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Warten und Stillstand : Es war einmal in Nicaragua

Die Grenze: ein schlichter Übergang an einer staubigen Straße, flankiert von ein paar trostlosen Flachbauten. Bild: Robert Samuel Hanson

Ein Grenzübergang, ein Amerikaner, ein Auto und kein Geld: Über das Warten und Fehler, die man auf Reisen nur einmal macht.

          6 Min.

          Er hieß George oder Matt oder John, ich habe es vergessen; es ist einfach zu lange her, und wir haben auch gar nicht viel Zeit miteinander verbracht. Obgleich mir jener Tag im Sommer 1992 an der Grenze zwischen Nicaragua und Costa Rica vorkam wie der längste Tag meines Lebens. Wie sehr ich mir damals gewünscht habe, ich wäre ihm nie begegnet. Doch wenn man an so etwas wie Schicksal glaubt, dann hatte ich wohl keine andere Chance.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ich hatte in Costa Rica ein Auslandsjahr verbracht, war anschließend noch einen Monat mit Bussen durch Guatemala, Honduras, El Salvador und zuletzt durch Nicaragua gereist. In Managua hatte ich eine ziemlich miese Woche verlebt. Kurz nach der Ankunft war ich blöd genug gewesen, mir in einem städtischen Bus meinen Reisepass klauen zu lassen. Statt das Land zu besichtigen, war ich dann täglich von meinem schäbigen Hotelzimmer zur deutschen Botschaft marschiert, nur um dort zu erfahren, dass das ersehnte Fax der Behörden in Deutschland – es war die Zeit der Faxe und Festnetzanschlüsse – noch immer nicht eingetroffen war. Jeder weitere Tag, den ich in Managua festhing, verkürzte meine verbleibende Zeit in Costa Rica, wo ich meine Freunde und meine Freundin wiedersehen wollte.

          Das Klischee des Gringos

          Als mir endlich der neue, provisorische Pass ausgehändigt wurde, machte ich mich rasch auf zur südlichen Landesgrenze, wo ich am Abend eine Unterkunft im einzigen Hotel einer verschlafenen kleinen Stadt fand. Um so früh wie möglich nach Costa Rica zu gelangen, stellte ich mir den Wecker auf kurz nach fünf. Gegen halb sieben Uhr morgens war ich an der Grenze: ein schlichter Übergang an einer staubigen Straße, flankiert von ein paar trostlosen Flachbauten, einem Lädchen fürs Allernötigste, einem einfachen Lokal. Eine Handvoll Geldwechsler hatte sich eingefunden, einige Autos warteten auf die Abfertigung, auch die Grenzer waren schon da. Aber noch nicht im Dienst: Um neun Uhr erst sollte die Grenze öffnen. Überrascht hat mich das nicht, geärgert aber schon.

          Bald fiel meine Aufmerksamkeit auf einen hageren, hektisch gestikulierenden Mann, der mit den Grenzern diskutierte. Es war John – oder war es George oder Matt? –, und er entsprach schon von weitem dem Klischee des Gringos, wie man hier den typischen Touristen aus den Vereinigten Staaten nannte: Traveller-Hut, Ranger-Weste, sonnenverbrannte helle Haut. In einem Schwall von Englisch redete er auf die verständnislosen Nicaraguaner ein. Mit meinem Entschluss, mich einzuschalten, begann mein Verderben.

          Vor langer Zeit in Nicaragua.
          Vor langer Zeit in Nicaragua. : Bild: Jörg Thomann

          In ebenjener friedlich wirkenden Kleinstadt, wo ich die Nacht verbracht hatte, habe ihm am Vorabend ein geschätzt Dreizehnjähriger mit einer Pistole sein gesamtes Bargeld geraubt, erzählte John. Nun stand er mit seinem Wagen an der Grenze, besaß nur noch ein paar kümmerliche nicaraguanische Córdobas und costa-ricanische Colones und bekniete die Grenzer, ihn auf die andere Seite zu lassen, von wo er einen Bekannten in Costa Ricas Hauptstadt San José anrufen wollte. Den Telefonapparaten auf der nicaraguanischen Seite schenkte er kein Vertrauen. Nachdem ich den Grenzbeamten Johns Ansinnen übersetzt hatte, nickten diese: kein Problem. Allerdings erst um neun. Der Strick legte sich endgültig um meinen Hals, als ich freudig Johns Angebot annahm, mich mit dem Auto nach San José mitzunehmen – verdammte Bequemlichkeit. Nunmehr Johns Begleiter, bestellte ich in der kleinen Pulpería für ihn und mich Reis mit Bohnen.

          John war sicher doppelt so alt wie ich, Mitte vierzig, vielleicht älter, und ausgesprochen redselig. Von den Vereinigten Staaten aus war er innerhalb weniger Tage durch Mittelamerika gefahren, um am Ende seinen Wagen in Costa Rica zu verkaufen. Von den von ihm durchstreiften Ländern hatte er so gut wie nichts mitbekommen. Einziges Ziel seiner Reise war der anscheinend nicht unerhebliche Gewinn beim Weiterverkauf des Fahrzeugs.

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