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Neuseeland : Verspielt, verzecht, verhurt

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Wer glaubt, im hintersten Winkel des einsamsten Endes der Erde sei nie etwas los gewesen, wird von dieser Wandzeitung in Greymouth eines Besseren belehrt. Sie illustriert den Goldrausch mit all seinen Triumphen und Tragödien. Bild: Stefan Spath

Vor hundertfünfzig Jahren brach im Westen der Südinsel Neuseelands ein Goldrausch aus. Sein Geist weht immer noch durch die rauhe Gegend. Doch die Schätze sind heute ganz andere.

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          Wie ein langgezogener Keil zwängt sich diese Küste zwischen die schneebedeckten Gipfel der Südalpen und die sturmgepeitschte Tasman-See. Sechshundert Kilometer ist sie lang, nur wenige Dutzend Kilometer breit, eine Region so groß wie Mecklenburg-Vorpommern, aber mit dreißigtausend Menschen so spärlich besiedelt, dass man einander höchstens in den Pubs auf den Füßen steht. Dabei war es gerade diese Ecke Neuseelands, die sich den Augen europäischer Entdecker als erste präsentierte. Im Dezember 1642 erhaschte der Holländer Abel Tasman einen Blick auf eine Bergkette, die sich bis zu 3700 Meter am östlichen Horizont auftürmt. Eine Landung schien ihm wohl als zu großes Wagnis, genauso wie 128 Jahre später dem nächsten Besucher aus Übersee. „Diesig“, „nebelverhangen“, „böig“ - wenig Schmeichelhaftes wusste Weltumsegler James Cook zu berichten. Der Engländer befürchtete, die hartnäckigen Westwinde könnten seine „Endeavour“ an der unwirtlichen Küste zerschellen lassen. Und die Region würde wohl heute noch im Dornröschenschlaf liegen, wäre nicht ein Ereignis mit der Wucht eines typischen Westcoast-Sturms über sie hereingebrochen: der Goldrausch von 1865.

          Kein Mythos trieb die Menschen des 19. Jahrhunderts so sehr um wie die Jagd nach dem gelben Edelmetall. Die Aussicht, als Habenichts loszuziehen und als Krösus zurückzukehren, elektrisierte die Massen und stellte die halbe Welt auf den Kopf. Kalifornien gab 1848/49 die Premiere. Als in den fünfziger Jahren die „Gold! Gold! Gold!“-Rufe in Australien ertönten, wuchs die Bevölkerungszahl am entgegengesetzten Ende des Pazifiks binnen weniger Jahre auf das Dreifache. 1861 wiederholte sich die Hysterie in kleinerem Maßstab in der neuseeländischen Provinz Otago. Nur wenige Jahre später zog die Karawane weiter an die Westküste der Südinsel. Von den dort lebenden Maoris kam die Kunde, dass das von den Europäern so begehrte gelbe Metall am Greenstone Creek zu finden sei.

          Vom verschlafenen Nest zur irrlichternden Boomtown

          Doch es gab ein Problem: Die Küste war ein einziger weißer Flecken auf der Landkarte. Wer in das neue Dorado wollte, musste den gefährlichen Saumpfaden der Ureinwohner über die Berge folgen, reißende Flüsse überqueren und in Urwäldern, in denen es nichts Nennenswertes zu jagen gab, überleben. Der Seeweg erschien nur eine Spur verlockender, existierten doch über Hunderte von Kilometern keine guten Häfen. So dauerte es bis zum 20. Dezember 1864, ehe der „West Coast Gold Rush“ tatsächlich in die Gänge kam. An diesem Tag gelang es erstmals einem kleinen Dampfer, der SS Nelson, die Sandbank vor der Mündung des Hokitika River zu passieren und flussaufwärts zu ankern. Das Schiff hatte jede Menge Ausrüstung an Bord, und so konnte der Goldrausch 1865 losbrechen.

          Hokitika erlebte einen kometenhaften Aufstieg vom verschlafenen Nest zur irrlichternden Boomtown. Mit seinem Hafen, mochte er auch noch so bescheiden sein, hatte der Ort die Nase vorn im Wettrennen zu den Goldrevieren. Es dauerte nur wenige Wochen, da trampelten Tausende Glücksritterstiefel über die Behelfskais in die Stadt. Binnen weniger Wochen zimmerten Handwerker die ersten von insgesamt hundert Hotels zusammen, für die Hokitika so berühmt wie berüchtigt werden sollte. Dort floss der Alkohol in Strömen, während vermeintliche Glückspilze ihr Vermögen verzechten, verspielten oder bei Prostituierten ließen. Besonders raffinierte Gauner versteckten Goldstaub in wertlosen Minen, um diese Greenhorns unterzujubeln. Dieser rauschhaften Zeit setzte die Neuseeländerin Eleanor Catton in ihrem Roman „The Luminaries“ ein Denkmal. Er ist so packend geschrieben, dass der Achthundertfünfzig-Seiten-Wälzer im Jahr 2013 den Man Booker-Preis gewann, eine der wichtigsten Auszeichnungen der englischsprachigen Literatur.

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