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Weinstadt Worms : Siegfrieds Wein und Kriemhilds Schuld

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Inzwischen ist das alles Geschichte. In Wormser Weingütern wird der Begriff seit Jahrzehnten nicht verwendet, und im Weingut Liebfrauenstift erzeugen Kellermeister Tilman Queins und sein Team jetzt exquisite trockene Rieslinge mit konzentrierten Fruchtaromen. Vielleicht erschnuppert ein sensibler Verkoster auch noch die Spur jenes Röstaromas, das sich einem mittelalterlichen Brand in der Wormser Altstadt verdanken soll. Damals deponierte man den Schutt neben der Liebfrauenkirche, bevor man ihn mit Erde bedeckte und darauf einen Weingarten anlegte. Das Liebfrauenmilch-Terroir, inzwischen als Liebfrauenstift-Kirchenstück geschützt, ist auf einem weiten Umweg wieder zu seinen Ursprüngen zurückgekehrt und wurde vor einigen Jahren vom Deutschen Weininstitut als einer der „Höhepunkte Deutscher Weinkultur“ ausgezeichnet.

Dennoch hat Worms, immerhin Deutschlands drittgrößte Weinbaugemeinde, seine unter der Liebfrauen-Verirrung verschüttete Weinkultur noch nicht ganz wiedergefunden. Das liegt zum einen am Stadtbild, denn Worms ist alles andere als ein romantisches Weindorf. Das im Krieg zerstörte Zentrum ist geprägt von den tristen Fassaden der fünfziger und sechziger Jahre. Auch der historische Weingarten des Liebfrauenstifts befindet sich in gewöhnungsbedürftiger Umgebung: An einer Flanke schmückt er sich mit der gotischen Fassade der Kirche, die anderen drei Seiten aber sind gesäumt von den Silos und Containerstapeln des Hafens sowie von mehrstöckigen Miets- und Bürohäusern. Immerhin dokumentiert eine Skulptur auf dem Weinbrunnen in der Fußgängerzone die Geschichte des Weinbaus und präsentiert ein schmeichelndes Zitat von Victor Hugo: „Wahrhaftig, um drei Gläser Wormser Weines willen würde ich nach Worms kommen.“

Zarte Pfirsich- und Zitrusaromen

Ansonsten ist im Stadtzentrum von Weinseligkeit wenig zu spüren. Gemütliche Weinstuben sucht man vergebens, und ausgesuchte regionale Weinsortimente in Restaurants und Bistros sind eine Seltenheit. Eine schicke und fabelhaft sortierte Vinothek in bester Lage unmittelbar neben dem Dom erweist sich als Flop. „Schwierig“ seien die Wormser, wenn es um den eigenen Wein geht, heißt es auf einigen Weingütern. Viele Konsumenten fahren offenbar lieber die paar Kilometer hinüber in die Pfalz, besuchen die malerischen Weindörfer entlang der Deutschen Weinstraße und versorgen sich bei dortigen Winzern mit Wein. „Wenn alle Einheimischen unseren Wein trinken würden, hätten wir nicht mal genug“, vermutet Andreas Schreiber vom Weingut Dr. Schreiber.

Der aufregende Qualitätssprung, der vielen rheinhessischen und Wormser Winzern in den vergangenen zehn, zwanzig Jahren gelungen ist, scheint sich an Ort und Stelle noch nicht hinreichend herumgesprochen zu haben. Dabei gibt es in den Stadtteilen Abenheim, Pfiffligheim oder Herrnsheim eine Reihe von Weingütern, die unbedingt entdeckt werden müssen. Wer bei Dr. Schreiber, Keller oder Spohr zu den preiswerten Gutsweinen greift, erhält sorgfältig hergestellte Alltagstropfen, die übliche Basisqualitäten lässig in den Schatten stellen und zugleich ein Versprechen auf die exquisiten Lagenweine dieser Winzer abgeben: Der Riesling Kapellenstück von Dr. Schreiber, der von einer erstklassigen Lage am Klausenberg oberhalb von Abenheim stammt, ist ebenso von zarten Pfirsich- und Zitrusaromen geprägt wie der Riesling Liebfrauenstift-Kirchenstück des Weinguts Spohr, das einen winzigen Anteil am historischen Weingarten bearbeitet.

Mithalten kann in dieser Kategorie auch der Riesling St. Georgenberg des Weinguts Keller, der in einem anderen namhaften Weinberg wächst. Die Pfeddersheimer Gemarkung Im Fohndel ist zwar offiziell in der Lage St. Georgenberg aufgegangen, wurde aber als besondere Rieslinglage schon 1511 in einer Wormser Urkunde erwähnt, die vor zehn Jahren zufällig in den Archiven der Stadt auftauchte. Sie ist eines der frühesten Dokumente über den Rieslinganbau überhaupt und Markus Kellers Weingarten vermutlich die älteste noch erhaltene Rieslinglage in Deutschland. Der Winzer überlegt, ob er sie wieder als Einzellage klassifizieren lässt, um seinen außergewöhnlichen Wein auch entsprechend benennen zu dürfen.

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