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Bushaltestellen in Georgien : Warten auf gar nichts

  • -Aktualisiert am

Tierische Passagiere. Bild: Georges Hausemer

Sie stehen wie mysteriöse Skulpturen in der Landschaft und wirken so, als hätten sie eine geheime Botschaft für uns. Oder ist doch nur alles Illusion? Unterwegs in Georgien von Bushaltestelle zu Bushaltestelle.

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          Georgiens Straßen werden von unzähligen Haltestellen gesäumt, aber man sieht, zumindest außerhalb der Städte, so gut wie nie einen Bus. Folglich sind auch die Bushäuschen die meiste Zeit verwaist. Einsam und leer stehen sie da, gemieden, unbeachtet und scheinbar vergessen von den Funktionären aus dem Transportministerium in Tiflis. Zudem müssen die Wartestationen weitgehend ohne Beschilderung auskommen. Nur in Ausnahmefällen hängen Fahrpläne mit Angaben zu Linien, Uhrzeiten oder gar Fahrkartenpreisen aus.

          In Wahrheit jedoch erfüllen die kleinen, unscheinbaren Bauwerke, trotz des Eindrucks der Verlassenheit, Verkommenheit und Trostlosigkeit, mehr als nur einen Zweck. Nicht selten etwa werden sie als Parkplatz oder gar Garage genutzt. Fahrende Händler bauen im Schutz massiver Wände gerne ihre Marktstände auf. Am häufigsten jedoch bieten sie dem Vieh, das sich in den zaunlosen Regionen der kleinen Kaukasusrepublik frei herumtreiben darf, willkommenen Unterschlupf: Kühen und Eseln, Schafen und Schweinen, Hunden und Katzen. Das führt in der Provinz Adscharien dazu, dass die meisten Bushäuschen mit Gittern und Pforten versehen sind, manchmal sogar mit Schlössern gesichert. Nicht um den Stall perfekt zu machen, sondern um die Tiere fernzuhalten. Dann allerdings sehen die Bushäuschen aus wie Gefängniszellen.

          Bonbonblau, Babyrosa, Pinkblass, Knallgelb, Giftkrötengrün

          So abwechslungsreich der Nutzen, so abwechslungsreich ist auch die Architektur, wenn man sie so nennen darf. Von filigranen Pavillons über massive Stahlkonstruktionen bis hin zu plumpen Bunkern mit Verzierungen aus bunten Mosaiksteinchen, von rustikalen Holzhütten über kubistische Ungetüme aus Beton und geflügelte Phantasiewesen bis zu Wellblechbuden und Metallhangars. Manche erinnern an hochkant aufgestellte Badewannen, manchmal sind Säulen, die das Gebälk stützen, von einem ionisch oder dorisch anmutenden Kapitell bekrönt. Auch bei der Kolorierung haben die Bauherren aus dem Vollen geschöpft. Bonbonblau und Babyrosa, Pinkblass und Knallgelb, Giftkrötengrün und Kuhfladenbraun. Fast möchte man denken, es herrsche Anarchie. Und vielleicht zeugen die Häuschen tatsächlich von Trotz.

          Es wäre ja nur konsequent gewesen, wenn der Besetzung Georgiens 1921 durch die Rote Armee und der Eingliederung des Landes in die Sowjetunion ein Einheitsbushäuschen gefolgt wäre. Doch ausgerechnet in Zeiten kommunistischer Planwirtschaft wurden die Hütten zum Musterbeispiel an liberaler Baukunst. Keine Spur von staatlicher Kontrolle und realsozialistischer Gleichmacherei. Die taucht erst jetzt allmählich auf. Im Jahr 1991 löste sich Georgien aus der Umklammerung der Sowjetunion. Es begann eine Phase des ökonomischen Niedergangs und der Korruption auf sämtlichen Gesellschaftsebenen. In den schwierigen Neunziger- und den nicht wesentlich erfreulicheren Nullerjahren kollabierte neben Wirtschaft, Industrie und Tourismus auch das georgische Transportwesen. Aber jetzt, mit dem allmählich erkennbaren Aufschwung, werden neue, der vermeintlich fortschrittlichen Gegenwart verpflichtete Bushäuschen errichtet: einfallslose, normierte Zweckkabinen. Wo einst fröhliche Alltagsszenen mit heroischen Werktätigen und märchenhafte Episoden aus dem Leben der Sowchosen und Kolchosen das Warten auf den Bus verkürzen sollten, verleitet der neue Standardtyp aus Plastik und Aluminium nur noch zu einem Schulterzucken.

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