https://www.faz.net/-gxh-97svt

Zwischen den Kontinenten

Von ANNABELLE HIRSCH
Foto: Getty

07.03.2018 · Wieso in aller Welt schnorcheln Menschen mitten im Winter auf Island? Weil das Wasser kalt und klar ist und man nur hier zwischen zwei Kontinentalplatten abtaucht – in der Silfra-Spalte

D ie letzten Meter sind, wie so oft, die schwersten. Während Luis, unser Guide, enthusiastisch in seinem Trockentauchanzug durch die Stein-Moos-Landschaft des isländischen Thingvellir-Nationalparks direkt auf eine mit Wasser gefüllte Spalte zuwatschelt, kommen in der Gruppe hinter ihm die ersten Zweifel auf: Warum, scheint jeder zögerliche Schritt lauter zu fragen, tun wir uns das eigentlich an? Warum ausgerechnet im Winter? Und wer hatte überhaupt diese Idee?

Erklären wir kurz die Situation: Während die meisten, sagen wir, normalen Menschen in den vergangenen Jahren vermehrt nach Island fahren, um gemütlich mit einer Wollmütze auf dem Kopf in heißen Quellen herumzusitzen, wollten wir schnorcheln gehen. Auf Island. Ja, tatsächlich, das geht. Und zwar in der sogenannten Silfra-Spalte. Silfra, das ist ein Riss, der zwischen zwei Kontinentalplatten, der eurasischen und der amerikanischen, verläuft. Auf die aberwitzige Idee durch das Eis- beziehungsweise Schmelzwasser zu tauchen, das hier vom knapp fünfzig Kilometer entfernten Langjökull-Gletscher bis in die Spalte fließt, kamen vor über fünfzig Jahren ein paar Isländer.

Schneeschwimmen: Das Wasser ist zwischen zwei und vier Grad kalt. Foto: Getty

„Ihnen war wohl langweilig auf dieser menschenleeren Insel“, sagt Luis, selbst Australier. Vor etwas mehr als einem Jahr kam er hierher, um zu tauchen, dann gefiel es ihm so gut, dass er blieb. Und er ist nicht der Einzige. 2016 glitten hier rund fünfzigtausend Menschen durch das zwei bis vier Grad kalte Wasser. Erklärungen gibt es für die Begeisterung verschiedene: Einerseits findet man hier, dank der jahrzehntelangen natürlichen Filterung durch Lavafelder, das klarste Wasser der Welt. Was bedeutet, dass man auch als einfacher Schnorchler siebzig Meter bis zum Spaltengrund hinunterschauen kann. Außerdem entkommt man hier den Touristenmassen, die mittlerweile selbst im leeren Island stören können – etwa wenn man in der überfüllten „Blauen Lagune“ sitzt. Zum anderen hat diese Tour auch symbolischen Wert. Immerhin schwimmt man hier zwischen den Kontinenten. Hier nimmt das seit zwei Jahren wachsende Gefühl, Europa und Amerika drifteten immer weiter auseinander (geologisch rund zwei Zentimeter pro Jahr), einmal eine ganz physisch erlebbare, in diesem Fall weniger erschreckende als spektakulär-schöne Form an. Für viele, so meint Luis, den man sofort fragen muss, warum einer seine türkis leuchtenden Gewässer des Pazifischen Ozeans für ein eiskaltes Wasserloch auf Island verlässt, sei das einfach der letzte Kick.

Wer sonst schon alles, jede Korallenformation, jede Fischart, jeden Unterwasserschatz gesehen hat, in jedes Wrack getaucht ist, der erlebt in Silfra noch einmal etwas ganz Neues: Auf fünf Metern Tiefe kann er die Arme im sogenannten „Big Crack“ ausbreiten und links und rechts jeweils einen Kontinent berühren.

2016 glitten hier rund fünfzigtausend Menschen durch das kalte Wasser. Foto: Picture-Alliance

Doch so weit sind wir lange nicht. Bisher laufen wir in unserer Unterwasser-Ganoven-Kluft durch strahlenden Sonnenschein und eisige Kälte und fragen uns, ob wir umkehren sollten. Eine Frau, eine Italienerin, hat der Mut bereits am Parkplatz verlassen. Wir waren gerade noch dabei, uns mit Hilfe von Luis in die unerhört engen, an Handgelenk, Hals und Fußknöcheln maximal zugeschnürten Trockenanzüge zu zwängen, da hatte sie schon keine Lust mehr.

Sie habe plötzlich Angst bekommen, Beklemmungen, murmelt jetzt ihr Ehemann, offensichtlich wütend darüber, dass seine Überzeugungsarbeit nichts genützt hat. Fünfmal hat er es mit „Cara mia! Jetzt sind wir doch schon bis hierher gekommen!“ versucht, dann zischte sie ihm ein genervtes „Dann geh doch endlich!“ zu, weshalb er nun alleine an der kleinen Metalltreppe steht, die hinunter ins kalte Wasser führt.

Lebewesen gibt es in der Silfra-Spalte nicht. Foto: Picture-Alliance

Luis führt uns einen nach dem anderen hinein und gibt letzte Anweisungen: „Die Spalte ist in drei große ‚Räume‛ geteilt: Die Silfra Hall, da werden wir euch jetzt eingewöhnen; die Silfra Cathedral und die Silfra Lagoon. Ihr erkennt das Ende der Kathedrale daran, dass sich die Wände wieder verengen, dort müsst ihr unbedingt links abbiegen in die Lagune, sonst schwimmt ihr in den See rein. Das wäre sehr ungünstig, denn der ist ziemlich groß!“ Mit dieser Warnung geht es dann auch los. Brille aufsetzen, Kopf ins Wasser, Augen auf. Das Versprechen des unbequemen Anzugs wird nur halb eingelöst: Am Rücken sickert ein bisschen Wasser ein, die Finger sind in kürzester Zeit steif, die Kälte pikst im Gesicht wie tausend kleine Nadeln, überhaupt ist es gar nicht so einfach, sich so halb gefroren und in fünf Schichten gepackt zu bewegen.

Bequem ist das alles nicht, allerdings wird die Neugierde durch das, was man sieht, wenn man den Kopf ins Wasser steckt und seine gefrorenen Lippen vergisst, so groß, dass man wild drauflosschwimmt. Auf der Suche nach mehr. Unter uns öffnet sich die siebzig Meter tiefe Schlucht. Links und rechts fallen gigantische Basaltsteinwände in schweren, kantigen, wild durcheinandergewürfelten Brocken in die mal grün, mal strahlend blau schimmernde Tiefe.

Hier findet man, dank der jahrzehntelangen natürlichen Filterung durch Lavafelder, das klarste Wasser der Welt. Foto: Picture-Alliance

Man will sich verbeugen vor dieser Respekt einflößenden Natur. Wie so oft auf Island – vor den Weiten der Landschaft, vor den rauschenden Wasserfällen, den unwirklichen Mondlandschaften der Lavastrände und den blau leuchtenden Gletschern. Und das obwohl man erst mal nicht viel mehr sieht als diese brutalistisch anmutende Architektur, den Stein, die Schlucht, das glasklare Wasser, das so unsichtbar ist, dass man fast glaubt zu fliegen. Lebewesen gibt es in der Silfra-Spalte nicht. Ab und zu, so Luis, soll sich ein Fisch hierher verirren, verweilen würde so ein Überraschungsgast allerdings nicht. „Viel zu ungemütlich“, prustet Luis unter seiner Taucherbrille. Dafür trifft man, sobald man die Kathedrale verlässt und in die Lagune schwimmt, ein paar andere „Lebewesen“. Nämlich Trolle. Das Moos, das in langen grünen Fäden wie alte Faschingssprühschlangen auf den Felsen liegt und das flache Wasserbecken je nach Lichteinfall grün, türkis, blau oder gelb beleuchtet, nennen die Isländer gerne „Troll-Haare“. Auf Island ist ein Stein nicht einfach ein Stein, sondern ein kleines Wesen, ein Troll, der sich dem Menschen zwar eher nicht zu erkennen gibt, ihn aber mit einer mittleren Naturkatastrophe mahnen wird, wenn er ihn zu sehr ärgert. Deshalb lässt man das Moos, das mit der Bewegung des Wassers langsam hin und her wippt, auch lieber unberührt. Man will den Troll ja nicht beim Eisbaden an den Haaren ziehen. Zumal sich die Aufregung und die latente Angst in der Lagune legt. Jetzt sucht man nicht mehr panisch nach den Flossen der anderen, aus Sorge die Schlucht könne einen irgendwie verschlucken, sondern schwimmt entspannt und im Alleingang durch das flache Farbenmeer.

Nach einer Stunde gibt Luis uns ein Zeichen. Es wird Zeit. Einer nach dem anderen steigen wir ungelenk wieder hinaus in die Kälte. Erst jetzt bemerken wir, dass es zu schneien begonnen hat. Die Klarheit unter Wasser ist einem dichten Nebel gewichen. Und die eben noch so beeindruckende Spalte sieht von oben recht unspektakulär aus. Island verbirgt an diesem Nachmittag seine Schönheit.

Karte: F.A.Z.-sie.

Der Weg in die Silfra-Spalte auf Island

Anreise Neben anderen fliegt Wow-Air mehrmals pro Woche von Berlin oder Frankfurt direkt nach Reykjavík, ab 99 Euro. www.wowair.de Von dort aus rund 45 Minuten bis zum Thingvellir-Nationalpark.
Übernachten Schön schläft man im „Ion Adventure Hotel“ am Rande des Thingvallavatn-Sees, Doppelzimmer ab 250 Euro/Nacht. Von dort aus sind es knapp zwanzig Minuten zum Silfra-Treffpunkt, www.ioniceland.is.
Tauchen und Schnorcheln Der Anbieter Dive.is bietet ganzjährig Tauch- oder Schnorcheltouren durch die Silfra-Spalte an. Eine Schnorcheltour kostet ab 121 Euro, eine Tauchtour 323 Euro. Der Transfer von Reykjavík zum Nationalpark ist im Preis inbegriffen. Mehr unter www.dive.is.
Weitere Informationen für ihre Islandreise finden sie unter www.de.visiticeland.com.

Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 07.03.2018 08:23 Uhr