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Adornos letzte Bergtour : Aber er wollte unbedingt wandern

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„Sie waren vierzehn Tage bei uns, hatten Halbpension“, erzählt Heidi Perren. „Sie waren das erste Mal in Zermatt und erzählten, dass sie schon immer mal kommen wollten.“ Sie blickt sich um, sagt: „Damals sah das alles hier noch anders aus. Die Teppiche, die Möbel, auch die Zimmer waren anders aufgeteilt. „Die Adornos blickten von ihrem Zimmer aus nicht aufs Matterhorn, sondern auf den Friedhof.“ Man braucht keinen übertriebenen Sinn für Symbolik, um hier kurz zu stocken.

Gastgeber und Herr des Hauses sei damals ihr Mann gewesen. „Der könnte ihnen mehr erzählen, der war ein Auskunftsbüro, auch was das Matterhorn betriff, aber er ist vor viereinhalb Jahren gestorben“, sagt die Seniorchefin. Adorno habe sich mit ihrem Mann über „alte Zeiten in Zermatt“ unterhalten, wollte alles wissen über den Ort und seine Berge. Sie sprachen wohl auch über die dramatische Erstbesteigung um den Engländer Edward Whymper und die Tragödie, die sich beim Abstieg ereignete: Ein Seil riss, und vier Männer stürzten in den Tod. Und vermutlich sprachen sie auch über die Bergführerlegende Ulrich Inderbinen, der Adorno vielleicht auch noch über den Weg gelaufen ist. Im Jahr 1900 geboren, also nur drei Jahre älter als Adorno, war Inderbinen in seinem Leben unglaubliche 371 Mal auf das Matterhorn gestiegen. Als er im Alter von 104 Jahren starb, so wird unter Bergführern erzählt, sei er morgens aufgestanden und habe gesagt: „Heute ist mein letzter Tag.“ Seitdem liegt er auf dem Friedhof gegenüber dem Hotel.

Das Ende der Reise: Gretel Adorno bei der Beerdigung ihres Mannes auf dem Frankfurter Hauptfriedhof, 13. August 1969

„Adorno ist mir vorgekommen wie Rockefeller“, resümiert Heidi Perren. Rockefeller sei eine Legende in Zermatt gewesen, die alle kannten. „Mit immer gleicher Kleidung und einer Flasche Wein für die Bergführer, die er mochte. In seiner Art, wie er sprach und aussah, hat mich Adorno an ihn erinnert.“ Er sei bei den Hotelgästen als attraktiver Diskussionspartner sehr beliebt gewesen. Wenn man sich all das vorstellt – das Charisma, der Zauberberg-hafte Auftritt, die Gespräche in der Lobby, die Gelehrtheit im Speisesaal –, lässt sich das nur schwer mit seinem baldigen Tod vereinbaren.

Die Bergtour, die sie vermutlich in den ersten Augusttagen unternommen hatten, trug allerdings beinahe suizidale Züge. „Die Frau hat noch gesagt, er habe Herzprobleme“, erinnert sich Heidi Perren. Und dass ein Arzt in Deutschland gesagt habe, er solle nicht in die Höhe gehen „,Zermatt geht schon, aber nicht höher‘, hat sie erzählt. Aber er wollte unbedingt wandern.“ Wandern und sich „der Sonne exponieren“, wie Adorno selbst einmal schrieb. Ungeachtet irgendwelcher Herzprobleme. Sie schaut ins Leere und sagt: „Das ist mir noch so geblieben.“

Mehr Gespräche im Speisesaal als alpine Touren

Warum sind die Adornos 1969 nicht nach Sils Maria ins Engadin gefahren? In den fünfziger und sechziger Jahren hat Adorno alle seine Geburtstage (am 11. September) in Sils Maria gefeiert und mehr als vierhundertzwanzig Tage dort verbracht. Im „Waldhaus“, in dem vor ihm auch Albert Einstein und Thomas Mann gastierten, traf er sich mit Herbert Marcuse und sprach mit ihm über Nietzsche, Walter Benjamin und Paul Celan. Die alpine Seenlandschaft des Engadins ist lieblicher, die Berge nicht so hoch wie im Wallis, und gerade die Gäste im „Waldhaus“ besinnen sich mehr auf intellektuelle Gespräche im Speisesaal als auf alpine Touren. Und wer doch wandert, der tut das für gewöhnlich zwischen 2000 und 2500 Meter, nicht auf 3000. Für ein krankes Herz ist das ein entscheidender Unterschied. Warum also 1969 plötzlich Zermatt und nicht Sils Maria? Abwechslung? Ausflucht? Todessehnsucht? Oder wollte er einfach nur das Matterhorn sehen?

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