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Ausflugsfahrt : Weiß-blaue Käferstündchen

  • -Aktualisiert am

Ein Auto voller Macken, dennoch heiß geliebt: VW-Käfer als Cabriolet Bild: Margit Kohl

Er läuft und läuft und läuft: Ein Ausflug durch Oberbayern als Zeitreise in die Urlaubswelt der siebziger Jahre - unterwegs in VW-Käfern.

          Dies ist die Geschichte einer unverwüstlichen Liebe. Denn schon in seinen besten Zeiten war der VW-Käfer hoffnungslos veraltet. In kalten Wintern bekam man sein Inneres nie richtig warm, bei Wolkenbrüchen ließ er einen meist im Klammen sitzen, und vor jedem Urlaub stand man vor der Gewissensfrage, wer oder was dieses Mal zu Hause bleiben muss. So scheiterten Jahr für Jahr unzählige Familien beim Versuch, ihr Reisegepäck im Fahrzeug zu verstauen. Geliebt haben sie ihn trotzdem alle, ihren Käfer. Auch wenn sie es eigentlich längst hätten besser wissen müssen, schließlich hatte Heinrich Nordhoff, VW-Chef in der Nachkriegszeit, schon damals unverblümt behauptet, man baue mit dem Käfer ein Auto, das so viele Fehler habe wie ein Hund Flöhe. Doch trotz übler Nachrede ist der liebenswerte Straßenköter weltweit 21 Millionen Mal verkauft worden und hat eine große Fangemeinde bis heute.

          Wenn alle fünfzehn Käfer-Cabriolets im Innenhof des Münchner Oldtimer-Veranstalters Nostalgic für eine Ausfahrt aufgereiht sind, bekommen selbst Nichtautoliebhaber unter den Gästen leuchtende Augen. „Die meisten unserer Käfer stammen aus den siebziger Jahren. Da war die Technik am besten ausgereift“, sagt Gert Pichler, einer der Firmenchefs. Und wie man unverkennbar sehen kann, war seinerzeit auch die Autowelt wesentlich bunter als heute: Saturngelb, Senegalrot, Sumatragrün und passend zum Glitzer-Disco-Outfit jener Zeit auch jede Menge Metallic-Töne. „Wenn es ein ganz besonders heißgeliebtes Fahrzeug sein soll, dann wäre der Floridablaue genau der Richtige“, sagt Pichler. Hatte doch sein Vorbesitzer, ein IT-Experte aus Tampico in Illinois, die romantischsten Erinnerungen an seinen Wagen. Erst als seine neue Freundin irgendwann das Hochzeitsfoto ihres Liebsten mit der Ex-Frau im rosengeschmückten Käfer-Cabrio entdeckte, stellte sie ihn vor die Wahl: Er oder ich.

          Eine Auto ohne Extras

          Schon entschieden, den nehmen wir natürlich. Doch kaum hat man auf dem Fahrersitz Platz genommen, bekommt man schnell die nötige Bodenhaftung. Denn der Käfer ist ein Auto ganz ohne Extras: keine rückenschonenden Sitze, kein Navigationssystem, keine Servolenkung, keine elektronisch gesteuerten Außenspiegel oder Seitenfenster, und sämtliche Pedale wollen mit Nachdruck bedient werden. Aber dann, was für ein Sound, wenn fünfzehn Käferfahrer ihren Anlasser betätigen und dieses unverwechselbare Knattern der luftgekühlten Boxermotoren ertönt! An diesem Spaß dürfen dann auch sämtliche Passanten auf dem Weg durch München teilhaben, bis vor lauter In-die-Landschaft-Gucken die Orientierung schnell zur Herausforderung wird und man schon mal ein paar Ehrenrunden im Kreisverkehr dreht, bevor man sich der richtigen Abzweigung ganz sicher ist. Nur wo geht es danach weiter zum Irschenberg? Die Frage ist klar, der Weg ist es leider nicht.

          Sobald es um die exakte Orientierung geht, greift man am besten zum Roadbook, das einem der Veranstalter mangels Navi ins Auto gelegt hat. Diesen Routenplaner allerdings richtig zu lesen ist eine Philosophie für sich. Meistens erledigen das die Beifahrerinnen, oft unter dem Rumgemäkel ihrer männlichen Begleiter. Und so sind es dann ausgerechnet die Münchner, die sich verfahren und die Landstraße zum Irschenberg verpassen. Deshalb quält sich nun der Käfer auf der Autobahn mühsam die Steigung zum Irschenberg hinauf und wird bei Tempo achtzig von einem unbeladenen Laster mit lautem Gehupe überholt. Also bei der nächsten Ausfahrt lieber herunter von der Autobahn, dafür ist der Oldtimer nicht mehr gedacht.

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