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Waldbröl im Bergischen Land : Buddha zähmt den Größenwahn

  • -Aktualisiert am
Blick auf den Erlebnispark Panabora.
Blick auf den Erlebnispark Panabora. : Bild: picture-alliance

Hinter dem Architektenhaus, das heute einem Düsseldorfer Gymnasium als Landschulheim dient, schlängelt sich ein Waldweg hinab bis zum Friedhof. Ein Straßenschild weist auf Panarbora hin, den neuen Naturpark der Stadt. Doch erst fahren wir nach Rottland, um einen Blick auf das Gut zu werfen, das Robert Ley zu seinem Wohnsitz ausbaute. Die Pläne entwarf der Architekt Clemens Klotz, der seinem Namen mit dem kilometerlangen Erholungsheim Prora auf Rügen bereits alle Ehre gemacht hatte. Klotz baute für Rottland eine gewaltige Auffahrt mit einem noch gewaltigeren Eingangstor. Zwei hünenhafte Männer positionierte er Auge in Auge, einen SA-Mann, den man nach dem Krieg eilig aus dem Tor meißelte, und einen Sämann. Der Sämann fand Gnade und durfte bleiben. Er streut seitdem sein Korn ins Leere. Ley wollte Rottland zu einem Mustergut entwickeln. Das Kälberhaus geriet ihm hundert Meter lang, die Tiere blickten auf eine Holzvertäfelung. Eine Klärwerk war geplant, eine Windkraftanlage sollte tausend Kilowatt für die Gurkenzucht liefern. Vielleicht ist die Geschichte der ökologischen Landwirtschaft aber auch ein Mythos. Gesichert ist, dass sich auf Gut Rottland Leys Frau Inga erschoss. Man sagt, dass sie zur Pistole griff, als ihr Mann mit einer Geliebten aus dem Auto stieg. „Mein Führer“, soll Robert Ley bei ihrer Beerdigung gestottert haben, „nun haste mich wieder janz.“

Bild: lev

Wir wenden uns erfreulicheren Mythen zu und fahren hinunter zur Vierbuchermühle. Am Weiher der „Angelfreunde Customized Fishing“ beginnt Waldbröls schönster Wanderweg, der Waldmythenweg. Die Gräuel, die auf seinen Tafeln beschrieben werden, sind zur Freude der Wanderer nur Märchen. Wir atmen erleichtert durch und lesen von Kelten und Druiden, von Hexen und dem bösen Wolf. Dabei laufen wir durch stille Täler, steigen an einsamen Koppeln und zerzausten Höhen vorbei und erfahren staunend, dass zornige Titanen einst die Kontinentalplatten zerbrachen. Ihre Nachfahren waren Riesen, und sie waren von nicht minder zupackendem Elan. Sieben von ihnen gruben dem Rhein sein Bett. Als die Riesen ihre Schaufeln säuberten, fielen Erdklumpen herunter, von jeder Schaufel einer, so groß und mächtig, dass aus ihnen das Siebengebirge entstand. Mit einer Kurbel lässt sich neben der Tafel ein Erzähler aktivieren, der sich dröhnend durch den Wald lacht. Dreizehn Kilometer misst der Waldmythenweg, an dessen Scheitelpunkt ein aufgeständerter Pfad in die Baumwipfel führt.

Hier, im Naturpark Panarbora, erreichen wir den zweiten Turm, den Waldbröl gegen die Vergangenheit gebaut hat. Er wächst so resolut und energisch aus dem Wald heraus, als wolle er jeden Zweifel beseitigen, dass in Waldbröl hellere Zeiten angebrochen sind. Der Turm ist gewunden wie eine Doppelhelix, eine große, neues Leben spendende DNA, mit einer Spindel, die sich bis auf vierzig Meter in die Höhe schraubt. Oben angekommen, blicken wir zum Rhein und zählen die Gipfel eines Bergzugs, der sich wie ein Scherenschnitt in den Horizont stellt. Und erst als wir uns sattgesehen haben an Siebengebirge, Westerwald und Sauerland, fällt uns die Baumscheibe in der Mitte der Aussichtsplattform auf. An ihren Jahresringen ist markiert, was im Leben dieser Eiche alles geschah, und so lässt sich die ganze Geschichte noch einmal nachlesen, beginnend bei Napoleon, der das Großherzogtum Berg in Departements aufteilte, bis in die heutige Zeit.

Informationen: Waldbröls Naturpark Panarbora nimmt auf „Arbor“ für Baum und „Pan“, den Gott des Waldes, Bezug. Er liegt sechzig Kilometer östlich von Köln. Der Eintritt für Park und Baumwipfelpfad kostet 10,40 Euro, Kinder zahlen 6,90 Euro (www.panarbora.de). Der hier beschriebene Waldmythenweg ist als Streifzug 23 unter den bergischen Wanderwegen ausgezeichnet (www.bergisches-wanderland.de). Informationen zur wechselvollen Geschichte Waldbröls findet man unter www.waldbroel.de.

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