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Wandern an der Ahr : Nach Schwefel riecht es nicht

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Der Lohn der Mühe ist nie weit: Die Spätburgunder von den Steillagen der Ahr zählen zu Deutschlands besten Rotweinen. Bild: Berthold Steinhilber/laif

Teufel, Engel, Hexen, Dinosaurier: Auf der Königsetappe des Ahrsteigs von Kreuzberg nach Walporzheim kommt man nicht nur ins Schwitzen, sondern auch ins Staunen.

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          Hinter Altenahr passieren wir den Äquator. Wir haben uns offenbar verlaufen. Eine dunstige Flussniederung umfängt uns. Es ist feucht, die wässerige Sonne funkelt tropisch, und eine Tafel klärt darüber auf, dass wir uns im Langfigtal befinden, in einer Mäanderschleife der Ahr. Wir wandern jetzt gewissermaßen in Äquatornähe, denn der Fels, über den wir gehen, hat eine lange Reise hinter sich. Er ist vor vierhundert Millionen Jahren in der südlichen Hemisphäre aufgebrochen und uns entgegengezogen. Im Devon schob er sich nach Norden und faltete mit dem Rheinischen Schiefergebirge das Ahrgebirge auf. Aus dem einst flach liegenden Meeresboden wuchsen senkrechte Platten, die links und rechts der Ahr wie Schuppenpanzer einer Dinosaurierherde aus der zerklüfteten Landschaft stechen.

          Hinter einem dieser Felsen sind wir falsch abgebogen. Glück im Unglück: Wir bewegen uns in einer Schleife, die nach drei Kilometern wieder auf den Ahrsteig zurückführt, den wir entlangwandern wollen. Außerdem, und das verdoppelt das Glück, ist der Weg durch das Langfigtal traumhaft schön. Er wird einer der Höhepunkte unserer Etappe von Kreuzberg nach Walporzheim werden. Hier wachsen Milzfarn und Pfingstnelke, blaubereifte, armblütige Gänsekresse und agavenähnliche Hauswurze mit immergrünen Rosetten. Das Tal steht unter Naturschutz. Es ist still, die Berge schlucken den Lärm der Bundesstraße, die hinter den Felsen verläuft. Keine Kreissäge, kein Laubbläser schallt herüber. Nur das sonore Gesumm der Insekten, die die Blüten von Felsenbirne und Zwergmispel anfliegen, ist zu hören. Der Weg läuft an sumpfig-grünen Feuchtwiesen und umgestürzten Bäumen entlang, deren Wurzelwerk von der leise perlenden Ahr freigespült wird. Der Fluss selbst ist oft nur durch einen Blättervorhang zu sehen, er schimmert im Gegenlicht und scheint eine meditative Kraft zu besitzen, die schon Ernst Moritz Arndt beeindruckte. Er schrieb über das Langfigtal: „Das Wundersamste aber sind die Schlingungen des Stroms, welche den Schauenden so täuschen, dass er mehrere Inseln zu sehen und den Strom drei bis vier Mal wieder wie zurücklaufend wähnt, sodass er nicht weiß, ob er an dem linken oder rechten Ufer desselben wandelt.“ Wir sind erleichtert, dass auch der große Dichter und Freiheitskämpfer sich in der Ahrschlaufe verfing, und folgen zufrieden dem mäandernden Fluss. Zu jeder gelungenen Wanderung gehört das Verlaufen.

          Das Trugbild der schönen Jungfrau

          Startpunkt der fünften Etappe des Ahrsteigs, die als besonders abwechslungsreich und anspruchsvoll gilt, ist der Bahnhof in Kreuzberg. Der Weg führt hoch in den Wald, wird karg und schrundig, aus dem Hang wachsen dunkle Felsenriffe heraus. Es ist ein Drachenweg, bei dem man über den Rücken eines versteinerten Urzeitriesen balanciert. Aus dem narbigen Untergrund stechen Wülste und Rippen heraus, Keile richten sich auf, zwischen den überhängenden Felsblöcken und Felsnasen öffnen sich Kanzeln, von denen man auf die Dächer von Altenahr blickt. Einer dieser Austritte heißt „Schwarzes Kreuz“ und ist nicht weit vom sagenumwobenen Teufelsloch entfernt, einem Felsdurchbruch in luftiger Höhe.

          Traditionsbewusstsein muss nicht in Verstaubtheit münden. Die Vinothek des bekannten Weinguts Jean Stodden ist der beste Beweis dafür.

          Der Teufel, wird im Tal erzählt, suchte einst die Ahr auf und fand am Rotwein derart Gefallen, dass er darüber die Heimkehr vergaß. Das rief seine Großmutter auf den Plan. Sie nahm, weil sie wohl wusste, wie der Rotwein auf ihren Enkel wirkte, die Gestalt einer schönen Jungfrau an. In den Armen des verliebten Teufels verwandelte sich die Großmutter jedoch in ihre alte Gestalt zurück, und der Teufel blickte erschrocken auf eine schaurige Alte. Darüber soll er so erbost gewesen sein, dass er seine Großmutter hoch oben vom Berg durch die Felswand zurück in die Hölle schleuderte. Der Wurf muss gewaltig gewesen sein, ein glatter Durchschuss. Die Stelle ist heute mit einem Seil gesichert und führt zu einem felsigen Balkon mit grandiosem Ausblick. Mit mulmigem Gefühl schaut der Wanderer ins Tal. Er kann beruhigt sein: Der Höllenschlund hat sich längst geschlossen und bewaldeten Bergen und Burgen Platz gemacht.

          Hexenprozesse und Hinrichtungen

          Der Ahrsteig ist wilder als sein Nachbar auf der anderen Talseite, der vielbegangene Rotweinwanderweg. Er schwenkt über Höhen in enge Seitentäler, in denen der Ginster zitronengelb blüht. Mal öffnen sich die Fluren, mal ist der Fluss zum Greifen nah, dann bringt der Weg die Wanderer zurück auf Berge mit niedrigen Eichenwäldern, um sie abermals ins Tal zu schieben. Von der Quelle der Ahr in Blankenheim bis zur Mündung in den Rhein bei Sinzig misst der Ahrsteig 108 Kilometer. In sieben Etappen lässt er sich gut bewältigen. Meist sind die Wege so einsam, dass wir die Zweige unter den Sohlen knacken hören. Gelegentlich raschelt eine dicke Schicht Eichenlaub, dann knistern federnde Tannennadeln unter den Schuhen, meist aber kratzt Schiefer.

          Entspannung jenseits der Steillagen: Man kann es an der Ahr auch ruhig angehen lassen.

          Wir passieren die Burg Are, an deren Fuß sich das Café Blechkatze an eine Felswand kauert. Das Café dient den „Selbstläufern“ des SV Altenahr als Treffpunkt, die dem Aushang zufolge noch darauf hoffen, dass der Panoramalauf am 28. August stattfindet. Dahinter kommt bald die Engelsley in den Blick, die, wie sollte es anders sein, der Teufelsley gegenüberliegt. Und bald erreichen wir die Höhe von Mayschoß. Hier fassen wir vorsichtig das Sicherungsseil, das im Fels verankert ist – nicht in Gedanken an gefürchtete Weinfeste unten im Tal mit ihrer noch gefürchteteren Stimmungsmusik, sondern weil die Felskante nur einen Fußbreit entfernt ist. Der Weg erfordert gelegentlich Trittsicherheit und ein einziges Mal stabile Nerven, denn unvermutet springt aus einem Kiefernwulst eine Teufelsfratze hervor. Sie hat rote Nüstern und rote Augen. Die Hörner sind ausgeblichen, das Maul vom Berühren der Wanderer abgegriffen. Nach Schwefel riecht es hier nicht, dafür umso intensiver nach den harzigen Düften der Kiefern. Bald neigt sich der Hang, überwachsene Trockenmauern säumen den Weg, und nun sehen wir die Rebhänge, die die imposante Ruine Saffenburg einfassen. Sie war im Dreißigjährigen Krieg Schauplatz blutiger Auseinandersetzungen und machte auch danach mit zahlreichen Hexenprozessen und Hinrichtungen von sich reden. Eine Tafel klärt über die Geschichte auf.

          Ein Mord wegen möglicher Untreue

          Man kann überhaupt einiges lesen auf dieser Wanderung. Die Buchstaben A und S des Wortes Ahrsteig begegnen uns regelmäßig. Sie sind symbolhaft als Berg und Flusslauf ineinander verschlungen und markieren rot den Weg. Weiße Schilder weisen auf Aussichtspunkte wie den Habichtsblick hin. Und dann sehen wir einen gelben Warnhinweis. Er informiert darüber, dass die Winzer ihre Weinberge aus der Luft bearbeiten. Von Mai bis August bekämpfen sie Mehltau und Grauschimmelfäule vom Hubschrauber aus. Sie sprühen, wie wir lesen, organische Fungizide und biologische Produkte in die Steillagen. Unschlüssig, ob uns der Hinweis beruhigen kann, wandern wir vom kreisenden Hubschrauber fort und erfahren auf einer weiteren Tafel, dass auch vor eingeschleppten Tierarten gewarnt wird. Die Exoten seien hartnäckig. Einmal gesichtet, ließen sie sich aber leicht einfangen. Das Schild bildet den „Kartoffelbeutler“ ab, der einer achtlos weggeworfenen Chipstüte gleicht, den „Geknickten Dürstling“, der eine große Ähnlichkeit mit einer leeren Wasserflasche hat, und sogar den „Vulgären Lügenbold“. Wir erkennen eine Zeitung mit sehr roten Buchstaben. Alles möge man doch bitte mitnehmen und ordentlich entsorgen.

          Im Gasthaus Brogsitters Sanct Peter kommt neben feiner Hausmannskost auch deutsche Spitzenküche auf den Tisch.

          Der nächste Weinort, in dem das möglich wäre, ist Rech, gut erkennbar an dem weißen Schriftzug, der in den Steillagen über dem Kirchturm aufgestellt wurde. In Rech gehen wir über die älteste steinerne Brücke der Ahr. Schutzpatron der Brücke ist der heilige Nepomuk, der in der Brückenmitte sein waches Auge auf alle Wanderer richtet. Nepomuk war bischöflicher Generalvikar in Prag und wurde nach einer kirchenpolitischen Auseinandersetzung in der Moldau ertränkt. Interessanter ist aber die Legende, die Nepomuks Tod an seine standhafte Weigerung knüpft, das Beichtgeheimnis zu brechen. An einer bestimmten Beichte hatte der böhmische König größtes Interesse, denn er verdächtigte seine Frau der Untreue. Den standhaft schweigenden Beichtvater der Königin stieß König Wenzel schließlich von der Karlsbrücke. Bei der Steinsbergmühle überqueren wir die Ahr und werden bald schweigsam. Ein kräftefordernder Wegabschnitt liegt vor uns. Schnurgerade geht es hoch, der Weg kennt kein Erbarmen. Unterhalb des Schrock erklimmen wir den Krausberg. Sonnengebleichtes, totes Holz liegt am Wegrand. Im Schatten haben sich Moose gebildet. Durch Buchen- und Eichenwald führt der Weg zu der an Wochenenden bewirteten Krausberg-Hütte. Hier stehen Bänke und in die Jahre gekommene, drehtellerartige Spielgeräte für Kinder. Ziel der Wanderer ist der steinerne Aussichtsturm mit einem überraschend weiten Ausblick. Wir sind oberhalb der Ahrberge, blicken auf Kölner Bucht und Siebengebirge und können sogar die weiße Schüssel des Radioteleskops Effelsberg blitzen sehen. Tief unter uns verschwindet in einem Taleinschnitt die zauberhafte Klosterruine Marienthal bei Dernau.

          Höchste Zeit für Gelbflossenthunfisch

          Mit dem Krausberg ist der Scheitelpunkt der Tour noch nicht erreicht. Der Weg führt wie an einem ausgeklappten Zollstock entlang in wilden Zacken durch den Wald hoch zum Alfred-Dahm-Turm. Nun sind wir 379 Meter über dem Meeresspiegel und haben keine Lust, die aus Baumstämmen errichtete Aussichtsplattform zu besteigen. Wir wollen hinunter nach Walporzheim. Steil ist dieser Abschnitt, ein Schild warnt vor Steinschlag, man sollte in den rutschigen Serpentinen vorsichtig die Richtung wechseln, um nicht auf dem letzten Kilometer des Ahrsteigs zu verunglücken. Unten im Tal fällt Licht durch die Stämme, die Abendsonne strahlt Walporzheim an und taucht Kloster Kalvarienberg in ein sattes Ocker. Wir lassen es in den Ahrauen ausrollen und überschreiten zum sechsten und letzten Mal für heute den Fluss.

          Wenige Schritte sind es durch die engen Gässchen zu der weiß gekalkten Kirche. Oben, auf der gegenüberliegenden Seite des Tals, thront die Bunte Kuh, das felsige Wahrzeichen des Ahrtals mit seinem Aussichtspavillon. Aber uns interessieren nach dieser Wanderung keine Aussichtspunkte mehr und keine bunten Kühe. Uns steht der Sinn nach anderen Tieren. Und die werden direkt am Ende der Etappe im historischen Gasthaus Brogsitters St. Peter zubereitet, in dem wir Gelbflossenthunfisch und Rinderfilet mit Tomatengnocchi und Kräuterjus genießen. Das Restaurant hat für Gourmets einen Flügel mit Terrasse angebaut, der seit dem 29. Mai geöffnet ist. Das Geschäft läuft nach der Corona-Pause wieder an, die Normalität scheint zurückzukehren – und doch haben wir das Gefühl, noch in der Natur zu sein. Liegt es an den intensiven Eindrücken des Ahrsteigs? Am Spätburgunder? Nein, es ist wohl eher der Oberkellner, der uns irritiert – mit seinem Vollvisier sieht er wie ein Imker aus.

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