriff auf die Historie verstehen, denn schon das Nibelungenlied lobt den Wein am Wormser Königshof: den „guoten wîn, den besten, den man kunde vinden umben Rhîn“.

Die Wiedergeburt der Weinstadt Worms - Weinberge: Die Lagen Liebfrauenstift-Kirchenstück und Luginsland befinden sich mitten in der Stadt, die meisten Weinberge aber erstrecken sich im rheinhessischen Hügelland rund um die westlichen Wormser Ortsteile Pfiffligheim, Pfeddersheim, Herrnsheim und Abenheim. - Vinotheken: Der Weinladen, Weckerlingplatz 1; Unikat, Rheinstraße 13; Veritas, Rheinstraße 14. - Weingüter: Liebfrauenstift, Liebfrauenstift 20, Worms; Dr. Schreiber, Fronstraße 34, Worms-Abenheim; Spohr, Welschgasse 3, Worms-Abenheim; Schmitt, Richard-Knies-Straße 87, Worms-Herrnsheim; Keller, Landgrafenstraße 74, Worms-Pfiffligheim; Jakob & Jonas Kiefer, Losengewann 3, Worms-Wiesoppenheim. - Veranstaltungen: Wormser Weinmesse mit vierzig Winzern aus Worms und dem Umland (im November); Jahrgangsvorstellung der Vinovation im Schloss Herrnsheim (im April); „4 Türme, 4 Winzer, 40 Weine“, Präsentation zugunsten des Wormser Doms im Kreuzgang des Andreasstifts (im Mai/Juni). - Wanderungen und Radtouren: „Gotik im Weinberg“, öffentliche Führung der Tourist Information zur Liebfrauenkirche und durch die angrenzenden Weingärten. Skulpturenweg Abenheim, vier Kilometer langer Rundweg durch die Weinlagen am Klausenberg, vorbei an historischen Bildstöcken und zeitgenössischen Skulpturen, mit weiten Ausblicken Richtung Odenwald, Pfälzerwald und Taunus. Rheinterrassenroute, vierundfünfzig Kilometer lange Radtour von Worms nach Mainz durch die Rebhänge und Weinorte des Wonnegaus sowie streckenweise entlang des Rheinufers. - Übernachtung: Hotel Am Schlosspark, Emmrich-Joseph-Straße. 11, Worms-Herrnsheim, Telefon: 06241/ 206160; Hotel mit Restaurant und einer Vinothek des Weinguts Bechtel. - Information: Tourist Information Worms, Neumarkt 14, 67547 Worms, Telefon: 06241/8537306, Internet: www.worms.de.

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