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Wales : Das Dorf der gefallenen Häuser

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Mitten in Wales liegt das Dorf Portmeirion, das Werk eines autodidaktischen Architekten und Häusersammlers. Bild: Martin Glauert

In der Wildnis von Wales steht ein Ort, den es gar nicht geben dürfte: Portmeirion ist die Geschichte eines Lebenstraums.

          Verrückt!", war die knappe Antwort seiner Ehefrau, als Clough Williams-Ellis ihr seine große Vision offenbarte. Ausgerechnet hier, in der tiefsten Einsamkeit von Nordwales, wo Regen und Nebel den Fluss herauf treiben, sollte ein buntes Dorf entstehen, wie es noch nie jemand gesehen hatte. Ein Spinner, dachten fast alle, ein Exzentriker, an denen dieser abgelegene Landstrich so reich ist. Und doch sind die märchenhaften Phantasien des Architekten Wirklichkeit geworden. Vom Hügel aus öffnet sich der Blick über das breite Mündungsdelta des River Glaslyn bis zum Meer. An der Bucht liegt mitten im Wald eine Siedlung, die direkt aus Italien hereingeschwebt sein könnte. Ein Campanile reckt sich in den grauen Himmel, die Kuppel eines Doms leuchtet auf, dazwischen drängeln sich lauter bunte, mediterrane Häuser. Das ist Portmeirion, ein verspielter Traum aus Stein.

          Jahrelang hatte Clough Williams-Ellis in verschiedenen Ländern Europas nach dem geeigneten Ort für seine verrückte Idee gesucht. Als dieser Flecken 1925 zum Verkauf stand, schlug er zu. Für lächerliche fünftausend Pfund erwarb er das Gebiet, damals eine einzige Wildnis, lediglich am Ufer stand ein baufälliges Haus. Darin wohnte eine etwas seltsame, alte Dame allein im Kreis ihrer fünfzehn Hunde, denen sie regelmäßig aus der Bibel vorlas. Ihr düsteres Zimmer ist heute ein lichtdurchfluteter Raum mit türkisfarbenen Tapeten, Kommoden aus Kirschholz, Spiegeln und glitzernden Kronleuchtern, so leicht und verspielt wie ein Rokokoschlösschen. Die erste Tat des neuen Besitzers war es gewesen, das alte Haus in ein Hotel umzubauen. Denn von Anfang an war das gesamte Projekt als Zufluchtsort für stadtmüde Urlauber gedacht. Als das Hotel an Ostern 1926 eröffnete, funktionierte die Heizung nicht, es gab Probleme mit der Wasserleitung und der Küche. Trotzdem fanden die ersten Gäste die Lage und das Haus so schön, dass das Hotel schon bald regen Zulauf hatte.

          Die Ehefrau rechnete ständig mit dem Bankrott

          Daran hat sich seit fünfundachtzig Jahren nichts geändert. Vielleicht liegt es an dem verblüffenden Stilmix, der in jedem Raum neue Überraschungen bereithält. Vor dem großen Kaminfeuer in der holzgetäfelten Eingangshalle wärmen sich Wanderer auf, die Wappen an den Wänden und die große Harfe versetzen sie in ein mittelalterliches Herrenhaus. Nebenan liest man in Clubsesseln die Zeitung bei einer Tasse Espresso. Im aristokratischen Rokokozimmer findet heute eine Hochzeit statt, das Brautpaar in Frack und weißem Schleier gerät angesichts der herrlichen Aussicht auf die Flussmündung und die Hügel des walisischen Hochlandes am Horizont in Verzückung.

          Das Geld, das Williams-Ellis in den ersten Jahren im Sommer mit dem Hotel verdiente, tröstete seine Frau Amabel, die ständig damit rechnete, dass das ganze Experiment im Bankrott enden würde. Der Trost hielt allerdings nur kurz, denn im Winter gab Clough das Geld wieder aus, um neue Gebäude für sein langsam entstehendes Dorf zu bauen. Nur drei Monate hatte seine Ausbildung zum Architekten gedauert, bis der ebenso ungeduldige wie selbstbewusste junge Mann sein eigenes Büro eröffnete. Hier konnte sich der Autodidakt ungehindert austoben.

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