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Verständigung auf Reisen : Mit Händen und Füßen

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Hä? Wer in der Ferne den Mund aufmacht, kann etwas erleben. Bild: Illustration: Fehmi Baumbach

Zehn Reiseanekdoten über die hohe Kunst, sich falsch zu verstehen

          8 Min.

          „Bú tài quài!“

          Der Taxifahrer wurde richtig sauer, und ich war es auch, ich schrie ihn mit den immer gleichen Worten an: „Bú tài quài!“, und er schrie auch. Unterdessen beschleunigte er immer halsbrecherischer seinen Wagen auf dem Pekinger Dritten Ring, wechselte immer tollkühner die Spur, so dass ich immer lauter schrie. „Nicht so schnell!“, sollte das heißen, was ich mir nach meinen ersten Chinesischstunden Wort für Wort zurechtgelegt hatte: „bú“ heißt „nicht“, „tài“ heißt „so“, „quài“ heißt „schnell“, das sollte doch klar sein! Aber irgendwie kam das bei diesem Fahrer nicht so gut an, er ergrimmte immer mehr, fuhr schneller und rief sehr bestimmt irgendetwas mit „quài“, was ich jetzt nicht mehr rekonstruieren kann. Fühlte er sich in seinem Recht auf Geschwindigkeit so sehr in seinem Innersten verletzt („Lieber tot als langsam fahren“)? Die Sprache kam nicht einfach nur an ihre Grenzen, sie geriet in einen Taumel, der nach meinem Gefühl bedenklich nah an einen Todesrausch grenzte. Erst als das Taxi abrupt hielt und der Fahrer wütend auf den Tachometer zeigte, merkte ich, wie sehr ich mich geirrt hatte. Er hatte angenommen, dass ich nicht so viele Quài bezahlen wollte, wie dort angezeigt waren; Quài ist die umgangssprachliche Bezeichnung für das chinesische Geld, den Yuan Renminbi. Beschämt zahlte ich, bemühte mich noch um besänftigende Abschiedsworte. So funktioniert die chinesische Sprachlogik einfach nicht; wie ich später lernte, hätte ich weiter ausholen und sagen müssen: „Bú yào kai de tài quài“ (man sollte nicht zu schnell fahren). Vor allem hätte ich nie so halsstarrig auf der Erwartung beharren dürfen, dass bestimmte Worte in einem bestimmten Zusammenhang etwas Bestimmtes bedeuten, so funktioniert Verständigung unter Menschen einfach nicht.

          Mark Siemons

          „Kwa heri, ya kuonana!“

          Mit „Asante sana“ ging es los. Das sagte der Typ im Buschflieger vor mir nach einer holprigen Landung im Selous, einem tansanischen Wildreservat. „Asante sana“ heißt Danke auf Swahili. Wir waren auf Safari, und ich nahm mir vor, in sieben Tagen so viel Swahili zu lernen wie möglich. Fortan löcherte ich jeden mit Fragen. Kellner und Ranger kannten mich bald mit Namen. Ich war maßlos enttäuscht, wenn einer kein Swahili konnte, dafür bloß Luguru, Showa, Xhosa oder Suthu, das braucht doch kein Mensch. Ich lernte: „Mto“ war der Fluss, an dem wir wohnten. „Samaki“ der Fisch, den wir aßen. „Bui Bui“ die große Spinne im Zelt und „Ndovu“ der Elefant, den wir beim „Lala“ (beim Schlafen) störten. Kühn probierte ich Satzstellungen aus, und dann konnte ich endlich meinen ersten Satz sprechen: „Mimi uma mbu.“ Alle freuten sich mit mir, denn ich hatte gerade gesagt: „Ich beiße den Moskito.“ Nach einer Woche kehrten wir zurück nach Deutschland. Im Taxi auf dem Weg nach Hause erzählte ich meinem Freund von der Reise, den netten Menschen, den wilden Tieren, der Hitze, und fragte, ob er überhaupt wisse, dass „Ndege“ nicht nur „großer Vogel“ heiße, sondern auch „Flugzeug“. „Ich“ war „Mimi“ und „Du“ hieß „Wewe“. Der aus Österreich stammende Taxifahrer schwieg. Als wir vor der Haustür angekommen waren, lud er den Koffer aus, drehte sich noch mal um und sagte: „Kwa heri, ya kuonana!“ Er grinste in unsere erstaunten Gesichter: „Das heißt ,Auf Wiedersehen‘. Auf Swahili.“

          Arezu Weitholz

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