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Via Regia : So vergänglich ist aller Ruhm der Welt

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Alles sieht so alt aus: Görlitz, das größte zusammenhängende Flächendenkmal Deutschlands. Bild: dpa

Im Mittelalter war sie die längste Handelsstraße Europas. Heute ist sie manchmal nicht mehr als ein Feldweg – und atmet trotzdem noch immer Geschichte: Ein kleines Stück auf der Via Regia von Görlitz nach Bautzen.

          10 Min.

          Wir sitzen bei polnischem Bier in Zgorzelec und betrachten die Silhouette von Görlitz gegenüber auf der deutschen Seite. Zwischen den beiden Ufern schießt das Hochwasser der Neiße in einer brüllenden Walze über das Wehr. Und darüber, am Steilufer, faltet sich wie ein gewaltiger Scherenschnitt die Kirche St. Peter und Paul mit ihren beiden Spitztürmen und unzähligen Fialen vielzackig vor dem pfirsichfarbenen Abendhimmel auf, in den letzten Sonnenstrahlen erglühend wie auf einem Gemälde von Caspar David Friedrich. Neben ihr versinkt das Waidhaus mit seinen über die Fassade tanzenden Fensterhöhlen im Abenddunkel, das älteste profane Gebäude der Stadt, im Mittelalter Stapelhaus für die Tuchfärberpflanze Waid, diesen sündhaft teuren, leuchtend blauen Farbstoff, der den Kaufleuten von Görlitz einst unermesslichen Reichtum brachte.

          Über die Neiße schwingt sich in elegantem Schwung die neue Altstadtbrücke als Ersatz für die mittelalterliche Steinbrücke, die in den letzten Kriegstagen von den abziehenden deutschen Truppen gesprengt wurde, um den Vormarsch der Roten Armee zu stoppen. Vergeblich. Dort, wo heute über die Brücke die Polen von Ost nach West kommen, um in Görlitz zu arbeiten, und die Deutschen von West nach Ost fahren, um in Zgorzelec billige Zigaretten und Alkohol zu kaufen, überquerte im Mittelalter die Via Regia, aus den Weiten Polens von Krakau her kommend, den breiten Fluss. Sie ist eine uralte Verkehrs- und Handelsstraße, erstmals als „strata regia“ 1252 in einer Urkunde des Markgrafen Heinrich von Meißen erwähnt. Die Via Regia stand unter besonderem Friedensschutz des Königs, war im Mittelalter die längste Handelsstraße Europas und führte von Kiew bis Santiago de Compostela. Auf ihr ritten Könige, Feldherren und Kaufleute und wanderten die Jakobspilger zum Grab ihres Heiligen.

          Nach der Wende wachgeküsst

          Im 19. Jahrhundert aber, nach der Neuordnung Europas durch Napoleon, erlosch ihre Bedeutung. Sie geriet in Vergessenheit und ist erst vor einigen Jahren als „Ökumenischer Pilgerweg“ wiedererweckt worden, der auf einer Länge von 450 Kilometern durch Sachsen und Thüringen von Görlitz über Bautzen, Leipzig und Erfurt bis nach Eisenach führt – durch einsame Natur, historische Städte, alte Kulturlandschaften und ein bedeutendes Stück deutscher Geschichte. Wir beginnen unseren Weg in Görlitz, werden dann durch die Oberlausitz und das Land der Sorben wandern und lassen ihn nach drei Tagen in Bautzen an der Spree enden, immer auf der Suche nach den Spuren der alten Königsstraße.

          Görlitz wurde im Krieg kaum zerstört, obwohl es direkt an der Ostfront lag. Die DDR ließ es in einem Dornröschenschlaf elend herunterkommen. Es überlebte unberührt die Umbauten, Abbrüche und Veränderungen der Nachkriegsmoderne und des Realen Sozialismus und erwachte nach der Wende wie wachgeküsst, ein unzerstörtes Kleinod seiner spätgotischen, barocken und Renaissance-Vergangenheit, das steinerne Museum einer siebenhundertjährigen Architekturgeschichte. Da fast alles so geblieben ist, wie es vor dem Krieg war, brauchte es nur, mit Mühe und viel Geld zwar, restauriert, gestrichen, lackiert und goldbeschichtet zu werden, um wie ein Phönix aus der Asche aufzusteigen.

          Alles ist alt, oder sieht zumindest so aus

          Die ganze Stadt ist ein einziges Architekturmuseum, scheinbar vergessen vom Getriebe der Welt und der Neuzeit, ein Flanierort mit gewundenen Straßen und Gassen, verschwiegenen Plätzen und Durchgängen, mit altertümlichen Kramläden, romantischen Hotels und Weinstuben in alten Höfen. Es ist, als sei man durch eine Tür eingetreten in ein verzaubertes Gestern, als blicke man zurück in die Vergangenheit einer schönen und reichen Stadt, die sich nie verändert hat und heute wirkt wie eine Theaterdekoration, die nie abgeräumt worden ist. Man hat das Gefühl, man schlendere umher auf der Suche nach der verlorenen Zeit und habe sie auf einmal wiedergefunden.

          Görlitz ist das größte zusammenhängende Flächendenkmal Deutschlands und besitzt viertausend unter Denkmalschutz stehende Häuser, mehr als jede andere Stadt im Land. Es hat eine der am besten erhaltenen Altstädte Mitteleuropas und zeigt lückenlos die Entwicklung der Baukunst vom 13. bis zum frühesten 20. Jahrhundert. In Görlitz ist alles alt, oder es sieht zumindest so aus. Die Straßen sind gepflastert mit den alten gewölbten Granitsteinen, die Dellen und Sprünge haben vom Lauf der Zeit. Und wenn man ganz still ist, meint man, die schweren hölzernen Fuhrwerke sechsspännig die Straßen hinaufholpern zu hören, von peitschenknallenden Knechten begleitet, hochbeladen mit ihrer wertvollen Fracht, Tuche aus Flandern, Pelze, Wachs und Honig aus Russland, Weine aus Ungarn und mundgeblasenes Glas aus Böhmen. Knarrend öffnen sich die riesigen Tore und lassen die Wagen in verborgene Innenhöfe hinein, in denen Knechte die Reichtümer in die Lagerhallen und Keller tragen.

          Die Kirche St. Peter und Paul, von polnischer Seite über die Neiße hinweg gesehen.
          Die Kirche St. Peter und Paul, von polnischer Seite über die Neiße hinweg gesehen. : Bild: Matthias Lüdecke

          Stündlich fällt die Kinnlade herab

          Jenseits der ehemaligen Festungsmauer strebt die Via Regia auf der heutigen Neißstraße in die Altstadt zum Untermarkt hinauf. Nach den ersten Häusern öffnet sich ein Vorhang und gibt den Blick frei auf eine barocke Theaterbrücke, auf der Schein und Wirklichkeit verschwimmen. Wie eine Opernkulisse staffelt sich Prunkfassade auf Prunkfassade, ist ein Portal größer und breiter als das andere, tragen korinthische Säulen Architrave und Archivolten über schweren dunkelbraunen geschnitzten Toren, zeigen Kartuschen den vergoldeten Namen und das Wappen ihres Besitzers, tragen Engel und Atlanten geschwungene Zierbalkone, schwingen sich Gipsgirlanden mit exotischen Früchten an Fassaden entlang – eine Parade der Eitelkeiten, mit der die Görlitzer Kaufleute ihren immensen Reichtum zur Schau stellten.

          Der Untermarkt ist eine Schaubühne des Mittelalters. Man denkt, dass er gerade erst fertiggestellt worden ist, so neu sieht er aus, und erwartet jeden Moment reich gekleidete Händler in ihren Pumphosen und ihre Damen mit spitzen Schleierhüten zu einem festlichen Auftritt. Die Kulisse steht schon bereit: der Schönhof mit seinem ziegelroten Erker, das älteste Renaissance-Bürgerhaus Deutschlands; der ungarische König Matthias Corvinus, zu dessen Reich Görlitz im frühen sechzehnten Jahrhundert gehörte, brachte Renaissance-Baumeister und -Künstler von Budapest hierher. Und gegenüber prunkt das Alte Rathaus mit seiner geschwungenen Ratstreppe und der Justitia mit verbundenen Augen und Schwert und Waage auf luftiger Säule. Auf sie blickt stolz und herrisch der Ungarnkönig aus seinem steinernen Wappen in der Turmwand. Der Höhepunkt aber ist die Doppeluhr am Rathausturm von Bartholomäus Scultetus, von der die obere eine Mondphasenuhr ist, die untere einen Zwölf- und Vierundzwanzigstundenkreis um einen Männerkopf im Zentrum beschreibt, den „sprechenden Bürgermeister“ – kein geringerer als der Astronom und Bürgermeister Scultetus selbst, dessen untere Kinnlade zu jeder Stunde herunterfällt, sehr zur Gaudi der Touristen, die schon in Scharen auf den denkwürdigen Moment warten.

          Wo die königliche Straße zum Feldweg wird

          Noch lange begleitet uns der Vulkanfelsen der Landeskrone, des Hausberges von Görlitz, wie eine aus den Weizenfeldern aufgewölbte Kuppel mit der strahlend weißen Knospe der ehemaligen slawischen Burganlage. Nach so viel aufregender Geschichte atmen wir auf und fühlen die Ruhe der stillen Landschaft. Wie die Wellen eines erstarrten Meeres rollt das Land bis zum Horizont und den Hügeln der Lausitzer Berge. Die Felder sind endlos, nur ab und an durch die Furche eines schmalen Tals zerschnitten. Kleine Buckel mit hohen Bäumen schwimmen wie Inseln in dem Feldermeer. Der Kiesweg führt schnurgerade immer nach Westen, quer durch die Felder, rechts wächst Weizen, links Gerste, später ist es Mais und Raps. Stunden ziehen wir an diesen Feldern vorbei. Dies ist dünn besiedeltes Land, das die Leere und Weite des Ostens ahnen lässt. Durch die sozialistische Landwirtschaft der DDR sind die ehemaligen kleinteiligen Felder der einzelnen Bauern beseitigt und zu weiten Monokulturen geworden. Schön für das Auge ist es, ungehindert über diese Landschaft zu schweifen, ungebremst durch Zäune, Hecken und Wege. Nur ab und an zerstören die zerfallenen Baracken ehemaliger Kolchosen das Bild dieser Bilderbuchlandschaft.

          Nun sind wir wieder auf der Via Regia, auf der einst Napoleon, Friedrich der Große, die Schweden und die Sachsen mit ihren Heeren gezogen sind. Jetzt ist sie zu einem Feldweg geworden, jetzt tuckern auf ihr nur noch die Bauern mit ihren Traktoren und laufen die Pilger auf Wanderschaft. Sic transit gloria mundi. Wenige Orte liegen in dieser Monotonie, Dörfchen mit eingeschossigen Häusern, Haufendörfer, kreuz und quer dahingewürfelt um den Dorfteich, in dessen Schilf die Enten Fangen spielen. Die Straße windet sich wie eine Schlange hindurch, es gibt keine Gaststätten, keinen Laden, noch nicht einmal einen Markt mit einer Kirche. Vor den Häusern liegen Bauerngärtchen hinter windschiefen Lattenzäunen, die eine Hälfte mit den Gewächsen des Küchengartens, die andere mit bunt leuchtenden Blumen wie auf einem Gemälde von Monet.

          Stille Trauer im Sorbendorf

          In Nebelschütz, Njebjelčicy, hat man unterhalb der Kirche ein altes Sorbendorf rekonstruiert, mit den weiß gestrichenen, strohbedeckten Katen, deren Dächer fast bis zum Boden reichen, von grüner Wiese umgeben und von kleinen Kanälen umflossen, umzäunt von einer Palisade, in die ein strohgedecktes Tor Einlass gewährt, überragt von gekreuzten Balken mit geschnitzten Schlangenköpfen am Ende. So, genauso, haben die Dörfer, durch die wir auf unserem Weg gegangen sind, vor gar nicht langer Zeit wohl ausgesehen. Die Kirche blickt von einem Hügel auf das Dorf hinab, schneeweiß, mit einem Zwiebelturm wie in Oberbayern, darum herum der Friedhof hinter einer Feldsteinmauer mit uralten, schrägen Grabsteinen. Am anderen Ende das „Schloss“, der Gutshof des ehemaligen Junkers, ebenfalls schneeweiß, von einem algengrünen Wassergraben umflossen, inmitten eines Parks mit riesenhaften Bäumen.

          Wieder haben wir das Gefühl, in eine längst vergangene Zeit hinabgetaucht zu sein, einen ländlichen, unberührten Zauber zu erleben, den der Westen schon längst verloren hat, durch ein Bilderbuch zu wandern, das uns an die Vergangenheit unseres Landes erinnert. Das Land ist stehengeblieben, erstarrt in der Zeit zwischen den beiden Kriegen, eine stille Trauer liegt darüber, der verhaltene Reiz einer Landschaft, wie sie einmal war, vor den Zerstörungen und Veränderungen unserer Zeit.

          Eine Kultur, älter als die unsere

          Wir sind nun im Land der Sorben, diesem alten westslawischen Volk, das hier schon vor der Besiedlung durch die Germanen seit dem fünften Jahrhundert ansässig war, im Zuge der Völkerwanderung aus der Gegend nördlich des Kaukasus in den Westen gezogen, ein Volk, geboren in den Sümpfen Russlands. Heute leben noch sechzigtausend Sorben in Sachsen und dem südlichen Brandenburg. Im deutsch-sorbischen Kernland beträgt der Bevölkerungsanteil immerhin zwölf Prozent. Sie sind als Minderheit anerkannt, ihre Rechte sind in den Landesverfassungen geregelt: das Recht auf Bewahrung ihrer nationalen Identität, Sprache, Religion und Kultur. Im Kerngebiet ist alles zweisprachig beschildert. Der Ort Weißnaußlitz heißt Běłe Noslicy, die Lausitzer Straße Luzyska Droga. Auf den Kirchen und Rathäusern liest man in Stein gemeißelt sogar noch die alten Namen in sorbischer Sprache. Sie haben eine eigene Nationalhymne, die Rjoana Lusitza, die „Schöne Lausitz“, eine Nationalflagge in den panslawischen Farben Blau-Weiß-Rot, eine eigene Tageszeitung, „Serbske Nowini“, die „Sorbische Zeitung“, und sogar eigene Rundfunksendungen. Im 14. und 15. Jahrhundert bildeten die Sorben hier die Hälfte der ländlichen Bevölkerung. Das erste gedruckte Werk in sorbischer Sprache war Luthers „Gesangbuch“ 1574, gefolgt von seinem „Kleinen Katechismus“ 1597. Man spürt, dass in diesem Land eine andere, ältere Kultur vor der unseren war. Es ist wie ein leises Raunen, das man nicht hört, aber tief im Inneren ahnt.

          Bautzen ist die Hauptstadt des Sorbenlandes, 1002 erstmals urkundlich erwähnt als Budisin civitatem, und es ist die ungleiche Schwester von Görlitz. Görlitz war eine Händler- und Kaufmannsstadt auf flachem Land an der Neiße, Bautzen eine Ritterstadt auf hohem Felssporn über der Spree, ein Bollwerk gegen den ständig herandrängenden Feind. Über dem Tal des schmalen Flusses, der sich zwischen Uferwiesen und den Häusern der Unterstadt windet und mit schäumenden Strudeln am Wehr hinter der Scharfenbergbrücke verschwindet, türmt sich Mauer um Mauer, Befestigung um Befestigung wie eine gewaltige Treppenanlage zu einer uneinnehmbaren Festung, auf deren Spitze ein Rundturm gutmütig ins Tal hinabschaut, mit einem kecken weißen Zipfelhut, umwunden mit einem lustigen Kranz aus roten Arkaden.

          Der Frosch in der Wasserleitung

          Das ist die Alte Wasserkunst, das Wahrzeichen Bautzens, über die man sich folgende Geschichte erzählt: „Wegen der Anlage der Stadt auf dem hohen Felssporn konnten im 15. Jahrhundert die vorhandenen Brunnen die Wasserversorgung der aufblühenden Stadt nicht mehr gewährleisten. So wurde der Franziskanermönch Martin Gregor mit dem Bau einer Wasserkunst, das heißt eines Pumpwerkes, beauftragt. 1496 war das Bauwerk vollendet. Eine Sage erzählt, dass der Mönch flüchtete, weil kein Wasser floss. Auf dem südlich von Bautzen gelegenen Dromberg, dem Traumberg, soll er geträumt haben, dass ein Frosch die Leitung verstopfte. Er schlich sich heimlich zurück und entfernte das Hindernis, und siehe, das Wasser floss wieder.“

          Alte Pracht in neuem Glanz: Doch nicht alles, was in Bautzen glänzt, ist auch Gold wert.
          Alte Pracht in neuem Glanz: Doch nicht alles, was in Bautzen glänzt, ist auch Gold wert. : Bild: Amadeus Waldner

          Die Wasserkunst ist nur der Auftakt zu einem anderen Turm darüber, dem der Michaeliskirche, des scharfkantigen, eckigen Bruders, der – wie es sich für einen Kirchturm gehört – einen nadelspitzen, türkisgrünen Kupferhelm mit einem goldenen Kreuz auf der Spitze trägt. Unter den beiden duckt sich das Mühltor, durch dessen Torbogen der Weg steil auf den Eselsberg führt, auf dem einst die Esel ihre Lasten vom Fluss in die Stadt trugen. Und ganz oben über allen Türmen schwebt eine schneeweiße Himmelsburg und schaut unendlich weit über ihre Stadt ins Sorbenland. Hier, auf der Ortenburg, wurde 1018 der Friedensvertrag zwischen dem Heiligen Römischen Reich und Polen geschlossen. Von hier aus regierte der König von Ungarn sein weites Reich, das von Luxemburg bis Galizien reichte.

          Bautzen ist die Stadt der Türme. Zwölf mittelalterliche Türme tanzen um die Altstadt einen steinernen Reigen wie die Geschlechtertürme von San Gimignano, ein Panoptikum skurriler Formen und Stile. Es gibt kurze, dicke Stummel und lange, dünn wie riesige Bleistifte, runde Zylinder und quadratische, eckige mit scharfen Kanten. Die einen sind verputzt und weiß gestrichen, die anderen aus rohen Blöcken geschichtet. Einige tragen einen Hut aus Kupferblech, andere einen ziegelroten Spitzkegel. Einer, der Reichenturm, ist sogar schief wie der Schiefe Turm von Pisa und neigt sich tatsächlich bedrohliche 1,44 Meter zur Seite. Alle sind sie in Jahrhunderten nach der wechselnden Laune der Fürsten und ihrer Baumeister entstanden. Sie haben als Einzige den immerwährenden, erbitterten Belagerungen und Zerstörungen widerstanden, die die Stadt in Schutt und Asche gelegt haben. Sie zeigten den Angreifern ihre Zähne und Kanonen und konnten doch nicht verhindern, dass 1634 die mittelalterliche Stadt durch einen verheerenden Brand zerstört wurde, den Wallenstein legen ließ. Bautzen war immer heiß umkämpft, es war die Stadt der weltlichen Macht, während Görlitz eine friedliche Händlerstadt war.

          In Stein gehauene Herrschaftsgeschichte

          Die neuen Straßen haben die alte Via Regia verschluckt. Wir suchen ihre Spuren, wandern vom schiefen Reichenturm durch die prächtige Reichenstraße, im Mittelalter die Straße der reichen Kaufleute, zum Hauptmarkt, der von dem zitronengelben Rathaus beherrscht wird wie von einem italienischen Palazzo in Florenz, verlieren sie in den engen, schmalen Gassen und finden sie wieder am Schülerturm, an dem sie aus dem Untergrund auftaucht und die Stadt durch das große Tor verlässt hinunter zur Spree. Bautzen ist in Stein gehauene Herrschaftsgeschichte, imposant, gewaltig und großartig. Doch wir wissen noch nicht, welche die schönere der beiden Schwestern ist, Bautzen oder Görlitz, die eine mit ihrer romantischen, verspielten Eleganz oder die andere mit der triumphierenden Wucht ihrer Kulisse.

          Und dann haben wir am Ende doch noch die Romantik in Bautzen gefunden. Ein verborgener Ort nimmt uns in seine Stille auf, die durch den großen Brand zerstörte Nikolaikirche an der Stadtmauer, von der nur noch die Außenwände und ein Spitzbogen stehengeblieben sind. Wir rasten andächtig auf dem Rasen zwischen den Grabsteinen eines kleinen Friedhofs im ehemaligen Längsschiff, zwischen den zerbröckelnden Mauern und dem leeren, verlassenen Chor, in dem Bäume die Heiligenfiguren ersetzen. Dort, wo früher die Decke war, ist nun nichts als der offene Himmel. Durch die leeren Fensterhöhlen blicken wir stumm hinunter auf die glitzernden Wasser der Spree. Und unter uns verschwindet die Via Regia weit hinten im Tal.

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