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Waldbröl im Bergischen Land : Buddha zähmt den Größenwahn

  • -Aktualisiert am

Mit Baumringen in die Vergangenheit: Baumwipfelpfad durch den Naturerlebnispark Panarbora. Bild: Picture Alliance?

Jetzt herrscht Frieden in Waldbröl, diesem schiefergedeckten Städtchen im Bergischen Land. Doch es hütet ein Geheimnis, so dunkel und megaloman, dass ein Sonntagsspaziergang kaum ausreicht, um es zu verstehen.

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          Wir folgen dem gewundenen Weg hinter dem elefantengrauen Eingangstor und laufen dem Gesang entgegen. Zwischen den Tannen stehen dunkle Buddha-Skulpturen und kleine Schreine, ein Teich glitzert in der Sonne. Auf einer Lichtung singt ein Mönch in weinrotem Gewand ein Morgengebet, gelegentlich schlägt er eine mannshohe Glocke an. Sie hängt an Stahlseilen, die sich in den Himmel ziehen. Über dem Mönch türmt sich eine imposante Stupa neun Etagen hoch auf, ein archaischer Turm aus Granit und grobem Beton, merkwürdig kraftvoll und roh, zugleich offen und lichtdurchflutet. Die irritierende Wirkung rührt von den wuchtigen Säulen, die zu einem gänzlich anderen Zweck geschlagen wurden. Die Steinsäulen sollten die monumentale Eingangstreppe des nationalsozialistischen Erholungsheims „Kraft durch Freude“ stützen.

          Es wäre ein erdrückendes Treppenhaus geworden, das seine Gäste schon im Entree zu andächtigen Zwergen gemacht hätte. Doch das Gebäude wurde im Zweiten Weltkrieg nicht fertig, die gelieferten Säulen waren nutzlos und lagen jahrelang wie unbefriedete, leidvolle Geister der Vergangenheit herum – bis die Mönche aus Vietnam kamen. Sie kauften das sechs Hektar große Anwesen, errichteten das Europäische Zentrum für Angewandten Buddhismus und verwandelten die Säulen der düsteren NS-Architektur in ein himmlisches Heiligtum. Damit war der erste Turm in Waldbröl gebaut. Die Bürger staunten, der Turm stand und hielt. Und er wirkte, indem er die dumpfe Energie den Steinsäulen entzog, wie der Gründer des Zen­trums, Thich Nhat Hanh, bei der Einweihung versprach. Seitdem haben die Waldbröler neben ihren Kirchen eine in den Himmel ragende Stupa und eine Sorge weniger.

          „Vergessen Sie nicht ,Heil Hitler‘ zu sagen“

          Bleibt die Mauer, die Nazi-Mauer, hinter der eine Schule entstehen sollte. Sie ist beschämende siebenhundert Meter lang, ein Menetekel, eigentlich unübersehbar, aber zunächst nicht zu finden. In der Altstadt gibt es keinen Hinweis. Wir stehen im Zentrum des schmucken Ortes, drehen uns zwischen Fachwerkhäusern und Kindern, die als Bronzefiguren unter einem Schirm lachend dem Regen trotzen, und lesen auf der Tafel „Geschichtsstation“ Unverfängliches. Im Jahr 1894 gaben die Gemeindevertreter den Straßen Namen. Wir erfahren, in welchem Haus der Arzt Carl Venn zur Welt kam. Kein Satz zur düsteren Vergangenheit, auch die sonderbaren Glasvitrinen helfen nicht weiter. Eine ist leer, in der anderen liegt eine auf den Kopf gedrehte Holzkiste, Château Camensac, Grand Cru aus dem Jahrgang 2000. Die Mauer? „Den Berg hoch“, brummt ein Autofahrer, „dann rechts. Und vergessen Sie nicht ,Heil Hitler‘ zu sagen.“

          Thay Phap An, Direktor und Studienleiter, neben der großen Glocke des Klosters.
          Thay Phap An, Direktor und Studienleiter, neben der großen Glocke des Klosters. : Bild: picture-alliance

          Einfamilienhäuser, gepflasterte Einfahrten, gestutzte Vorgärten, die sich in den Hang ziehen. Nach wenigen Minuten sind wir am Ortsrand, an dem eine fette, noch morgenfeuchte Wiese den Berg hinaufwächst, bis sie an ein endloses Steinband stößt. Hier steht sie, die große Mauer, aufrecht, monströs und für die Ewigkeit aus Stein errichtet. „Nie wieder Krieg“ haben Bürger in den Achtzigerjahren in riesigen Lettern auf die Steine gepinselt. Die weiße Farbe hebt sich von der braunen Mauer ab, und obwohl der Schriftzug meterhoch ist, verliert er sich auf der Wand. Wir laufen über die Wiese, steigen am Ende hoch und wandern oberhalb der Mauer wie auf einer schnurgeraden Mole. Nur dass linker Hand kein Meer ist, sondern eine weite Landschaft mit baumbestandenen Hügeln, Wiesen und Weilern. Man kneift die Augen zusammen und öffnet sie wieder. Ein grünes Idyll, wie es auch dem englischen Romancier D. H. Lawrence gefiel, der in Waldbröl an seinem Roman „Söhne und Liebhaber“ arbeitete. Lawrence schätzte die Stille des Ortes. Fast englisch nannte er das Dorf, „auf eine zahme Art recht hübsch“. Ein Beschreibung, die auch heute noch zutrifft, wäre da nicht diese Mauer. „Keiner kommt klar“ ist mit einer Schablone darauf gesprüht.

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