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Via Regia : So vergänglich ist aller Ruhm der Welt

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Alles ist alt, oder sieht zumindest so aus

Die ganze Stadt ist ein einziges Architekturmuseum, scheinbar vergessen vom Getriebe der Welt und der Neuzeit, ein Flanierort mit gewundenen Straßen und Gassen, verschwiegenen Plätzen und Durchgängen, mit altertümlichen Kramläden, romantischen Hotels und Weinstuben in alten Höfen. Es ist, als sei man durch eine Tür eingetreten in ein verzaubertes Gestern, als blicke man zurück in die Vergangenheit einer schönen und reichen Stadt, die sich nie verändert hat und heute wirkt wie eine Theaterdekoration, die nie abgeräumt worden ist. Man hat das Gefühl, man schlendere umher auf der Suche nach der verlorenen Zeit und habe sie auf einmal wiedergefunden.

Görlitz ist das größte zusammenhängende Flächendenkmal Deutschlands und besitzt viertausend unter Denkmalschutz stehende Häuser, mehr als jede andere Stadt im Land. Es hat eine der am besten erhaltenen Altstädte Mitteleuropas und zeigt lückenlos die Entwicklung der Baukunst vom 13. bis zum frühesten 20. Jahrhundert. In Görlitz ist alles alt, oder es sieht zumindest so aus. Die Straßen sind gepflastert mit den alten gewölbten Granitsteinen, die Dellen und Sprünge haben vom Lauf der Zeit. Und wenn man ganz still ist, meint man, die schweren hölzernen Fuhrwerke sechsspännig die Straßen hinaufholpern zu hören, von peitschenknallenden Knechten begleitet, hochbeladen mit ihrer wertvollen Fracht, Tuche aus Flandern, Pelze, Wachs und Honig aus Russland, Weine aus Ungarn und mundgeblasenes Glas aus Böhmen. Knarrend öffnen sich die riesigen Tore und lassen die Wagen in verborgene Innenhöfe hinein, in denen Knechte die Reichtümer in die Lagerhallen und Keller tragen.

Die Kirche St. Peter und Paul, von polnischer Seite über die Neiße hinweg gesehen.
Die Kirche St. Peter und Paul, von polnischer Seite über die Neiße hinweg gesehen. : Bild: Matthias Lüdecke

Stündlich fällt die Kinnlade herab

Jenseits der ehemaligen Festungsmauer strebt die Via Regia auf der heutigen Neißstraße in die Altstadt zum Untermarkt hinauf. Nach den ersten Häusern öffnet sich ein Vorhang und gibt den Blick frei auf eine barocke Theaterbrücke, auf der Schein und Wirklichkeit verschwimmen. Wie eine Opernkulisse staffelt sich Prunkfassade auf Prunkfassade, ist ein Portal größer und breiter als das andere, tragen korinthische Säulen Architrave und Archivolten über schweren dunkelbraunen geschnitzten Toren, zeigen Kartuschen den vergoldeten Namen und das Wappen ihres Besitzers, tragen Engel und Atlanten geschwungene Zierbalkone, schwingen sich Gipsgirlanden mit exotischen Früchten an Fassaden entlang – eine Parade der Eitelkeiten, mit der die Görlitzer Kaufleute ihren immensen Reichtum zur Schau stellten.

Der Untermarkt ist eine Schaubühne des Mittelalters. Man denkt, dass er gerade erst fertiggestellt worden ist, so neu sieht er aus, und erwartet jeden Moment reich gekleidete Händler in ihren Pumphosen und ihre Damen mit spitzen Schleierhüten zu einem festlichen Auftritt. Die Kulisse steht schon bereit: der Schönhof mit seinem ziegelroten Erker, das älteste Renaissance-Bürgerhaus Deutschlands; der ungarische König Matthias Corvinus, zu dessen Reich Görlitz im frühen sechzehnten Jahrhundert gehörte, brachte Renaissance-Baumeister und -Künstler von Budapest hierher. Und gegenüber prunkt das Alte Rathaus mit seiner geschwungenen Ratstreppe und der Justitia mit verbundenen Augen und Schwert und Waage auf luftiger Säule. Auf sie blickt stolz und herrisch der Ungarnkönig aus seinem steinernen Wappen in der Turmwand. Der Höhepunkt aber ist die Doppeluhr am Rathausturm von Bartholomäus Scultetus, von der die obere eine Mondphasenuhr ist, die untere einen Zwölf- und Vierundzwanzigstundenkreis um einen Männerkopf im Zentrum beschreibt, den „sprechenden Bürgermeister“ – kein geringerer als der Astronom und Bürgermeister Scultetus selbst, dessen untere Kinnlade zu jeder Stunde herunterfällt, sehr zur Gaudi der Touristen, die schon in Scharen auf den denkwürdigen Moment warten.

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