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Waterloo : Weltgeschichte im Weizenfeld

So kann es nicht gewesen sein - der Hügel mit dem Löwen entstand erst lange nach der Schlacht. Bild: Reuters

Hauen, stechen und schießen: Vor zweihundert Jahren endete Napoleons Herrschaft über Europa.

          Da liegt das Schlachtfeld. Eine weite, wellige Ebene, von Wäldern gesäumt, von Straßen durchtrennt, von Hecken und Baumgruppen interpunktiert. Alle paar hundert Meter ein Gehöft, ein Dorf, dazwischen Getreidefelder, Weizen, Roggen, so weit das Auge reicht. Ein Land im Frieden unter hohem Wolkenhimmel, eine Landschaft von Ruysdael, aus Holland ins südliche Belgien versetzt. Vor zweihundert Jahren, am Abend des 18. Juni 1815, lagen hier vierzigtausend Tote und Sterbende auf den Feldern, Pferdekarren fuhren zwischen den Menschenhaufen umher und luden die Schwerverletzten auf, Soldaten suchten nach ihren Kameraden, Bauern rissen den Leichen die Kleider vom Leib. Es war ein Bild der Hölle und der Erlösung. Denn an diesem Abend war Napoleon besiegt, sein Mythos gebrochen, seine Herrschaft beendet. Nach zwanzig Jahren blutiger Feldzüge und ständiger Kriegsgefahr kehrte wieder Ruhe ein in Europa. Für die Menschen des neunzehnten Jahrhunderts war dies das Ereignis, das alles veränderte, der Glockenschlag, mit dem sich eine Epoche schloss und eine neue begann. Und das geschah hier, auf den Getreidefeldern bei Waterloo. Nein, bei Belle-Alliance. Nein, bei Mont Saint-Jean.

          Wie soll sie heißen, die Schlacht?

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Wir stehen auf der Butte du Lion, dem vierzig Meter hohen Löwenhügel, den der holländische König Wilhelm I. bis 1826 zum Gedenken an seinen gleichnamigen Sohn errichten ließ, der genau an jener Stelle während der Kämpfe durch eine Musketenkugel vom Pferd geworfen wurde, und blicken uns ratsuchend um. Wie nennen wir denn nun die Schlacht? Für die Engländer, Belgier, Holländer und die meisten anderen Nationen heißt sie nach dem im Norden gelegenen Dorf Waterloo, in dem der Herzog von Wellington am 17. Juni sein Hauptquartier aufschlug, nachdem er beschlossen hatte, sich der siegreichen Armee Napoleons an der letzten möglichen Verteidigungslinie vor den Toren von Brüssel entgegenzustellen. Die Preußen aber, und damit auch das deutsche Kaiserreich bis 1918, bezeichneten sie nach dem einstigen Gasthaus von Belle-Alliance, von dem aus Napoleon seine Truppen befehligte - und in dem am Abend nach der Schlacht der preußische Feldmarschall Blücher seinen britischen Kollegen begrüßte. „Ah, mon ami, quelle affaire!“, soll Blücher Wellington angeknurrt haben, denn der alte „Marschall Vorwärts“ konnte kein Englisch.

          Schauspieler studieren in Ligny ihre Rolle in den Schlachtszenen ein.

          Die Franzosen schließlich folgten ihrem geschlagenen Kaiser, der das Gefecht Bataille de Mont Saint-Jean getauft hatte, nach einem Gutshof an der Straße nach Brüssel, in dem Wellingtons Feldchirurgen während des Gemetzels ihr Lazarett eingerichtet hatten. Am Ende freilich konnten sich die Alternativnamen nicht durchsetzen. Heute wird in Mont Saint-Jean blondes und dunkles Waterloo-Bier in eigens für diesen Zweck in Handarbeit gefertigten Krügen ausgeschenkt, und die Belle-Alliance-Straßen und -Plätze sind aus den deutschen Städten fast völlig verschwunden. In diesem einen, vielleicht wichtigsten Punkt hat Wellington sich bei der Nachwelt durchgesetzt.

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