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Wales auf Dylan Thomas’ Spuren : Nackt vorbei an der Schenke

Das zweitbescheidenste Grab

Und erst recht das Gegenbild von Gossamer Beynon, die im Milchwald von Sindbad dem Seefahrer und den verbotenen Früchten der Liebe träumt: „Sie lodert nackt vorbei an der Seefahrerschenke, die einzige Frau auf dem Adamsapfel des Erdballs“, gesegnet mit berstender Begierde und Lenden, „die immer noch taufeucht sind vom ersten Hahnenschreigarten, wo Manna und Männertreu wachsen“. Und als wir aus der Kneipe schwanken, in die krähenschwarze Nacht von Laugharne hinaus, glauben wir tatsächlich den Schusterschatten von Jack Black zu erspähen, der sich davonschleicht, um „im Wald seinem Satan zu begegnen. Er schärft seine Nachtzähne, schließt seine Augen, steigt in seine frommen Hosen, deren Schlitz mit Schustergarn fest vernäht ist, und stapft hinaus, mit Fackel und Bibel bewehrt, grimmig und freudig in die Dunkelheit, die schon zu sündigen begonnen hat.“

Den kolossalen Erfolg seines Hauptwerks hat Dylan Thomas nicht mehr erlebt. Er starb kurz zuvor am 9. November 1953 während einer Lesereise in New York an den Folgen seines selbstzerstörerischen Lebens. „Ich hatte gerade achtzehn Whiskys, ich denke, das ist Rekord“, war sein letzter Satz. Begraben wurde er auf dem Friedhof von Laugharne, im Schatten einer grauschwarzen Kirche, um die sich grauschwarze Grabsteine scharen, manche windschief, manche umgestürzt, als seien sie Metaphern der Vanitas mundi, alle würdevoll verwittert, bedeckt von Moos wie von einem grünen Totenhemd und umrankt von Efeu wie von den blättrigen Fingern der Vergänglichkeit - ein geisterhaft verzauberter Ort wie ein Wirklichkeit gewordener Milchwald.

Dylans Grab ist das zweitbescheidenste auf dem gesamten Friedhof, in seiner Schlichtheit nur noch übertroffen vom morschen Holzkreuz eines gewissen Kenneth Richards, auf dem eine Zeile von alttestamentarischer Monumentalität aus Thomas’ Gedicht „Ceremony after a Fire Raid“ steht: „Your death grows through our hearts.“ An den Dichter selbst erinnert nichts als ein blütenweißes Kreuz mit seinem Namen auf der Vorderseite und dem von Caitlin auf der Rückseite, dazu ein Grabhügel voller Muscheln, Münzen, Miniaturteddybären als Liebesbekundungen und handgeschriebenen, kaum noch lesbaren Blättern in Plastikfolie. Vielleicht sind es selbstgeschriebene Gedichte, vielleicht auch Verse von ihm, vielleicht ist es sogar sein rätselhafter Abschiedsgruß an die Welt: „Love is the last light spoken.“ Alles drei hätte Dylan gewiss gefallen. Doch noch viel mehr würde er sich bestimmt über ein frisches Pint Ale auf seinem Sarg freuen.

Dylan Thomas und das Milchwaldland

Geburtshaus: Dylan Thomas House, 5 Cwmdonkin Drive, Uplands, Swansea; Anmeldung für Führungen oder Mietanfragen für das komplette Haus telefonisch unter 0044/1792/472555 oder im Internet unter www.dylanthomasbirthplace.com.

Worm’s Head: Die Felsformation in Drachengestalt liegt bei der Ortschaft Rhossili am Ende der Halbinsel Gower, wird vom National Trust verwaltet (www.nationaltrust.org.uk/rhossili-and-south-gower-coast) und ist von Swansea aus mit dem Auto in 45 Minuten zu erreichen.

Bootshaus in Laugharne: Dylan’s Walk, Laugharne, Telefon: 0044/ 1994/427420, www.dylanthomasboathouse.com. Von Anfang Mai bis Ende Oktober von 10 bis 17.30 Uhr geöffnet, sonst von 10.30 bis 15.30 Uhr. Eintritt 4,20 Pfund, Kinder 2 Pfund.

Pubs: Brown’s Hotel, King St, Laugharne, Tel.: 0044/1994/427688, www.browns-hotel.co.uk; Three Mariners, Victoria St, Laugharne, Tel.: 0044/1994/427426, www.newthreemarinersinn.co.uk.

Übernachten: Die schönste und stilvollste Unterkunft für Dylan-Thomas-Fans ist das Corran Resort & Spa unweit von Laugharne, das in aufwendig umgebauten Stallungen untergebracht ist und auch über ein Restaurant für gehobene Ansprüche verfügt („East Marsh“, Laugharne, Tel.: 0044/ 1994/427417, www.thecorran.com, Doppelzimmer ab 150 Pfund).

Literatur: Die autobiographischen Erzählungen Porträt des Künstlers als junger Hund sind im Fischer Verlag erschienen. Unter dem Milchwald gibt es als Taschenbuch bei Reclam und in verschiedenen Hörspielfassungen.

Allgemeine Informationen unter www.visitbritain.com, www.visitwales.de und www.dylanthomas.com. Die Reise wurde von Visit Britain und Visit Wales unterstützt.

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