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Abfahrt in Innsbruck : Tausend Meter Hochgefühl

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Ausblick von der Hafelekarspitze: Als unerlässlicher Härtetest, um in den Skifahrerkreisen Innsbrucks ernst genommen zu werden, gilt die Bezwingung der Hafelekarrinne. Bild: Picture-Alliance

Mit Skiern in einem Rutsch vom Hochgebirge bis an den Rand einer Großstadt: Das geht nur in Innsbruck – und ist für jeden Wintersportler ein berauschendes Erlebnis der Extreme.

          „A lässige G’schicht“ hat Michael Plattner unsere Idee genannt, auf zwei Brettern vom Hafelekar bis zur Hungerburg hinunter zu kurven: eine spektakuläre Abfahrt von 2256 auf 860 Meter, von der hochalpinen Felsregion zu den Streuobstwiesen am Stadtrand von Innsbruck. Plattner studiert Sport und arbeitet nebenbei als Skilehrer. Im Keller seiner Innsbrucker Wohnung stehen ein halbes Dutzend verschiedener Bretter zur Auswahl, nach Qualität aufgereiht. Die Skier für den heutigen Tag hat Michael Plattner ganz rechts aus der Sammlung genommen. „Um die ist es nicht schade“, sagt er. Was er damit meint, wird sich im letzten Teil des Ziehweges zeigen, der ganz unten am Parkplatz der Hungerburg endet. Schon weiter oben verraten ein paar Grasbüschel und von scharfen Skikanten gekappte Latschenzweige, wie dünn die Schneedecke dort ist. Dann überquert eine gestreute Teerstraße unsere Abfahrtsstrecke. Wir könnten aus den Bindungen steigen und die Skier schultern. Tun wir aber nicht, sondern stapfen mit angeschnallten Brettern über den Asphalt.

          Skifahren in den Bergen vor der Haustür gehört zum Lebensgefühl Innsbrucks, das in den Jahren 1964 und 1976 Austragungsort der Olympischen Winterspiele war. Im Süden der Tiroler Landeshauptstadt ragt der Patscherkofel empor, an dem Franz Klammer 1976 im Abfahrtrennen für Österreich die olympische Goldmedaille gewann. Die Nordkette mit dem Hafelekar erhebt sich direkt über den Dächern der Stadt. Am Kongresszentrum, dort, wo es nur wenige Schritte zur Hofburg, dem Goldenen Dachl und der Hofkirche sind, startet die Hungerburgbahn. Nach einer halben Stunde und zweimal umsteigen ist man ganz oben auf der Nordkette. Jeder Innsbrucker hat dort das Skifahren gelernt. Für die Stadtbewohner ist es ganz normal, am Morgen in voller Skimontur im Büro oder Uni-Hörsaal zu erscheinen. Die Abfahrt zwischendurch von der Nordkette gehört zu den altüberlieferten Riten. Als Maximum und unerlässlicher Härtetest, um in den Skifahrerkreisen der Stadt ernst genommen zu werden, gilt die Bezwingung der Hafelekarrinne. Und hier kommt Skilehrer Michael Plattner ins Spiel.

          „Es hat hier schon Schlägereien um die besten Tiefschneehänge gegeben“

          Um neun Uhr früh treffen wir uns in Hungerburg, einem exklusives Wohnviertel und zugleich dem Ausgangspunkt der Luftseilbahn zur Seegrube. Mit ihrem geschwungenen, an Schneewehen erinnernden Dach stellt die Bahnstation, entworfen von Zaha Hadid, einen starken Kontrast zu den umliegenden Häusern dar. Deren hölzerne Fassaden sind von Schnitzbalkonen und Erkern verziert. Während wir über Fichtenwipfel bergauf schweben, lichtet sich der Hochnebel über Innsbruck. Auf der Seegrube strahlt die Sonne, keine Wolke bedeckt den Himmel. Ringsum klappern Skilifte, Richtung Norden türmen sich nadelspitze, schneebestäubte Felszacken auf. Die Hänge glitzern, über Nacht hat es ein wenig Neuschnee gegeben. Noch ist hier kaum Betrieb, so dass wir die ersten Schlangenlinien auf die Pisten malen.

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          „Auf geht’s!“, ruft Michael Plattner und kurvt in weiten Schwüngen links der Seilbahnstation hinunter. Wir folgen ihm dicht auf den Fersen. Uns ist klar, dass es jetzt um eine Art Eignungsprüfung geht. „Wir tasten uns langsam an immer schwierige Hänge heran, an Buckelpisten und dann an unpräpariertes Gelände“, sagt der Skilehrer. Unter den Brettern schabt und kratzt es, wir haben eine perfekte Unterlage, griffigen, nicht zu weichen und nicht zu harten Naturschnee. Nur selten müssen wir die Oberkörperhaltung korrigieren, weil sich die Bretter an den Beinen selbständig gemacht haben. Mit einem verstohlenen Blick auf Plattner versuchen wir herauszubekommen, ob es dafür Minuspunkte gibt, werden aber aus seiner Miene nicht schlau.

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