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Mann spricht deutsch

Von FABIAN VON POSER

01. Oktober 2020 · Es wird leise ums „Unserdeutsch“: Seit mehr als 100 Jahren wird auf der Insel Neubritannien in Papua-Neuguinea ein eigentümliches Kreoldeutsch gesprochen. Doch lange wird es die Sprache wohl nicht mehr geben.

Es gibt Orte, mögen sie auch noch so fern sein, da fühlt man sich gleich zu Hause. Willi Schulze tritt die Stufen seiner Veranda herab. Über ihm plustert sich eine Wand aus Gewitterwolken auf. „Guten tag mein doitshe froind“, begrüßt mich Schulze. Es könnte ein idyllischer Fleck irgendwo in Deutschland kurz vor einem Sommergewitter sein. Doch der Ort ist von der Natur eher geplagt als gesegnet: Taifune, Tsunamis, Vulkanausbrüche. All das gibt es hier. Und bei genauerem Hinsehen beginnt hinter dem Haus undurchdringlicher Dschungel, in den selbst viele Einheimische noch nie einen Fuß gesetzt haben.


Willi Schulze, einer der letzten Unserdeutsch-Sprecher, auf der Terrasse seines Hauses in Kimbe auf der Insel Neubritannien
Willi Schulze, einer der letzten Unserdeutsch-Sprecher, auf der Terrasse seines Hauses in Kimbe auf der Insel Neubritannien

Willi Schulze ist ein großgewachsener Mann mit einem vereinnahmenden Lächeln. Sein Haus in Kimbe auf der Pazifikinsel Neubritannien ist ein Schmuckstück: Die Stelzen, die das Gebäude vor Unwettern und Ungeziefer schützen sollen, sind frisch gestrichen, der Rasen im Garten ist akkurat gemäht, die Beete sind gejätet. Hinter dem Haus wachsen üppige Bananenstauden. Allerlei tropische Pflanzen recken ihre Blüten in die Luft. Ein gepflegter Garten Eden, der im Vergleich zur wild wuchernden Vegetation im übrigen Papua-Neuguinea sehr aufgeräumt wirkt.

Willi Schulze im Gespräch mit der FAZ vor seinem Haus in Kimbe

Das Land ist eine archaische Welt voller unzugänglicher Täler, bis zu 4500 Meter hoher Berge und einer einmaligen Artenvielfalt. Mehr als 800 Sprachen werden hier noch gesprochen. Neuguinea ist die zweitgrößte Insel der Erde und zweigeteilt: Im Westen, dem ehemaligen Irian Jaya und heutigen Westpapua regiert das indonesische Staatsoberhaupt. Der Osten, Neuguineas wurde 1975 von Australien in die Unabhängigkeit entlassen. Reich an Bodenschätzen ist die gesamte Insel: Erdöl, Erdgas, Kupfer, Nickel, Gold und Silber. Doch Papua-Neuguinea liegt im Zentrum eines geopolitischen Schlachtfelds zwischen Australien, Japan, den USA und China. 

Seit der Unabhängigkeit von Australien im Jahr 1975 regiert die Korruption. Bei der Bevölkerung kommt vom Reichtum nichts an. Die einzige Konstante in der jüngeren Geschichte ist die Einmischung von außen.

1884 hissten deutsche Marinesoldaten auf der 520 Kilometer langen Insel Neubritannien im Bismarck-Archipel die Flagge des Deutschen Reichs, wenig später wurde sie zum deutschen Schutzgebiet erklärt und in Neupommern umbenannt. Bis 1914 blieb sie Teil der kaiserlichen Südseekolonie Deutsch-Neuguinea. Hier, 13000 Kilometer und zehn Zeitzonen von Deutschland entfernt, entstand Ende des 19. Jahrhunderts die Kreolsprache Unserdeutsch. Willi Schulze ist einer ihrer letzten Sprecher auf der Insel.

Deutsche Herz-Jesu-Missionare hatten sich in den 1880er Jahren in Vunapope bei Kokopo, damals Herbertshöhe, niedergelassen. Sie sammelten Mischlingskinder, die zwischen europäischen und asiatischen Männern und indigenen Frauen melanesischer Herkunft entstanden waren, ein und zogen sie in deutscher Sprache auf – eine vom Kolonialrassismus geprägte Christianisierungsstrategie. Denn nach dem anfänglichen Scheitern der Missionierung der einheimischen Erwachsenen erhoffte sich die Mission mehr Erfolg mit „halbweißen Mischlingskindern“, die man in einer eigens für sie gegründeten Internatsschule zum katholischen Glauben und zur Kultur der Europäer erzog.
Gebäude der katholischen Missionsstation von Vunapope, Kokopo, ehemals Herbertshöhe, von 1899 bis 1910 Verwaltungssitz von Deutsch-Neuguinea
Gebäude der katholischen Missionsstation von Vunapope, Kokopo, ehemals Herbertshöhe, von 1899 bis 1910 Verwaltungssitz von Deutsch-Neuguinea
Schüler der katholischen Missionsstation von Vunapope mit Schuluniform und Gitarren
Schüler der katholischen Missionsstation von Vunapope mit Schuluniform und Gitarren

Als eine Art sprachlicher Widerstand gegen das oktroyierte Deutsch der Missionare entwickelten die Schüler schnell ihre ganz eigene Sprache, die sie „Kaputtene Deutsch“ oder „Falsche Deutsch“ nannten. Eine Sprache, die wie Deutsch anmutete und ohne Prügelstrafe gesprochen werden konnte. In Wirklichkeit ist sie aber eine innovationsreiche Mischsprache, deren Wortschatz zwar überwiegend auf dem Deutsch der Missionare basiert, deren grammatische Struktur aber im örtlichen Tok Pisin verwurzelt ist, das die meisten Kinder von Haus aus sprachen. Das hört sich dann etwa so an: De schwester wokabaut herum mit ein grose kanda in ire hand. Die Missionsschwestern sind mit einem großen Bambusstock in der Hand herumgegangen. Oder: Meine Vate hat gesterben neunzehnunseksi. Mein Vater ist 1960 gestorben.

„The swear words you forget last“, lacht Schulze, als ich an diesem Nachmittag auf seiner Terrasse sitze. Die Schimpfworte vergisst man zuletzt. 

Schulzes Vater Gerhard wurde 1915 als Sohn eines deutschen Plantagenbesitzers und einer einheimischen Frau geboren. Auch seine Mutter Martha entstammte einer Mischehe. In der Missionsstation lernten sie sich kennen. 1936 heirateten sie, 1940 wurde Willi als zweiter Sohn geboren. Die einzige Sprache, die man zu Hause gesprochen habe, sei Unserdeutsch gewesen, denn Englisch sei erst später mit den Australiern gekommen, sagt Schulze.

Schulzes Vater verdiente den Unterhalt für die Familie als Schreiner, die Mutter führte den Haushalt. Sie sei eine typisch deutsche Frau gewesen, sagt Schulze: helle Haut, reinlich, streng. Von den Nonnen in Vunapope sei sie gut trainiert worden. Zu Hause sei es wie im Militärcamp zugegangen. Die Kinder konnten nicht aus dem Haus gehen, ohne um Erlaubnis zu fragen. Einmal, erinnert sich Schulze, kam er zu spät aus dem Kino nach Hause, weil der Film länger gedauert hatte. Dort wartete bereits seine Mutter mit dem Stock. Und auch daran erinnert sich Schulze: Beinahe jedes deutsche Gericht konnte seine Mutter kochen. „Schweinesülze, Blutwurst und Leberwurst.“ Bis heute rutschen Schulze immer wieder einige Brocken Unserdeutsch heraus, wenn er Englisch spricht. Doch er ist einer der letzten Sprecher auf Neubritannien.

„Es gab nie mehr als 500 Unserdeutsch-Sprecher gleichzeitig“, sagt Craig Volker, Honorarprofessor für Linguistik an der James-Cook-Universität in Cairns im australischen Bundesstaat Queensland. „Heute gibt es maximal 100 Sprecher, kaum eine Handvoll in Papua-Neuguinea, der Rest in Australien.“

Unserdeutsch-Sprecher bei einem Treffen im Jahr 2019 in Brisbane, Australien. Obere Reihe Zweiter von rechts: Prof. Péter Maitz.
Unserdeutsch-Sprecher bei einem Treffen im Jahr 2019 in Brisbane, Australien. Obere Reihe Zweiter von rechts: Prof. Péter Maitz. Foto: Bella Eva Photography

Der Grund: Die meisten zogen zur Zeit der Unabhängigkeit Papua-Neuguineas im Jahr 1975 nach Australien, wo sie bis heute leben. „Weil die Jobs, die vorher Weiße oder Mischlinge innehatten, an indigene Einheimische vergeben wurden. Und weil sie fürchteten, die Unabhängigkeit könnte in Gewalt ausarten.“

 Volker war der Erste, der sich wissenschaftlich mit Unserdeutsch befasste. Mitte der 1970er Jahre jobbte er als Deutschlehrer an einer Highschool in Queensland, um sein Studium zu finanzieren. Immer wenn er neue Schüler bekam, fragte er sie: „Wie heißt du, wie alt bist du?“ Volker wollte wissen, ob sie bereits etwas Deutsch verstanden. Und da war dieses Mädchen. Sie war dunkelhäutig und sprach ganze deutsche Sätze mit englischer Grammatik. Volker fragte sie: „Wo hast du das gelernt?“ „Wir haben es zu Hause gesprochen“, erwiderte sie. Zu einem Deutsch, das in Papua-Neuguinea gesprochen wurde, konnte Volker in der Literatur nichts finden, und so wählte er dies zum Thema seiner Masterarbeit. Seitdem hat ihn die Sprache nicht mehr losgelassen. 

Bis heute sind die deutschen Spuren auf Neubritannien nicht zu übersehen. Der Archipel, auf dem die Insel liegt, heißt noch immer Bismarck-Archipel. Im Stadtmuseum von Rabaul sind Dutzende Dokumente aus der deutschen Kolonialzeit ausgestellt. Auf dem Namanula-Hügel über der Stadt erinnert ein verwittertes Schild an den deutschen Gouverneur Albert Hahl, der 1909 den Regierungssitz nach Rabaul verlegte. Auf dem Friedhof des 30 Kilometer entfernten Kokopo sind die Gräber von Dutzenden Deutschen: Pflanzer, Marinesoldaten, Offiziere. Auch die katholische Missionsstation von Vunapope steht noch. Heute wird hier allerdings kein Deutsch mehr gesprochen, auch kein Unserdeutsch, sondern nur noch Englisch und das lokale Pidgin-Englisch Tok Pisin.

Schild am Namanula Hill oberhalb von Rabaul mit Bezug zur deutschen Kolonialzeit
Schild am Namanula Hill oberhalb von Rabaul mit Bezug zur deutschen Kolonialzeit
Alte Fotos und Berichte aus der deutschen Kolonoialzeit im Rabaul Museum
Alte Fotos und Berichte aus der deutschen Kolonoialzeit im Rabaul Museum

In verschiedenen Regionen der Welt werden bis heute deutschbasierte Pidgin-Sprachen oder deutsche Dialekte gesprochen. Zu denken ist da zum Beispiel an das Küchendeutsch in Namibia, an das Riograndenser Hunsrückisch in Brasilien und an das Deutsch der Donauschwaben in Ostmitteleuropa. Doch Unserdeutsch ist die weltweit einzige bekannte deutschbasierte Kreolsprache: eine unter kolonialem Sprachzwang entstandene Kontaktsprache also, die zur Erstsprache einer ganzen Sprachgemeinschaft wurde. Im Gegensatz zu Pidgin-Sprachen wie dem Küchendeutsch in Namibia wurde Unserdeutsch als Muttersprache von einer Generation an die nächste weitergegeben. Die Missionare zwangsverheirateten die Mischlingskinder der ersten Generation untereinander, um eine „Rassenmischung“ zu verhindern.

Der Markt von Rabaul
Der Markt von Rabaul

Zwischen 2015 und 2019 dokumentierte Péter Maitz, Professor für deutsche Sprachwissenschaft an der Universität Bern, die Sprache in einem einzigartigen, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekt. Als Maitz das Projekt 2015, damals noch als Professor an der Universität Augsburg, startete, wusste niemand, ob es überhaupt noch lebende Sprecher gibt. Nach vier Jahren intensiver Zusammenarbeit mit den letzten knapp 100 Sprechern ist Unserdeutsch heute eine der am besten dokumentierten unter den etwa 840 lebenden Sprachen Papua-Neuguineas. Durch die Dokumentation legte Maitz die Basis für eine umfassende linguistische Beschreibung der Sprache.

Fernsehaufnahme für SBS World News (Australien) mit einer Szene von einem linguistischen Interview im Rahmen des Dokumentationsprojekts. Links: Sprecherin Yvonne Lündin, durch die Craig Volker Ende der 1970er-Jahre in Australien auf die Sprache aufmerksam wurde. Rechts: Prof. Péter Maitz.
Fernsehaufnahme für SBS World News (Australien) mit einer Szene von einem linguistischen Interview im Rahmen des Dokumentationsprojekts. Links: Sprecherin Yvonne Lündin, durch die Craig Volker Ende der 1970er-Jahre in Australien auf die Sprache aufmerksam wurde. Rechts: Prof. Péter Maitz. Foto: privat

Für den Linguistik-Professor hat seine Arbeit auch eine gewichtige ethische Dimension. „Wir müssen uns darüber im Klaren sein: Diese Sprache und die Sprachgemeinschaft selbst wären nicht entstanden, wenn es keine koloniale Unterdrückung gegeben hätte“, sagt Maitz. „Hinter der Entstehung von Unserdeutsch steckt das Schicksal einer kleinen, traumatisierten Gemeinschaft, die wegen ihrer Hautfarbe über Generationen unterdrückt, ausgegrenzt, diskriminiert und auch misshandelt wurde.“ Während der Kolonialzeit von den Deutschen, nach 1914 von den Australiern und im Zuge der Unabhängigkeit Papua-Neuguineas 1975 schließlich von der neuen Regierung, die nur noch die indigene Bevölkerung im Blick hatte. „Mal waren diese Menschen nicht weiß genug, dann wieder nicht schwarz genug, um als gleichwertig angesehen und behandelt zu werden.“

Für Maitz ist es eine Herzensangelegenheit, dass die verbliebenen Sprecher durch die wissenschaftliche Dokumentation ihrer Sprache und die internationale Aufmerksamkeit, die diese begleitet, nun Respekt erfahren und zu mehr Selbstbewusstsein gelangen. „Erst wenn die Kinder und Enkelkinder der letzten Sprechergeneration ihr kulturelles und sprachliches Erbe als Wert anstatt als Last sehen, kann man auf eine erfolgreiche Revitalisierung der Sprache hoffen“, sagt Maitz. Denn Unserdeutsch gilt als kritisch bedroht. Die allermeisten aktiven Sprecher sind über 70, selbst die jüngsten über 60. Seit der Auswanderung eines Großteils von ihnen nach Australien ist Unserdeutsch weitgehend vom Englischen verdrängt worden. „Wenn keine Revitalisierung stattfindet, ist der Tod der Sprache in 20 bis 30 Jahren besiegelt.“

Gräber auf dem Friedhof der katholischen Missionsstation von Vunapope
Gräber auf dem Friedhof der katholischen Missionsstation von Vunapope

Auch Willi Schulze in Kimbe spräche gerne mehr Unserdeutsch als die wenigen Sätze, die ihm aus seiner Kindheit im Gedächtnis geblieben sind. Schulze hat fünf Kinder. Keines davon spricht Unserdeutsch. „Die Sprache ging verloren, weil meine Kinder nicht in deutscher Atmosphäre aufgewachsen sind.“ Seine erste Frau, mit der er drei Söhne hat, war chinesischer Abstammung. „Zu Hause sprachen wir Englisch.“ Seine beiden Kinder aus zweiter Ehe, Gerard und Martha, werden sie ebenfalls nicht weitergeben. Er hat nie Deutsch gelernt, sie hat ihren Deutschkurs vor Jahren abgebrochen. Schulze ist einer der Letzten auf der Insel Neubritannien, der die Sprache noch spricht. Schulze ist 79.

Fotos: Fabian von Poser


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Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 01.10.2020 19:39 Uhr