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Via Regia : So vergänglich ist aller Ruhm der Welt

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Alles sieht so alt aus: Görlitz, das größte zusammenhängende Flächendenkmal Deutschlands. Bild: dpa

Im Mittelalter war sie die längste Handelsstraße Europas. Heute ist sie manchmal nicht mehr als ein Feldweg – und atmet trotzdem noch immer Geschichte: Ein kleines Stück auf der Via Regia von Görlitz nach Bautzen.

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          Wir sitzen bei polnischem Bier in Zgorzelec und betrachten die Silhouette von Görlitz gegenüber auf der deutschen Seite. Zwischen den beiden Ufern schießt das Hochwasser der Neiße in einer brüllenden Walze über das Wehr. Und darüber, am Steilufer, faltet sich wie ein gewaltiger Scherenschnitt die Kirche St. Peter und Paul mit ihren beiden Spitztürmen und unzähligen Fialen vielzackig vor dem pfirsichfarbenen Abendhimmel auf, in den letzten Sonnenstrahlen erglühend wie auf einem Gemälde von Caspar David Friedrich. Neben ihr versinkt das Waidhaus mit seinen über die Fassade tanzenden Fensterhöhlen im Abenddunkel, das älteste profane Gebäude der Stadt, im Mittelalter Stapelhaus für die Tuchfärberpflanze Waid, diesen sündhaft teuren, leuchtend blauen Farbstoff, der den Kaufleuten von Görlitz einst unermesslichen Reichtum brachte.

          Über die Neiße schwingt sich in elegantem Schwung die neue Altstadtbrücke als Ersatz für die mittelalterliche Steinbrücke, die in den letzten Kriegstagen von den abziehenden deutschen Truppen gesprengt wurde, um den Vormarsch der Roten Armee zu stoppen. Vergeblich. Dort, wo heute über die Brücke die Polen von Ost nach West kommen, um in Görlitz zu arbeiten, und die Deutschen von West nach Ost fahren, um in Zgorzelec billige Zigaretten und Alkohol zu kaufen, überquerte im Mittelalter die Via Regia, aus den Weiten Polens von Krakau her kommend, den breiten Fluss. Sie ist eine uralte Verkehrs- und Handelsstraße, erstmals als „strata regia“ 1252 in einer Urkunde des Markgrafen Heinrich von Meißen erwähnt. Die Via Regia stand unter besonderem Friedensschutz des Königs, war im Mittelalter die längste Handelsstraße Europas und führte von Kiew bis Santiago de Compostela. Auf ihr ritten Könige, Feldherren und Kaufleute und wanderten die Jakobspilger zum Grab ihres Heiligen.

          Nach der Wende wachgeküsst

          Im 19. Jahrhundert aber, nach der Neuordnung Europas durch Napoleon, erlosch ihre Bedeutung. Sie geriet in Vergessenheit und ist erst vor einigen Jahren als „Ökumenischer Pilgerweg“ wiedererweckt worden, der auf einer Länge von 450 Kilometern durch Sachsen und Thüringen von Görlitz über Bautzen, Leipzig und Erfurt bis nach Eisenach führt – durch einsame Natur, historische Städte, alte Kulturlandschaften und ein bedeutendes Stück deutscher Geschichte. Wir beginnen unseren Weg in Görlitz, werden dann durch die Oberlausitz und das Land der Sorben wandern und lassen ihn nach drei Tagen in Bautzen an der Spree enden, immer auf der Suche nach den Spuren der alten Königsstraße.

          Görlitz wurde im Krieg kaum zerstört, obwohl es direkt an der Ostfront lag. Die DDR ließ es in einem Dornröschenschlaf elend herunterkommen. Es überlebte unberührt die Umbauten, Abbrüche und Veränderungen der Nachkriegsmoderne und des Realen Sozialismus und erwachte nach der Wende wie wachgeküsst, ein unzerstörtes Kleinod seiner spätgotischen, barocken und Renaissance-Vergangenheit, das steinerne Museum einer siebenhundertjährigen Architekturgeschichte. Da fast alles so geblieben ist, wie es vor dem Krieg war, brauchte es nur, mit Mühe und viel Geld zwar, restauriert, gestrichen, lackiert und goldbeschichtet zu werden, um wie ein Phönix aus der Asche aufzusteigen.

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