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Traditionell besuchen viele Touristen aus Saudi-Arabien den Gletscher Kitzsteinhorn in der Nähe von Zell am See. Bild: Picture-Alliance

Vollverschleierungsverbot : Na servus, Zell am See

Südlich von Salzburg erwartet man gespannt die erste Sommersaison nach der Einführung des Vollverschleierungsverbots in Österreich. Werden die arabischen Touristen nun ausbleiben?

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          Die beiden Stockenten gleiten träge auf dem Wasser in Richtung des Ufers, mehr oder weniger synchron mit dem Tretboot, in dem sich ein paar Meter versetzt eine Kleinfamilie abmüht. Hinter ihnen dräuen Wolken über dem Salzachtal, wo es nach Süden in die Hohen Tauern geht. Sommerschwüle am Zeller See. Ein kräftiger Regenguss steht kurz bevor. Einen Tag darauf wird wieder strahlendes Sonnenwetter herrschen.

          Christian Meier
          Politischer Korrespondent für den Nahen Osten und Nordostafrika.

          Im Gartencafé des „Grand Hotel“, dessen herrschaftlicher Gründerzeitbau die Zeller Altstadt dominiert, gibt man sich in aller Gelassenheit dem frühsommerlichen Nichtstun hin. Gerade ist noch keine Hochsaison, alles ist wie immer. Oder eben gerade nicht wie immer? Ein Paar Araberinnen huschen durch den Garten zur Uferpromenade. Ihre schwarzen Umhänge fallen in der Menge der übrigen Touristen auf. Das wird zur Hochsaison anders sein. Vor allem im Juli und August ist die kleine Gemeinde im Salzburger Land ein beliebtes Urlaubsziel für Touristen aus den Golfstaaten. Dann wird Zell am See zu „Silamsi“, so die Schreibweise des Ortsnamens in den arabischsprachigen Broschüren, die hier überall ausliegen; dann verwandelt sich der beschauliche österreichische Urlaubsort, gemäß dem gerne wiederholten Kalauer der Zeitungen, in „Gaudi-Arabien“. Traditionell gekleidete arabische Familien, Frauen mit Gesichtsschleier beherrschen das Stadtbild und bringen auch so manche ihrer Sitten und – wie einige Einheimische finden – Unsitten mit.

          Zell am See und die Araber, das ist längst eine komplizierte Geschichte, mit Höhen und Tiefen – und einer neuerdings unsicheren Zukunft. Seit gut einem Jahrzehnt kommen die Touristen aus dem Mittleren Osten in den Pinzgau. Vor allem aus Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Auch wenn längst nicht alle Bewohner dieser Staaten dem Klischee des Ölscheichs entsprechen, bringen sie viel Geld mit; das fanden die meisten und finden nach wie vor viele in Zell am See gut. Der durchschnittliche arabische Tourist gebe am Tag ungefähr doppelt so viel Geld aus wie ein Urlauber aus Deutschland, heißt es: etwa 250 Euro. Viele Geschäfte haben sich auf die Klientel eingestellt, mit arabischer Beschilderung und Halal-Essen.

          Ein Postkartenidyll: Zell am See am Zeller See
          Ein Postkartenidyll: Zell am See am Zeller See : Bild: Picture-Alliance

          Die Tourismusplaner von Zell am See beförderten das Werben um Urlauber aus dem arabischen Markt lange Zeit aktiv. Mit Erfolg: „Die arabischen Länder sind der Herkunftsmarkt mit dem stärksten Wachstum in Österreich in den vergangenen fünf Jahren und gewinnen stetig an Marktanteil hinzu“, sagt Johanna Klammer von der Zell am See-Kaprun Tourismus GmbH. Im Sommer 2017 machten Besucher aus Saudi-Arabien und den Emiraten zusammen mehr als 17 Prozent der Übernachtungen aus. Zählt man die Gäste aus weiteren arabischen Ländern hinzu, waren es sogar mehr als 29 Prozent – damit lagen die Araber vor Deutschland, das mit rund 28 Prozent der Übernachtungen der stärkste ausländische Einzelmarkt ist. In absoluten Zahlen gesprochen, kamen zwischen November 2016 und Oktober 2017 rund 102.000 Urlauber aus dem arabischen Raum in die Region Zell am See-Kaprun. Im Schnitt verbrachten sie dort etwa vier Nächte. Zell am See hat am Golf inzwischen einen solchen Ruf, dass es sogar einen – überschaubaren – Urlaubstourismus aus der Region in das deutsche Zell an der Mosel gibt, der auf einer Namensverwechslung beruht.

          Zurück nach Österreich: Was die Araber an Zell und am Zeller See, der malerisch zwischen dem Alpenhauptkamm und den Berchtesgadener Alpen gelegen ist, finden, lässt sich in wenigen Worten zusammenfassen: das Blau des Wassers, das Grün der Wiesen und der bewachsenen Schieferalpen, das Weiß auf den Gipfeln der Hohen Tauern. Paradiesisch, dieses Wort fällt immer wieder in den Beschreibungen und Werbebroschüren.

          Ein Polizist spricht in Zell am See eine verschleierte Frau an.
          Ein Polizist spricht in Zell am See eine verschleierte Frau an. : Bild: Picture-Alliance

          Der Emir von Abu Dhabi soll das Bild einst geprägt haben: „Ich habe das Paradies gefunden“, sagte er angeblich, nachdem er den Sommerurlaub im etwas weiter südöstlich gelegenen Bad Hofgastein verbracht hatte. Das fand offenbar Anklang am Golf: Wenn im Sommer die Temperaturen auf der Arabischen Halbinsel ins Unerträgliche steigen, reisen die Bewohner der dortigen Länder von jeher gerne in gemäßigtere Regionen. In den österreichischen Alpen finden sie ein erquickendes Klima, eine Landschaft, die den Darstellungen kitschiger Bergseefolklore entspricht, die in vielen arabischen Wohnstuben an der Wand hängen, und nicht zuletzt den nötigen mitteleuropäischen Komfort. Und Spaß dazu, wenn sie in der „Ice Arena“ auf dem nahen Kitzsteinhorn auf mehr als 3000 Metern Höhe sommers im Schnee herumtollen. Wie man sich einen gelungenen Familienurlaub halt vorstellt.

          Wo sich Kulturen treffen

          Die österreichischen Gastgeber sind indessen schon seit mehreren Jahren nicht mehr wirklich entspannt angesichts der großen Zahl arabischer Gäste. Hört man sich um, so wird schnell deutlich, wie gespalten die lokale Bevölkerung ist. „Die Araber passen einfach nicht zu unsereiner“, heißt es von der einen Seite. „Ohne die arabischen Touristen wäre Zell am See tot“, erwidert die andere Seite. Das Thema ist heikel.

          Das gilt zumal, seit es 2014 zu einem Eklat um eine Broschüre kam, die das Tourismusamt herausgegeben hatte und die Verhaltensregeln für die arabischen Besucher enthielt. Der Titel lautete treffend: „Where Cultures meet“ – wo sich Kulturen treffen. Nach einer blumig formulierten Einleitung folgten auf mehreren Seiten auf Arabisch und Englisch Ausführungen zu „österreichischen und europäischen Traditionen“, um deren Einhaltung man die Gäste bat. Nicht im Hotelzimmer kochen, sich im Auto anschnallen, in Geschäften nicht den Preis verhandeln, solche Dinge. Aber auch der Hinweis, dass manche Hotels „das Tragen europäischer Kleidung vorschreiben“. Die Farbe Schwarz sei hierzulande die Farbe der Trauer, hieß es in derselben Passage, man möge doch lieber farbenfrohe Kleider und Schals tragen. Außerdem entspreche es der hiesigen Kultur, dem Gegenüber sein Lächeln nicht vorzuenthalten. Sprich: keinen Gesichtsschleier zu tragen, wie er am Golf bei vielen Frauen üblich ist.

          Nach Protesten wurde die Broschüre eingestampft. Teile des Ortes sind seither aber von einer spürbaren Nervosität befallen. In der Zell am See-Kaprun Tourismus GmbH heißt es inzwischen, dass man Fragen zu den arabischen Touristen nur schriftlich beantworte; die Werbung im arabischen Raum haben die Tourismusplaner mittlerweile eingestellt. Und im „Grand Hotel“, das in der Sommersaison stets eine große Zahl arabischer Urlauber beherbergt, will man sich zu dem Thema gar nicht äußern.

          Die Leute sagen durchaus etwas – aber oft nur anonym. Die junge Kellnerin eines gehobenen Restaurants, die aus einem Dorf in der Umgebung stammt und seit fünf Jahren in Zell am See arbeitet, berichtet von ganz unterschiedlichen Erlebnissen: Da gebe es den Scheich mit den drei Ehefrauen, aber auch junge, offene Araber, die Interesse an der österreichischen Kultur hätten und im Restaurant „selbst für Österreicher ungewöhnliche Speisen“ probierten. Andere benähmen sich nach wie vor unmöglich. Im Restaurant weise man solche Gäste inzwischen umstandslos ab, sagt sie: „Wenn die hier reinkommen und so mit den Fingern rumschnippen und laut sind, dann bitten wir die gleich, woanders hinzugehen.“

          Mundschutz statt Burka

          Müll, der aus Autofenstern geworfen oder einfach irgendwo herumliegen gelassen werde, ist immer wieder Gegenstand von Kritik. „Mistkübel kennen die da wohl nicht“, sagt einer, ein Bergsteiger, mit Blick auf die Golfaraber abfällig. Auch das Verkehrsverhalten der Araber schaffe regelmäßig Probleme, heißt es von vielen.

          Ach ja, das Verkehrsverhalten, meint Sabine Hörl, die Chefin des „Romantikhotels“. Das sei doch alles halb so schlimm. „Vielleicht laufen die auf dem Fahrradweg, aber dann sagt man das denen halt ein Mal, und es ist gut.“ Auch ansonsten plädiert die 51-Jährige für Maßhalten bei geordneten Verhältnissen. Das hält sie auch im eigenen Haus so: „Bei uns gab es noch nie Probleme mit verwüsteten Zimmern“, spricht sie eine verbreitete Klage an, „aber bei uns wird auch jeden Tag zumindest ein Mal in jedes Zimmer geschaut.“ Im Übrigen, merkt sie an, seien es vor allem deutsche Gäste, die sich durch die Araber gestört fühlten. Dabei solle man die Leute nicht danach beurteilen, wie sie aussehen: „Ob einer Muhammad heißt oder wie auch immer, ist mir egal, solange er sich an die Regeln hält.“

          Das mit dem Aussehen und Sich-an-die-Regeln-Halten könnte Zell am See in diesem Sommer noch vor eine besondere Herausforderung stellen. Seit dem 1. Oktober 2017 gilt in Österreich ein Verbot der Gesichtsverhüllung. In den ersten sechs Monaten danach wurde nach Angaben des Magazins „Profil“ lediglich vier Mal Anzeige wegen des Tragens einer „Burka“ erstattet – allerdings vier Mal gegen dieselbe Person. Freilich: Die große Zahl der arabischen Touristen kommt erst jetzt, nach dem Ende des Ramadans, nach Österreich. Was das für Zell am See bedeutet, darüber ist man sich im Ort unsicher. Im Tourismusbüro erwartet man „geringe bis gar keine Auswirkungen“ des neuen Gesetzes. Die Kellnerin aus dem Restaurant wünscht sich indessen, dass es anders kommt: „Ich hoffe, dass es wieder weniger Araber werden und dafür mehr Deutsche.“ Von Problemen aufgrund des „Burkaverbots“ hat sie allerdings noch nicht gehört. Viele würden ihren Gesichtsschleier wohl einfach abnehmen, sagt sie – „und die anderen bleiben hoffentlich weg“.

          Sulaiman, der Inhaber eines kleinen türkisch-arabischen Supermarkts in Zell am See, befürchtet genau das. „Ohne die arabischen Touristen würde es Zell nicht mehr geben“, sagt er. Klar, die Leute beschwerten sich, „aber wenn die Araber wegbleiben, würden die anfangen zu weinen“. Was den Gesichtsschleier betrifft, so habe eine arabische Kundin letztens gefragt, ob er Hygiene-Mundschutze verkaufe; man habe ihr gesagt, mit einem solchen könne sie ihre Glaubenvorschriften erfüllen, ohne das Gesetz zu verletzen. Prompt hat Sulaiman weiße Mundschutzmasken ins Sortiment aufgenommen. Einem arabischen Kunden, der gerade im Laden ist, erläutert Sulaiman die Gesetzeslage in Österreich. Der Tourist ist nicht sonderlich beunruhigt – „das interessiert mich nicht“. Nachdem er den Laden verlassen hat, sagt Sulaiman, so seien viele der arabischen Touristen eben: „Sie sagen, dann zahle ich halt die paar hundert Euro Bußgeld.“ Ob er mit den Mundschutzen ein gutes Geschäft machen wird in diesem Sommer, ist für Sulaiman noch nicht abzusehen.

          Der Weg nach Zell am See

          Anreise

          Mit dem Flugzeug nach München oder Salzburg und von dort mit dem Auto ab München etwa 2,5 Stunden und ab Salzburg 1,5 Stunden, entweder über die Tauernautobahn (eine Autobahnvignette für zwei Monate kostet etwa 27 Euro) oder über das „Deutsche Eck“. Mit dem Zug bis Bahnhof Zell am See, einfache Fahrt ab Salzburg für etwa 16 Euro.

          Unterkunft

          Etwa eine Viertelstunde zu Fuß vom See entfernt liegt das komfortable Wellnesshotel „Mavida & Sport“, DZ für zwei Personen im Juli ohne Frühstück für etwa 140 Euro. Dichter dran im Vier-Sterne-“Grand Hotel“ Zell am See, DZ im Juli etwa 350 Euro mit Frühstück.

          Restaurants

          Gutes Schnitzel wird im Restaurant „Steinerwirt“, Dreifaltigkeitsgasse 2, serviert. Weitere Informationen unter www.zellamsee-kaprun.com.

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